23.01.2019, 15:22 Uhr

Schneeregionen „Weißes Leichentuch!“ Der Winter brachte das Wild in arge Not

Ein Hirsch stapft durch tiefen Schnee, der ihm bis zum Bauch reicht. (Foto: pm/stmelf/H.-J. Fünfstück)Ein Hirsch stapft durch tiefen Schnee, der ihm bis zum Bauch reicht. (Foto: pm/stmelf/H.-J. Fünfstück)

Tier- und Naturschützer fordern sofortiges Einstellen der Jagd.

DEGGENDORF Über eine Woche lang hatten Schneemassen in der zweiten Kalenderwoche die Landkreishälfte nördlich der Donau in ihrem eisigen Griff. Bäume stürzten wie Mikadostäbe auf die Straße, es kam zu etlichen Unfällen. Doch nicht nur der Mensch litt unter der unvermittelten Attacke von General Winter. Über die Wälder legte sich ein regelrechtes „weißes Leichentuch“. Tierschützer beklagen massive Verluste an Rehwild. Ein Aktionsbündnis von Tier- und Naturschutzverbänden fordert deshalb ein sofortiges Jagdverbot und Akuthilfe.

Ungleich schwerer als den Bayerwald hat es den bayerischen Bergwald in den Alpen erwischt. Im bayerischen Berggebiet geht man von massiven Verlusten von Reh-, Gams- und Rotwild aus. Aber auch hierzulande kämpft das Wild um nackte Überleben. „Unsere Forderung betrifft die Berglandkreise, und dazu gehören auch die Mittelgebirge mit ebenso enormen Schneemassen und der kaum noch zugänglichen Wildäsung für Reh- und Rotwild“, erklärt Dr. Christine Miller, 1. Vorsitzende von Wildes Bayern, gegenüber dem Wochenblatt. Gerade die langbeinigen Pflanzenfresser würden zum Teil wie einbetoniert in den nassen Schneemassen feststecken, ohne Chance irgendwie Nahrung zu erreichen. Die plötzlich einsetzenden, massiven Schneefälle der vergangenen Woche hätten ein weißes Leichentuch über die Wälder und Berggebiete gelegt.

Deshalb haben in einer ungewöhnlichen Allianz zwei Tierschutz- und zwei Naturschutzvereine einen Eilantrag an Regierung und Ministerium gestellt. Mit von der Partie sind der Deutsche Tierschutzbund (DTB), Landesverband Bayern, der Bund gegen Missbrauch der Tiere (bmt) und der Verein für Landschaftspflege und Artenschutz in Bayern (VLAB). Die Federführung übernahm der Verein „Wildes Bayern“.

„Unsere Forderungen sind klar und zielgerichtet, da gibt es kein Verhandeln“, so Dr. Christine Miller, Vorsitzende von Wildes Bayern: „Sofortige Einstellung der Jagd im Berggebiet, Anordnung von Sofortmaßnahmen zur Linderung der Not von Wildtieren im Berggebiet und keine erneute Bejagung, bevor nicht ermittelt wurde, wie es den überlebenden Tieren geht.“ Sie betont: „Es darf 2019 kein Schuss im Berggebiet fallen, bevor nicht klar ist, wie es denn Wildtieren geht!“

Notfallmaßnahmen müssten aber auch für andere besonders notleidende Wildarten ergriffen werden, wie zum Beispiel viele Greifvögel und Raufußhühner. „Wir haben den Tieren immer mehr Lebens- und Rückzugsräume genommen“, pflichtet auch Tessy Lödermann, die Vizepräsidentin des DTB, Landesverband Bayern, bei. „Jetzt müssen wir ihnen helfen, damit sie nach dieser Schneekatastrophe in unserer Kulturlandschaft zu überleben.“ Dr. Christine Miller betont deshalb: „Sollte unser Eilantrag – und die akute Nothilfe für unsere Wildtiere – nicht berücksichtigt werden, werden wir wohl die Frau Staatsministerin persönlich davon überzeugen müssen, dass zu Bayern auch Wildtiere gehören und die Regierung und ihre Forstbetriebe sich auch mal etwas anstrengen müssen, um diesen landeskulturellen Schatz für künftige Generationen zu erhalten.“

Die 1. Vorsitzende ist aber zuversichtlich, denn: „Inzwischen haben sich auch Politiker diesem Antrag angeschlossen.“

Auch Forstministerin Michaela Kaniber hat inzwischen dazu aufgerufen, bei Spaziergängen und sportlichen Aktivitäten in den tief verschneiten Regionen Bayerns Rücksicht auf die Wildtiere zu nehmen. Vor allem in den bayerischen Alpen hätten die massiven Schneefälle der vergangenen Wochen den Wildtieren stark zugesetzt, weil Fortbewegung und Futtersuche durch den hohen Schnee viel schwieriger seien.

„Rehe, Gämse und Hirsche sind zwar auch an harte Winter gut angepasst, dürfen aber gerade nach den extremen Schneefällen der letzten Wochen nicht beunruhigt werden“, sagte die Forstministerin in München. Wildtiere überleben den Winter, in dem sie ihren Körper in einen „Energiesparmodus“ versetzen. Sie versorgen sich dabei vor allem mit den im Sommer und Herbst gebildeten Fettreserven. Jede unnötige Störung zehre an den Kräften und verbrauche sehr viel Energie. Gämse, Hirsche, Rehe, aber auch Auer- und Birkwild bräuchten jetzt vor allem viel Ruhe. „Egal ob Skifahrer, Schneeschuhgeher, Rodler oder Spaziergänger – jeder sollte bei seinen Freizeitaktivitäten im Winter Rücksicht auf Wildtiere nehmen, auf ausgewiesenen Routen bleiben und keinesfalls Wildtiere absichtlich stören“, so Kaniber.

Die Entscheidung der Bayerischen Staatsforsten, die Jagd im Gebirge bis auf Weiteres einzustellen und alles dafür zu tun, den Fütterungsbetrieb beim Rotwild aufrecht zu erhalten, sei die richtige Antwort auf diese außergewöhnliche Lage.


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