24.01.2019, 11:04 Uhr

Revierjagdmeister im Interview Keine Panik: „Wildtiere sind Überlebenskünstler im Winter“


Sie müssen Hunger und Kälte trotzen: Revierjagdmeister Hubert Reiter erklärt, mit welchen Tricks Reh und Co. im Winter arbeiten und warum es jetzt besonders wichtig ist, die Wildtiere in ihrer Winterruhe nicht zu stören.

BERCHTESGADENER LAND. Kein prasselnder Kachelofen, kein heißer Punsch: Wie kommt eigentlich das Wild durch den Winter? In den Medien kursieren derzeit Bilder von tief im Schnee versinkenden Wildtieren. Mancherorts naht die „Futter-Rettung“ sogar per Hubschrauber in Form von abgeworfenen Heuballen. Wir wollten von Hubert Reiter, Revierjagdmeister bei den Bayerischen Staatsforsten im Forstbetrieb Berchtesgaden wissen, wie sich Reh, Rotwild, Gams und Steinbock in den großen Schneemengen zurechtfindet.

Herr Reiter, wie kommen die Tiere mit der aktuellen Extrem-Situation aus?

Das sogenannte Schalenwild – alle dem Jagdrecht unterliegenden Paarhufer – kommt mit diesem Winter besser zurecht, als es wir Menschen tun. Die Tiere sind seit Millionen von Jahren an solch große Schneemengen gewöhnt und können ihren Stoffwechsel dementsprechend anpassen.

Verraten Sie uns die „Überlebens-Tricks“ der Tiere?

Große Säugetiere wie Rotwild und Rehwild senken in der kalten Jahreszeit ihre Herzschlaganzahl. Statt minütlich 60 bis 70 Herzschläge, sind es beim Rotwild dann nur noch 30 bis 40. Die Tiere stehen oft bewegungslos in der Landschaft oder legen sich unter Bäume, um dort mit einem möglichst geringen Energieverbrauch auszuharren. Schalenwild ist ein hervorragender Energiesparer. Und auch der Verdauungstrakt wird gewissermaßen „kleiner“ und kommt mit weniger Nahrung aus. Auffällig war vor dem Winter, dass sich das Schalenwild ganz besonders viel Winterspeck angefressen hat. Die Tiere merken durch ihre Intuition, wenn harte Zeiten bevorstehen.

Rücksicht: Winterruhe der Wildtiere beachten!

Was aber tun, wenn zu viel Schnee fällt? Sollte man die Tiere dann durch Zufüttern bei Kräften halten?

Der Schnee ist grundsätzlich kein Problem. Zu schaffen machen dem Wild eher große Witterungsschwankungen im Winter. Solche gab es dieses Jahr glücklicherweise noch nicht. Grundsätzlich ist jegliche Art von Fütterung gegen die Natur. Man greift in uralte Abläufe ein und domestiziert die Tiere auf diese Art und Weise. Als Menschen mag es uns vielleicht grausam erscheinen, aber die Natur kennt keine Emotionen. Es geht nur ums Überleben und das Bestehen der Art. Wenn manche Tiere den Winter nicht überleben, ist das eine natürliche Auslese. Nur die Starken kommen durch. Diese garantieren dann auch den gesunden Fortbestand ihrer Art. Fütterungen sollten nur bei Rotwild durchgeführt werden. Aktuell versorgen wir die Tiere an unseren fünf Fütterungsstellen in Bad Reichenhall, Markt Schellenberg, Winkl, auf der Mordaualm und in Oberjettenberg.

Wieso wird nur das Rotwild gefüttert?

Diese Wildgattung wiegt rund 40 bis 120 Kilogramm. Dementsprechend müssen die Waldbewohner auch größere Mengen zu sich nehmen. Als Raufutterverwerter sind die Tiere früher bis an den Chiemsee in ihr Winterquartier gewandert und konnten sich dort mit leicht erreichbarer Nahrung voll fressen. Heute, aufgrund der Autobahn- und Straßensituation, müssen sie in ihrem Sommerquartier verweilen, in dem nur noch spärlich Nahrung verfügbar ist. Wenn wir hier als Jäger oder Förster nicht zufüttern, hätte man massive Schäden im Wald.

Darf denn im Moment überhaupt geschossen werden?

Bei extremer Schneelage sollte die Jagd aus Tierschutz- und ethischen Gründen ruhen. Das Wild zieht sich zurück, es herrscht „Notzeit.“ Jede Aufregung oder Stress muss vermieden werden, da die Tiere dabei unnötig Energiereserven verbrauchen. Daher gilt auch unser Appell an alle Spaziergänger und Wintersportler: Bleibt bitte auf den ausgeschilderten Wegen und scheucht die Tiere im Unterholz nicht auf. Die Winterruhe zu achten hat oberste Priorität und gewährleistet das Tierwohl. Auch emotionaler Aktionismus, wie zum Beispiel von Privatpersonen ausgestreutes Futter für die Waldbewohner, schadet dem Wild!


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