23.10.2019, 12:20 Uhr

Entdeckt Alpenspitzmaus ist jetzt auch Bayerwaldlerin

(Foto: Dr. Richard Kraft)(Foto: Dr. Richard Kraft)

Waldbirkenmausprojekt stöbert seltene Arten auf.

REGEN/DEGGENDORF Bei herrlichem Herbstwetter trafen sich Aktive des Landesbundes für Vogelschutz (LBV) und des BUND Naturschutzes mit Kleinsäugerspezialisten im Bayerischen Wald, um die Ergebnisse des Waldbirkenmausprojektes zu diskutieren.

Bereits im zweiten Jahr wurden während des Sommers auf vier ausgewählten Flächen der beiden Naturschutzverbände insgesamt 20 Wildtierkameras aufgestellt. „Das ist eine hervorragende Möglichkeit, mehr über die Bewohner unserer Biotope zu erfahren, ohne die Tiere dabei zu stören,“ erklärt Ruth Waas, Biologin beim LBV.

Das erste Ziel des Projektes ist die Suche nach der Waldbirkenmaus. Sie zählt zu den seltensten Säugetieren Mitteleuropas und hat hier im Bayerischen Wald im Verbund mit Tschechien und Oberösterreich ihr größtes zusammenhängendes Verbreitungsgebiet in Mitteleuropa. Ansonsten kommt sie in Bayern nur noch im Oberallgäu vor. „Wir haben deshalb eine besondere Verantwortung für diese Art und die nehmen wir sehr ernst“, meint dazu Karel Kleijn, der sich seit vielen Jahren um Grundstücke des BUND Naturschutz im Landkreis Freyung-Grafenau kümmert. Damit man Verantwortung übernehmen kann, muss man aber erst einmal die Wissenslücke über die Verbreitung der Art schließen. Deshalb haben sich LBV und BUND Naturschutz letztes Jahr zusammengetan und bei der Regierung von Niederbayern ein Projekt beantragt. Durch die Förderung aus Mitteln des Biodiversitätsprogrammes NaturVielfaltBayern des Bayerischen Staatsministeriums für Umwelt und Verbraucherschutz und das ehrenamtliche Engagement der Aktiven konnten jetzt zwei Jahre lang in über 300.000 Fotos Nachweise erbracht werden.

Bereits letztes Jahr wurde auf einer Fläche die Waldbirkenmaus neu entdeckt. Das ist auch heuer wieder gelungen. Bei dem neuen Fundort handelt es sich um eine Feuchtfläche im Wald nahe der tschechischen Grenze. Der BUND Naturschutz konnte das Grundstück vor rund zehn Jahren kaufen. In den 50er Jahren war hier Fichtenforst gepflanzt worden. Das Klimaschutzprogramm des Freistaates Bayern ermöglichte den Ankauf und erste Schritte zur

Renaturierung des moorigen Grundstückes. Trocken gefallene Moore setzen Treibhausgase frei. Wenn es gelingt, durch die Wiedervernässung das Moor zu reaktivieren, können Klimagase gebunden werden. Von der Rückkehr des Wassers profitiert aber nicht nur unser Klima, sondern auch die seltene Waldbirkenmaus. „Waldbirkenmäuse sind nicht sehr konkurrenzstark. In den Mooren des Bayerischen Waldes ist es der Mäusekonkurrenz oft zu nass und zu ungemütlich“, erklärt David Stille, der gemeinsam mit seinem Kollegen Dr. Richard Kraft geeignete Flächen für die Kameras ausgesucht hat und die Fotos auswertet.

Auf den anderen drei Untersuchungsflächen wurden keine Waldbirkenmäuse nachgewiesen. Umsonst waren die Bemühungen aber auch dort nicht. Ganz nebenbei wurden hier viele andere Arten von den Fotofallen erfasst, etwa Haselmäuse, Sumpf- und Wasserspitzmäuse und die seltene Zwergmaus.

Besonders gefreut haben sich die Experten über neue Vorkommensnachweise der Alpenspitzmaus. Wie der Name schon vermuten lässt, sind Alpenspitzmäuse vor allem in den Alpen verbreitet. Hier sind sie auch noch recht häufig. Daneben gibt es einige isolierte Restvorkommen in den Mittelgebirgen, die infolge des Klimawandels vom Aussterben bedroht sind und gemäß Roter Liste und internationaler Regelwerke besonderen Schutzstatus genießen. Die neuen Nachweise im Bayerischen Wald zeigen, dass Feuchtbiotope wie Moore und Feuchtwiesen Rückzugsinseln für diese kälteliebende Kleinsäugerart sind. Der hintere Bayerische Wald ist dafür bekannt, dass er mit seinen kühlen Hochlagen eine Rückzugsinsel für sogenannte Eiszeitrelikte ist. Dabei handelt es sich um Arten, die sich nach der letzten Eiszeit auf die besondere Standorte in den Hochlagen zurückziehen mussten, weil sie ihm im Rest von Bayern – vor allem im milderen Flachland – mit der starken Konkurrenz nicht mithalten können. „Es ist bemerkenswert, dass wir die Alpenspitzmaus nicht nur auf den Flächen im hinteren Bayerischen Wald gefunden haben, sondern auch auf der Rusel, viele Kilometer vom Verbreitungszentrum der Art in den Hochlagen des Hinteren Bayerischen Waldes entfernt“, freut sich David Stille.

Hier wurden heuer fünf Kameras auf einer Fläche des LBV aufgebaut. Seit 17 Jahren kümmert sich die Kreisgruppe des Landebundes für Vogelschutz um eine moorige Fläche mit knapp 1,5 Hektar. Das Grundstück wird durch Mahd offen gehalten, es gibt aber auch verstreut kleine Gebüschgruppen, Gräben und Hochstaudenfluren. Gerade dieses bunte Mosaik an Lebensraumtypen scheint für viele Arten lebenswichtig und interessant zu sein. Neben der schon erwähnten Alpenspitzmaus freuen sich hier die Aktiven des LBV auch über den Nachweis der Zwergmaus, der kleinsten europäischen Maus. Sie lebt in Schilfbeständen und feuchten Hochstaudenfluren, meist in der Nähe von Gewässern. Infolge der Trockenlegung von Feuchtbiotopen und nachfolgender land- oder forstwirtschaftliche Nutzung sind viele Lebensräume dieser Art verschwunden. Die Zwergmaus gilt daher als eine der seltensten Kleinsäugerarten Bayerns. So gibt es aus dem gesamten Bayerischen Wald bisher bis zum Beginn der Untersuchung von David Stille und Richard Kraft nur drei gesicherte Nachweise, der letzte stammt aus dem Jahr 1983.

„Die Nachweise von Waldbirkenmaus, Alpenspitzmaus und Zwergmaus zeigen, dass Erhaltung und Pflege von Mooren, Schilfgürteln, Seggenrieden und Feuchtwiesen durch landschaftspflegerische Maßnahmen zum Erhalt einiger der seltensten Kleinsäugerarten Europas entscheidend beitragen“, so die LBV-Experten.


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