05.09.2019, 12:43 Uhr

Angekommen Junge Waldrappe auf Rekordflügen in die Toskana

(Foto: Waldrappteam)(Foto: Waldrappteam)

Es war die sechste menschengeführte Migration im Rahmen des laufenden LIFE+ Projektes und die 14. insgesamt. Zudem war es die mit Abstand erfolgreichste Migration überhaupt.

BURGHAUSEN/LAGUNA DIE ORBETELLO Am 26. August landeten zwei Fluggeräte mit Johannes Fritz und Walter Holzmüller als Piloten und den beiden Ziehmüttern Helena Wehner und Anne-Gabriela Schmalstieg als Co-Piloten am Rande des WWF Schutzgebietes Laguna di Orbetello in der südlichen Toskana, dicht gefolgt von 29 jungen Waldrappen, die sich nach der Landung eng um die beiden Ziehmütter scharten.

Begonnen hatte die Reise am 14. August 2019 am Segelflugplatz Heiligenberg in Baden-Württemberg. In sieben Etappen querte das Team die Alpen, die Poebene und den Apennin, legte eine Strecke von rund 900 km zurück und überbot die Leistungen früherer Flüge gleich in mehrerer Hinsicht. Beim Queren der Alpen erreichte die Flugformation eine Höhe von 2900 Metern und war damit um annähernd 300 Meter höher als jemals zuvor. Unterstützende Winde beschleunigten den Flug der Vögel und Fluggeräte von den üblichen 45 km/h auf bis zu 77 km/h. Auch über dem Apennin konnten sich Vögel und Fluggeräte in kräftigen Aufwinden auf bis zu 2300 Meter hochschrauben und erreichten dabei Steigwerte von bis zu 9 Metern pro Sekunde.

Projektleiter und Pilot Johannes Fritz: Es ist nicht das Ziel unseres Projektes immer neue Höchstleistungen zu liefern. Aber diese Rekordflüge zeigen das große Potential der menschengeführten Migration für den Artenschutz und sie sind ein beeindruckendes Zeugnis für das Leistungsvermögen dieser Zugvögel.

Der Waldrapp zählt zu den bedrohtesten Zugvogelarten der Erde. Es gibt nur mehr eine Population wilder Vögel in Marokko. Die erfolgreiche Erhaltungszucht in Zoos bildet die Grundlage zur Wiederansiedlung dieser Zugvogelart in geeigneten europäischen Lebensräumen. Das europäische LIFE+ Projekt, an dem acht Partner aus Deutschland, Österreich und Italien beteiligt sind, hat die Wiederansiedlung einer wildlebenden Population zum Ziel. Den Nachkommen von Zoovögeln muss eine Zugroute in ein geeignetes Wintergebiet gezeigt werden, bevor sie ausgewildert werden. Diesem Zweck dient die menschengeführte Migration.

Nach der Ankunft im Wintergebiet bleiben die Jungvögel für einige Wochen in einer Voliere, um sich an das Umfeld zu gewöhnen. Dann werden sie freigelassen und integrieren sich in die ausgewilderte Population, die zurzeit rund 130 Tiere umfasst. Erst mit Erlangen der Geschlechtsreife im dritten Lebensjahr werden die Vögel als Gründer einer neuen Brutkolonie in Überlingen am Bodensee selbständig nach Baden-Württemberg zurückfliegen.

Zwei Brutkolonien wurden mit der Methode der menschengeführten Migration bereits gegründet, in Burghausen (Bayern) und in Kuchl (Land Salzburg). Seit Jahren kehrt eine zunehmende Zahl von Waldrappen jedes Frühjahr an diese beiden Orte zurück um zu brüten. In diesem Jahr wurden dort in 12 Nestern 37 Küken flügge, um 42 % mehr als 2018! Diese Jungvögel wachsen ohne Zutun des Menschen auf und folgen im Herbst ihren Artgenossen in das Wintergebiet in der Toskana. Derzeit halten sich insgesamt 58 Waldrappe aus diesen beiden Brutgebieten noch nördlich der Alpen auf. Ab Mitte September werden sie in die Toskana migrieren.

Johannes Fritz: Das Projekt ist in seiner vollen Blüte. Wir haben in dieser Saison insgesamt 66 Jungvögel, von denen 37 in freier Wildbahn aufgewachsen sind. Die menschengeführte Migration war ein großer Erfolg und zudem ist mit ‚Sonic‘ nach 400 Jahren erstmals wieder ein Waldrapp Richtung Überlingen am Bodensee migriert.

Der gute Verlauf der menschengeführten Migration war in diesem Jahr auch deshalb von Bedeutung, weil allen Vögeln für die Flüge miniaturisierten Messgeräten trugen. Diese Geräte zeichneten für jeden Vogel die Position, die Flügelschlagfrequenz und die Fluggeschwindigkeit in hoher Präzision auf. Vier Vögel wurden zudem mit Klebeelektroden ausgestattet, um die Herzfrequenz während des Flugs zu messen. Damit kann erstmals der Energieverbrauch von Zugvögeln in Abhängigkeit von der Flugtechnik und der Position innerhalb der Flugformation berechnet werden. Diesen einzigartigen Datensatz werten Wissenschaftler im Rahmen eines österreichischen Forschungsprojektes aus um neue Einblicke in die Funktion und Energetik des Formationsfluges bei Zugvögeln zu erhalten.

Das internationale mediale Interesse für das Projekt ist erheblich. In dieser Saison fanden Dreharbeiten für insgesamt 17 Produktionen statt. Allein die Präsentation des Projektes in der ZDF Talkshow Markus Lanz wurde von annähernd 1,7 Millionen Zusehern verfolgt.

Johannes Fritz: Das anhaltend hohe mediale Interesse überrascht uns selbst immer wieder. Die enge Beziehung zwischen den Ziehmüttern und den Jungvögeln fasziniert die Menschen und die menschengeführte Migration verkörpert den Traum vom Fliegen. Zudem erzählen wir mit unserem Projekt eine positive Geschichte, im Kontrast zu den zunehmend alarmierenden und beunruhigenden Berichten über das globale Artensterben und den Klimawandel.

2019 endet das laufende LIFE+ Projekt mit der durchaus erfolgreichen Bilanz von rund 130 wildlebenden Waldrappen. Diese Population ist aber noch nicht selbständig überlebensfähig. Ohne weitere Freilassungen würde der Bestand mit hoher Wahrscheinlichkeit innerhalb weniger Jahre wieder verschwinden. Erst eine Population mit zumindest 350 Tieren kann selbständig überleben. Deshalb läuft ein Ansuchen für ein zweites LIFE Projekt, das 2021 beginnen soll. Um das derzeit so erfolgreich laufende Projekt aber 2020 nicht unterbrechen zu müssen sucht das Projektteam noch nach Geldgebern.


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