24.04.2019, 10:22 Uhr

Bei Wind und Wetter Neuöttinger lebte in Baumhaus im „Hambi“


Höhenangst sollte man nicht haben und auch schwindelfrei sein, wenn sich das „Zuhause“ oben im Baumwipfel wiegt ...

NEUÖTTING/KÖLN. Die Besetzung des Hambacher Forstes und die Räumungsaktionen durch die Polizei haben im vergangenen Herbst für Schlagzeilen weit über Nordrhein-Westfalen hinaus gesorgt. Zwei Jahre lang, vom Frühjahr 2014 bis zum Frühjahr 2016, hat auch David Maurer aus Neuötting im „Hambi“ als einer der Besetzer in einem selbst gebauten Baumhaus gelebt. Der 23-Jährige studiert mittlerweile Technische Informatik, ist aber immer wieder zu Gast im „Hambi“ und engagiert sich in der Bürgerinitiative „Alle Dörfer Bleiben!“, die sich für die Rettung von allen Dörfern einsetzt, die für den Kohleabbau zerstört werden sollen.

„Der Klimaschutz und der Kampf gegen die globale Erwärmung waren für mich schon in meiner Jugend von großer Bedeutung. Ich war mit 15 Jahren bei der Greenpeace-Jugendgruppe in Rosenheim und habe 2012 an einem Klimacamp im Rheinland teilgenommen. Das war in der Nähe des ,Hambi‘ ...“, erzählt David Maurer. Direkt nach dem Abitur ist der Neuöttinger dann „in den Wald gegangen“: „Für mich ist das die sinnvollste Art, etwas gegen die globale Erwärmung zu unternehmen. Wenn wir jetzt nicht entschlossen dagegen vorgehen, gerät das außer Kontrolle und wird letzten Endes viele Menschenleben kosten“, erklärt er seine Motivation.

Die einen mögen sich das Leben im ,Hambi‘ vorstellen wie Robin-Hood-Romantik im Stile eines Kevin Kostner. Die anderen denken eher an die Unbillen durchs Wetter – und wie sieht es David Maurer? „Die Wahrheit liegt wie meist irgendwo in der Mitte“, lacht er und schildert, warum jeder, der die Möglichkeit dazu hat, den Hambacher Forst zu besuchen, das tun sollte: „Das ist ein offener Ort, wo jeder willkommen ist. Dort ist eine starke Gemeinschaft gewachsen und eine große Entschlossenheit spürbar, sich zur Wehr zu setzen gegen die Zerstörung unserer Umwelt – und das kann kein Artikel oder TV-Bericht so unmittelbar vermitteln.“

Der Wald wird schnell Dein Zuhause, das Du verteidigst

Der Wald wurde für David Maurer und die anderen ,Hambi‘-Besetzer zu einem richtigen Zuhause – „und wenn Dir das jemand zerstören will, dann setzt Du Dich zur Wehr“, sagt er klipp und klar. Eine Herausforderung sei es natürlich, mit Wind und Wetter klarzukommen oder überhaupt ein Baumhaus zu bauen: „Aber das geht auch für jemanden wie mich, der handwerklich nicht so begabt ist. Da gibt es viele Leute mit Erfahrung und die helfen.“ Es gibt sogar eine spezielle „Hambi“-Baumhaus-Bauweise, die zum Schutz der Bäume ganz ohne Nägel auskommt. Natürlich müsse man das Klettern trainieren, schmunzelt der Neuöttinger: „Das Wetter beschert einem schon auch unangenehme Momente, aber wir sind hier ja nicht in der Sahara oder im hohen Norden ... Man gewöhnt sich recht schnell daran, großteils im Freien zu leben, und empfindet das rasch als normal“, versichert er.

Das Leben im ,Hambi‘ hat David Maurer als sehr aktives erlebt: „Weil die Polizei in der Regel in den Morgenstunden anrückt, bleiben die meisten Baumbewohner bis zum Vormittag in ihren Behausungen auf den Bäumen. Die Zeit kann man sinnvoll mit lesen, denken, schreiben o.a. verbringen. Aber es gibt natürlich auch im Lager immer viel zu tun: Dinge bauen oder reparieren, Lebensmittel beschaffen, Aktionen organisieren und vieles mehr ...“

Die Polizeigewalt war am schwersten zu ertragen

Am schwersten zu ertragen war für David Maurer „die ständige Polizeigewalt. Man ist fast monatlich festgenommen worden, manche kamen dann mit gebrochenen Fingern o.ä. wieder – bis sich vor einem Jahr die öffentliche Aufmerksamkeit verstärkt auf den ,Hambi‘ richtete ...“

Zur Akzeptanz der Besetzer in der Region hat David Maurer festgestellt: „Die ist so zweigeteilt wie die Bevölkerung: Da gab es Anfeindungen von der einen Seite und Unterstützung und unzählige solidarische Menschen auf der anderen.“

Mittlerweile ist der ,Hambi‘ wieder etwas aus dem öffentlichen Interesse in den Hintergrund gerückt: „In erster Instanz hat RWE das Verfahren gewonnen, jetzt geht es in die nächste, wobei sich schwer absehen lässt, wie das ausgeht. Fakt ist, dass RWE weiter roden will. Ich habe da wenig Vertrauen in die Gerichte und rechne damit, dass es 2019, spätestens 2020 zu den nächsten Rodungsversuchen kommen wird“, lautet das Fazit des Studenten.

Auf die Frage, ob er sich auch wieder an Waldbesetzungen o.ä. Aktionen beteiligen würde, hat er ein klares „Ja“: „Nur dabei können wir eine unabhängige ökologische Bewegung anstoßen.“

Der Politik traut der Ökoaktivist das nicht zu und verweist auf das Beispiel der Grünen, die mittlerweile zu den etablierten Parteien zählen und den Tagebau in der Landesregierung mitgetragen haben. „Was ich den Leuten vermitteln möchte ist, dass „erfolgreiche Veränderung nur mit drei Dingen möglich ist: Mit Alternativen, mit Aufklärung und mit Widerstand. Zusammen können wir eine sozial-ökologische Gesellschaft schaffen. In diesem Sinne möchte ich alle einladen, am Fronleichnams-Wochenende ins Rheinland zu kommen, wenn die nächsten großen Aktionen stattfinden.“

David Maurer hält einen Vortrag im Anker-Saal

David Maurer wurde eingeladen, über seine Erfahrungen mit einem Vortrag zu berichten, und kommt am Montag, 27. Mai, um 19 Uhr in den Burghauser Ankersaal – eine Gelegenheit, sich zu informieren, die man nicht versäumen sollte.


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