15.05.2018, 10:19 Uhr

„Liebe Wallfahrer: Gott hört Euch auch ohne Lautsprecher“


Eine Reischacherin schildert ihr „Kreuz“ mit dem Lärm, den die Pilger verursachen

REISCHACH. Wer auf eine Wallfahrt geht, der bittet um Hilfe oder spendet Dank. Pilger erleben ihre Wallfahrt als befreiend, als beglückend, als Sinnsuche und als Gemeinschaftserlebnis. Anwohner der Pilgerrouten, an denen bald wieder tausende Wallfahrer nach Altötting pilgern, erleben die Wallfahrten nicht unbedingt als spirituelles Erlebnis – so wie Martina Reiter. Sie wohnt an der Sedlmaier-Straße in Reischach und viele große und kleine Pilgerzüge, darunter mit der Regensburger Fußwallfahrt auch der größte, ziehen direkt an ihrem Anwesen vorbei.

An eine Nachtruhe ist im Mai und an Pfingsten, wo es den größten Pilgeransturm auf Altötting gibt, oft nicht zu denken, sagt sie. „Über dutzende per Funk verbundene Lautsprecher dröhnen auch nachts die Gebete und Gesänge der Wallfahrer durch die Straße. Man sollte doch etwas Rücksicht auf die Anwohner nehmen. Es gibt schließlich Leute wie Schichtarbeiter oder kleine Kinder, die ihren Schlaf brauchen“, ärgert sie sich. Allein bei der Regensburger Fußwallfahrt, an der rund 4000 Pilger teilnehmen, werden vierzig Doppellautsprecher mitgetragen. Über diese ertönt nicht nur tausendfach gesprochen das „Gepriesen seist Du Maria“, sondern auch eine Litanei an Anweisungen, die beim Stopp im BRK-Sanitätszelt am Reischacher Ortsrand von den Pilgern zu beachten sind. „Bei so vielen Leuten kann das schon eine halbe Stunde und mehr dauern, bis wieder Ruhe einkehrt“, berichtet Martina Reiter.

Auf Durchsagen in den Orten verzichten?

„Wir hier in Reischach leiden ohnehin unter immenser Lärmbelästigung durch den Durchfahrtsverkehr. Wenn dann endlich Ruhe eingekehrt ist, wird man in der Früh um 3 oder 4 Uhr durch die Wallfahrer wieder aus dem Schlaf gerissen. Sie könnten doch innerorts auf die Lautsprecher verzichten und Handzettel zum Ablauf am BRK-Zelt verteilen oder die Durchsagen außerorts machen“, lauten Martina Reiters Vorschläge. „Ich glaube, darüber würden sich viele Anlieger der Pilgerroute freuen. Die meisten trauen sich bloß nicht, was zu sagen, weil die Wallfahrten ja nun mal Tradition sind ...“

Lärmschutz ist im Merkblatt nicht enthalten

Für die Leiterin des Wallfahrts- und Verkehrsbüros Altötting, Ulrike Kirnich, ist es in der Tat die erste derartige Beschwerde über Lärmbelästigung, die sie erhält. Auf die Frage, ob man entsprechend Einfluss auf die Pilgerzüge nehmen könnte, erklärt sie: „Wallfahrten sind grundsätzlich beim Landratsamt des Ausgangsortes anmeldepflichtig. Das regelt mit allen Straßenverkehrsbehörden an der beantragten Wegstrecke die Details und erlässt Anordnungen. Mit der Anmeldung erhält jeder Pilgerleiter ein ,Merkblatt für Pilgerführer‘, in dem hauptsächlich alle relevanten Details bzgl. des Verhaltens im Straßenverkehr geregelt sind. Dieses Merkblatt ist bayernweit einheitlich. Regelungen zum Lärmschutz sind hier nicht enthalten. Fußwallfahrten nach Altötting zu einem der bedeutendsten Wallfahrtsorte in Europa gehören in dieser Region natürlich zur Tradition – und das seit vielen hundert Jahren. Sie sind ein Ausdruck der Religionsausübung und gelebte regionale/bayerische/europäische Tradition, die respektiert werden muss. Viele Pilgerleiter pflegen einen engen und guten Kontakt zu den Gemeinden und Anwohnern ihrer Pilgerstrecke, sind doch viele logistische Herausforderungen zu meistern (Toiletten, Verpflegung/Übernachtung). Das Entgegenkommen vieler Privatleute, die Quartiere anbieten, der Pfarreien und der Gemeinden ist sehr groß und unerlässlich. Es schließen sich auch immer wieder neue Fußpilger in den einzelnen Ortschaften an. So ist es guter Brauch, dass kleine Probleme im guten Miteinander gelöst werden.“

Ein guter Ansatz zur Lösung findet sich in den Verhaltensregeln (ausgerechnet!) der Magdeburger Fußwallfahrt: „Die Pilger nehmen Rücksicht auf die Umgebung, achten Gottes Schöpfung und stören andere Menschen nicht.“ Vor Erfindung der Lautsprecher sind die Pilger jahrhundertelang auch ohne ausgekommen und so sei ihnen eines mit auf den Weg gegeben: Beim Wallfahrten geht es um die inneren Werte, nicht um die Lautstärke. Gott hört Euch auch ohne Lautsprecher ...


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