27.03.2011, 14:14 Uhr

Menschen fressen nur die Wilden? Unvorstellbar: Kannibalen in Deutschland

Menschenfresser hausten im Urwald. In Südamerika oder in Afrika. Bei uns in Europa sind die Menschen zivilisiert, da passiert so etwas nicht. Die Wahrheit sieht jedoch erschreckend anders aus.

WELT Die Vorstellung, einen Menschen zu essen, stößt an moralische Grenzen. So etwas tun nur die Wilden, die ihre Opfer aus purem Hass und aus Mordgier töten und verspeisen. „Ein tabuisierter Akt des Abartigen”, schreibt das aktuelle GEO Magazin im Artikel „Kannibalen? Wir? Gott bewahre!” So etwas sei undenkbar in einer zivilisierten Gesellschaft. „So glauben die Europäer. Und sie liegen damit völlig falsch.”

Im 16. und 17. Jahrhundert herrschten in Europa Kriege. Immer wieder gab es Missernten. Die Menschen hatten Hunger. Um 1636 berichten Zeitzeugen aus dem Elsass, dass „die Menschen auf Friedhöfe gingen und Leichen ausgruben, um sie zu essen, oder Gehenkte vom Galgen schnitten und verspeisten”. Zeitgenössische Kupferstiche illustrieren diese Gräuel anschaulich, wenn auch bestimmt oft übertrieben.

Dass es auch in modernen Zeiten die Not aus Menschen Kannibalen macht, zeigte etwa der Flugzeugabsturz einer Rugby-Mannschaft in den Anden 1972. Die Männer waren 72 Tage isoliert, die Überleben verspeisten ihre toten Kameraden. Es gibt sogar einen Hollywood-Film (Überleben) darüber. Und auch im Zweiten Weltkrieg wurde reichlich Menschenfleisch verspeist, etwa als die deutsche Wehrmacht Lenningrad zwischen 1942 und 1944 von der Außenwelt abgeriegelt hatte.

Medizinischer Kannibalismus war weit verbreitet

Der rituelle Kannibalismus mancher Indianerstämme in Südamerika oder der Völker in den Regenwäldern Neuguineas entsprang jedoch nicht der Not. Diese Menschen glaubten vielmehr, dem Körper des Menschen wohnten noch im Tod Kräfte inne, die sich übertragen ließen, ist im GEO Artikel zu lesen. Ein Konzept, dass in der frühen Neuzeit typisch für solche Völker sei. „Und für viele Bürger von London, Paris, Berlin.

Denn auch die Kannibalen Europas verzehren menschliche Körperteile, um von obskuren Kräften der Toten zu profitieren.” Sie machten jedoch keine Gefangenen, um sie zu töten. Nein, sie verwerteten die Leichen von Hinrichtungsopfern.

Frisch Getöteten „wohnt magische Magie inne”

Ärzte und Apotheker in Europa „schwörten auf die magische Energie”, die von frisch Getöteten ausehen soll. Körpersäfte und -teile zu verspeisen ist jedoch kein in aller Stille vollzogenes magisches Ritual. Nein, der Handel mit Mumien und Leichenteilen war ein umsatzstarker Wirtschaftszweig in Europa, der vielen ein Einkommen bescherte.

Bekanntester medizinischer Kannibale war Paracelsus

Bekanntester Vertreter und Befürworter des medizinischen Kannibalismus war der berühmte Arzt und Alchemist Paracelsus. Noch heute werden verdiente Mediziner von der deutschen Ärzteschaft mit der „Paracelsus-Medaille” ausgezeichnet.

Es war ein Anhänger von Paracelsus, der im 17. Jahrhundert schrieb: „Am besten holst du dir den Körper eines rothaarigen Mannes im Alter von circa 24 Jahren, der eines gewaltsamen Todes gestorben ist.” Denn die roten Haare galten als Zeichen für „leichteres Blut” und „besseres Fleisch”, so GEO. Ein Körper ohne Blut galt generell als wertlos, weil das ein seelenloser Körper sei, dachte man.

Tipp: Essen, so lange das Fleisch noch frisch ist

Es galt jedoch, die magische Macht der Kadaver flott zu verzehren bzw. zu konservieren. Innerhalb von drei bis vier Tagen löse sich die Verbindung Körper und Seele in Luft auf, so die zeitgenössische Vorstellung.

Sonst wird man ja zum Mörder

Warum galten aber ausgezeichnet die Leichen hingerichteter Verbrecher als idealer Rohstoff? Die Kulturwissenschaftlerin Anna Bergmann beschreibt in ihrem Buch „Der entseelte Patient” die Praktiken des medizinischen Kannibalismus en Detail. Die Antwort auf die Frage ist mehrteilig. Erstens: Wie sonst, sollte man an menschliche Körper kommen, ohne morden zu müssen?

Zudem hatte man damals eine sehr bizarre Vorstellung: „Die Seele eines armen Sünders”, so die laut GEO zeitgenössische Vorstellung, sei in den Folterkellern der Gerichtsbarkeit von allem Übel befreit worden. So wie Jesus Christus am Kreuz. „Und dieser gereinigte Körper, im Stand der Reue und Gnade am Schafott von der Welt geschieden, ist unser Europas Kannibalen besonders begehert.

Der Leib Christ und des Heilands Blut

Moralisch hinterfragt wurde die Praktik kaum, denn schließlich verspeiste der brave Christ im Gottesdienst ja im übertragenen Sinn auch den Leib Christi und trinkt des Heilands Blut. Dies war übrigens mit ein Grund, warum es die Jesuiten im kolonialisierten Teil Südamerikas schwer hatten „die Wilden von der Verwerflichkeit des indigenen Kannibalismus zu überzeugen”.

Und während sich die Wohlhabenden in Europas leisten konnten, ihren Kannibalismus stillvoll zu betreiben uns sich in Apotheken Tinkturen oder Präparate aus Leichenteilen und Köpersäften kauften, musste das einfache Volk zu anderen Mitteln greifen. So hofften etwa viele Zuschauer von Hinrichtungen darauf, einen großen Schluck vom Blut eines Geköpften zu bekommen. Der Lebenssaft der Hingerichteten wurde nämlich von den Henkersgehilfen in Gefäßen aufgefangen und ans Publikum verteilt.

„... nach wenigen Tagen völlig zerrissen”

Ein weiterer Weg, „ohne Umweg über den teuren Mediziner die wertvollen Leichenteile zu ergattern” war, „nächtens am Schafott oder auf dem Friedhof Fledderei zu betreiben. „Oft sind die Überreste der Hingerichteten nach wenigen Tagen völlig zerrissen”, ist im aktuellen GEO zu lesen.

Solche Szenen spielten sich noch bis Mitte des 19. Jahrhunderts beisielsweise in Göttingen ab. 1858 wurde das erste Unterseekabel zwischen den USA und Europa in Betrieb genommen. In dieser Zeit schrieb Karl Marx auch seine „Kritik an der politischen Ökonomie” und Rudolf Virchow „entwickelte seine Theorie weiter, nach der Krankheiten aus Störungen der Körperzellen enstehen.”


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