27.04.2020, 15:14 Uhr

Halbmarathon oder Marathon Corona wirbelt alles durcheinander – EM-Absage hat Konsequenzen für die Straßenläufer

 Foto: Kiefner Sportfoto Foto: Kiefner Sportfoto

Am Donnerstag, 23. April, wurden die Europameisterschaften, die vom 25. bis zum 30. August in Paris hätten stattfinden sollen abgesagt. Wie jetzt durchgesickert ist – ersatzlos! Die nächsten kontinentalen Titelkämpfe werden folglich erst 2022 in München stattfinden, im gleichen Jahr wie die verschobenen Weltmeisterschaften in Eugene. Das könnte für Straßenläufer Veränderungen nach sich ziehen.

Regensburg. Halbmarathon oder Marathon mit Teamwertung – das ist dann die Frage aller Fragen. Folgt die EA alten Gewohnheiten, müsste in München wohl der Halbmarathon ins Programm folgen. Jedenfalls war das in der Systematik der Meisterschaftsgestaltung so vorgesehen. In EM-Jahren mit gleichzeitigen Olympischen Spielen war die Halbmarathonstrecke im Programm, in reinen EM-Jahren der Marathon, in der Einzelwertung als EM-Wettbewerb, in der Teamauswertung als Europacup. Durch die von Corona verursachte WM-Verschiebung, kollidiert diese jetzt plötzlich mit der 22er-EM. Bleibt die EA beim alten Rhythmus gäb’s 2022 bei beiden internationalen Titelkämpfen einen Marathon.

„Das würde bedeuten, dass wir dann fünfmal hintereinander (2021 bei Olympia, 2022 bei der WM, 2023 wieder bei der WM, 2024 erneut bei Olympia und 2025 erneut WM) globale Marathon-Entscheidungen mit geringen Chancen für europäische Läuferinnen und Läufer hätten. Die Halbmarathonstrecke würde bis zu den übernächsten Europameisterschaften 2026 unter den Tisch fallen. Das ist nicht gut für Europas Straßenlauf-Elite und eine schön langsam in Schwung kommende positive Leistungsentwicklung könnte ins Stocken kommen“, sagt dazu Kurt Ring, Teamchef der LG Telis Finanz Regensburg, die bereits 2016 zwei Athletinnen und einen Athleten für die EM im Halbmarathon stellte. Für die Auflage im Sommer in Paris hatten schon fünf Asse des Clubs die A-Norm des DLV erfüllt.

Mit Spannung erwartet man nun die Streckenfindung der EA (European Athletics) für 2022 und deshalb auch die Zulassungsbestimmungen (entry standards). Nach ihnen werden sich auch die nationalen Nominierungsrichtlinien orientieren. Da der Qualifikationszeitraum für die Straßenläufer bereits ab dem Jahr vorher, also 2021, offen ist, hofft man im Lager der Roadrunners auf eine rasche Aussage. Im Gegensatz zu den Stadionwettbewerben brauchen die ganz langen Strecken einen längeren Vorbereitungszeitraum. Sollte der Halbmarathon wirklich bis 2026 aus dem kontinentalen Meisterschaftsprogramm verschwinden, müssen jüngere Straßenlauftalente in der Sicht ihrer Vorbereitungen nachdenken, weil für sie auf der längsten olympischen Laufstrecke in den ersten Jahren der Karriere meist nur ein Rennen pro Jahr vorgesehen ist und eine Meisterschaftsvorbereitung dann auch meistens über zwei Jahre geht.

Die Lage ist verzwickt. Wer 2020 den EM-Halbmarathon als günstige Vorbereitungsdistanz für den Heim-Marathon bei der EM in München gesehen hat, um sich dann 2024 seinen olympischen Traum in Los Angeles 2024 zu erfüllen, muss jetzt umdenken – zumindest jetzt schon daran denken, sich vielleicht schon in diesem Jahr völlig neu zu orientieren. „Sich anstatt auf die 5.000 Meter auf die 1.500 Meter oder 10.000 Meter vorzubereiten ist eine Entscheidung der einfachen Natur, die Umorientierung zum Marathon macht aus dir einen ganz anderen Läufer. Es ist vielleicht eine sportlich gesehene Lebensentscheidung“, sagt Ring. Er weiß, dass so ein Jahr mit Marathon plötzlich ganz anders aussieht: „Man investiert meist fast eine ganze Saison, ohne zu wissen, ob am Ende auch alle Leistungskomponenten am Tag X auch optimal zusammenpassen. Klappt es über 800 Meter nicht, weil das Rennen zu langsam war, kann man drei Tage später schon wieder auf Bestzeitenjagd gehen. Beim Marathon kann’s die nächste Bestzeitenjagd frühestens ein halbes Jahr später geben.“

Ganz fatal ist die Situation allerdings momentan für Läufer, die vielleicht nicht die Klasse für einen WM-Start oder olympischen Traum haben. Für sie war der EM-Halbmarathon oft das Elixier, trotz beruflicher Belastung oder familiärer Verbindlichkeiten, weiterzumachen. Auch wenn es kein olympischer Traum war, die Sehnsucht nach einem internationalen Start bei großen Meisterschaften war dennoch vergleichbar. Allein die ersatzlose Streichung von Paris 2020 war schon ein harter Schlag, es sollte nicht auch noch das Halbmarathon-Aus für 2022 folgen. Bedenkt man, dass viele der EM-Halbmarathon-Aspiranten schon Jahre auf diesen einen Start hin arbeiten, meist nahe der dreißig Lenze oder sogar drüber sind, wäre dies wohl der Knockout und somit nicht gut vor allem für den deutschen Straßenlauf im Allgemeinen und auch ganz speziell für Regensburgs Topläuferinnen und -läufer.


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