07.08.2018, 09:20 Uhr

Wahl zum „Sport-Stipendiat des Jahres“ Anna Schaffelhuber im Interview – „den Druck habe ich mir einfach schöngeredet“

Paralympics-Siegerin Anna Schaffelhuber. (Foto: privat)Paralympics-Siegerin Anna Schaffelhuber. (Foto: privat)

Als fünffache Titelverteidigerin trat Monoskifahrerin Anna Schaffelhuber bei den Paralympics 2018 in Pyeongchang an – und hielt dem enormen Druck mit zwei Gold- und einer Silbermedaille bravourös stand.

REGENSBURG Beinahe nebenbei meisterte die 25-Jährige, die Mathematik und Wirtschaft auf Lehramt studiert, im sechsten Semester ihre Zulassung zum ersten Staatsexamen. Geholfen hat ihr dabei ein konsequenter Plan.

Deutsche Sporthilfe: Anna, bei den Paralympics 2018 in Pyeongchang hast Du Deine Goldmedaillen Nummer sechs und sieben eingefahren - und das in sieben Rennen in Serie. Ist die Nationalhymne für Dich inzwischen zur Routine geworden?

Anna Schaffelhuber: Nein, überhaupt nicht. Für mich persönlich war die erste Goldmedaille in Pyeongchang der emotionalste und auch größte Sieg. Die Ausgangssituation war diesmal eine ganz andere, denn nach den fünf Goldenen von Sotschi war der Druck gigantisch. Es ist extrem schwer, nach oben zu kommen, aber es ist noch schwerer, oben zu bleiben. Dass ich gleich im ersten Rennen wieder Gold gewinnen konnte, hat mich sehr stolz gemacht.

Wie hast Du diesen Druck wahrgenommen?

Ich hatte das Gefühl, dass Siege von mir nach Sotschi gewissermaßen als selbstverständlich wahrgenommen werden. Im Training stand ich unter Dauerbeobachtung von Trainern und anderen Sportlern. Es ist extrem schwierig, die riesigen Erwartungen, die fast alle Menschen an mich haben, zu erfüllen. Und dann will man ja auch selbst seine Erfolge bestätigen.

Hast Du ein spezielles Rezept entwickelt, mit diesem Druck umzugehen?

Vor den Spielen von Pyeongchang habe ich mir irgendwann klar gemacht, dass nicht ich den Druck habe, sondern eigentlich die anderen, weil ich die Goldmedaillen ja bereits zu Hause habe. Das war zwar ein Stück weit Schöngerede, hat mir aber einfach gut getan.

Und war erfolgreich: In Pyeongchang gab es bei Deinen ersten beiden Starts gleich zweimal Gold, anschließend noch einmal Silber. Wie viele Steine fielen Dir da vom Herzen?

Beim zweiten Rennen und nach der zweiten Goldmedaille war es für mich emotional schon deutlich einfacher als beim ersten, weil ich wusste: Ich habe wieder abgeliefert und kann hier nichts mehr verlieren. Richtig genießen kann ich Großereignisse eigentlich nicht mehr.

Wie hat sich Dein Alltag seit dem endgültigen Durchbruch in Sotschi verändert?

Vor allem hat sich mein Tätigkeitsfeld verändert. Ich musste eben nicht „nur“ Training und Studium unter einen Hut bringen. Mit den vielen Terminen für Medien, Sponsoren und Veranstaltungen ist eine ganz große dritte Komponente hinzugekommen. Das darf man nicht unterschätzen. Es macht mir zwar Spaß, aber effektiv geht es von meiner Trainings- und Lernzeit ab. Hinzu kommt die Dauerbeobachtung - beim Sport, aber auch an der Uni.

Deine Kommilitonen und Dozenten haben also ein besonderes Auge auf Dich?

Am Anfang musste ich tatsächlich Professoren und Kommilitonen Autogramme geben, was zwar ein bisschen komisch war, sich inzwischen aber normalisiert hat. Man kennt sich ja und ich bin eine mehr oder weniger normale Studentin. Trotzdem stehe ich etwa bei Prüfungen immer ein bisschen mehr im Fokus als andere.

Stößt Du generell an der Uni auf Verständnis für Deinen Leistungssport?

Vor allem seit meinem Wechsel von Jura zu Lehramt vor drei Jahren ist das Verständnis sehr hoch. Die Unterstützung und Koordinierung funktioniert super. Klar gibt es ab und zu Schwierigkeiten, die aber bislang immer zu lösen waren. Da muss ich mich wirklich bei meiner Universität bedanken.

Bei Deinem vollen Terminkalender bleibt keine Zeit für einen typischen Studenten-Job. Wie wichtig ist für Dich die Unterstützung durch das Deutsche Bank Sport-Stipendium?

Das Deutsche Bank Sport-Stipendium und die Förderung durch die Sporthilfe sind ganz entscheidend für mich. Anders wäre der Spagat zwischen Uni und Sport ehrlich gesagt auch nicht machbar. Mit einem Job als zusätzlicher Baustelle würde ich definitiv über meine Belastungsgrenzen hinausgehen.

Anders als vor Sotschi hast Du diesmal vor Pyeongchang kein Urlaubssemester genommen.

Ich wollte jetzt einfach das Studium durchzuziehen. Vor meinem ersten Unitag habe ich die komplette Planung bis zum Ende gemacht - schon ein bisschen bescheuert (lacht). Aber die Großereignisse stehen ja lange im Voraus fest, so habe ich gewusst, was wann machbar ist. Im Wintersemester war ich, glaube ich, nicht einen Tag an der Uni, habe aber trotzdem meine Zulassungsarbeit zum Staatsexamen geschrieben. Aber klar, in der Zeit, in der manche Athleten regenerieren, sitze ich am Schreibtisch.

Du studierst im sechsten Semester Wirtschaft, Recht und Mathematik auf Lehramt. Wie kam es zu dieser Wahl?

Ich mag es gerne logisch. Auswendig lernen ist nicht so mein Ding, aber zu erkennen, wie Systeme funktionieren und Lösungen zu erarbeiten, das gefällt mir schon. Hier gibt es übrigens eine Parallele zum Sport. Auch dort muss ich immer neue Strategien entwickeln.

Viel Arbeit mit dem Kopf also. Wie wichtig ist Dir diese geistige Herausforderung als Ausgleich zum Sport?

Es tut mir schon gut, wenn ich neben dem Sport noch etwas anderes mache. Klar ist es cool, sich nur auf den Sport konzentrieren zu können, aber eine Ausgleichskomponente finde ich ganz wichtig. Ein zweites Standbein neben dem Skifahren zu haben gibt mir auch etwas mehr Freiheit, wenn ich oben am Start stehe.

Wo würdest Du die Auszeichnung zum Sport-Stipendiat des Jahres einordnen?

Sie hätte einen sehr hohen Stellenwert, weil es eine ganz andere Art der Ehrung ist. Beim Sport-Stipendiat wird nicht nur meine sportliche Leistung gewürdigt, sondern auch der Spagat zwischen Uni und Sport, den ich nun schon seit vielen Jahren meistere. Außerdem wäre ich die erste paralympische Sportlerin, die die Auszeichnung bekäme – dafür ist es mal Zeit.


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