16.05.2018, 16:31 Uhr

Sportliches Talent Zeit, dass sich was dreht: Carmen aus Donaustauf dreht am Cyr-Rad

Carmen Lück mit ihrem Cyr-Rad. (Foto: Lück)Carmen Lück mit ihrem Cyr-Rad. (Foto: Lück)

Das Rad dreht sich und eine Kür dauert vier Minuten. So könnte das Motto der Cyr-Rad-Weltmeisterschaft lauten, die im Mai in der Schweiz stattfindet. Carmen Lück vom Sportverein Donaustauf startet für Deutschland.

DONAUSTAUF Das Cyr-Rad ist eine Art menschgroßer, stabiler Hula-Hub-Reifen. Erst reckt Carmen Lück ihn vor sich, sodass er senkrecht steht, dann steigt sie behutsam hinein, erst ein Fuß, dann der andere und schon holt sie Schwung, hinein gespreizt wie Da Vincis Vitruvianischer Mensch. Das Cyr-Rad rotiert, und Carmen Lück darin rotiert mit. Aber das ist nur der Anfang. Es scheint alles möglich: Überkopf-Pirouetten, Sprünge, Hängefiguren, Spagate, mal trägt das Rad den Menschen, mal er das Rad. Der Cyr-Sport ist akrobatisch, schnell, er sieht waghalsig aus, aber auch poetisch. Zumindest, wenn Carmen Lück ihre Wettkampf-Kür als Harlequin zeigt. „Meine Kür ist eine Interpretation des zugehörigen Liedes“, sagt die 27-Jährige. „Die Aussage ist: Willkommen im Zirkus, aber für den Eintritt musst du die Seele verkaufen.“ Eine dunkel romantische Freakshow führt sie auf, als Puppencharakter, nicht richtig lebendig, aber auch nicht richtig tot. Damit erfüllt sie sich einen Traum: „Ich wollte schon lange als Clown auftreten. Aber lustig zu sein, erfordert viel Schauspielkunst, das ist schwierig“, sagt sie.

Bewertet werden im Pflichtwettkampf die Technik, in der Kür auch der Einfallsreichtum und der Ausdruck. Mit allem hat sie bei den Qualifikationen für die Weltmeisterschaft in der Schweiz überzeugen können und jedes Mal Silber geholt. Den zweiten Platz auch in der Weltmeisterschaft zu schaffen, damit liebäugelt sie. Neu ist das alles nicht mehr für sie. Vor zwei Jahren hat sie sich überraschend als Neueinsteigerin für die Weltmeisterschaft im amerikanischen Cincinnati qualifiziert und dort den vierten Platz geholt. „Diesmal bin ich deutlich aufgeregter“, sagt sie. „Beim ersten Mal kannte mich keiner und ich wusste auch nicht, was auf mich zukommt. Diesmal weiß ich genauer, wo ich stehe.“ Und es gibt mehr Konkurrenz. Der Cyr-Sport ist jung – auch wenn die Ursprünge weit zurückliegen. Das „Monorad“ diente Anfang des 20. Jahrhunderts an Schulen der körperlichen Ertüchtigung und deutschen Extremsportlern als Instrument: Damals allerdings, um damit möglichst schnell Hügel hinab zu rotieren. Wer als Erster unten – unversehrt – ankam, hatte gewonnen. Erst Anfang der 2000er hat der Akrobat Daniel Cyr das Rad wiederentdeckt.

Einer so jungen Sportart anzugehören, ist für Carmen Lück faszinierend und anstrengend zugleich. Anfangs war genau die kleine Nische das Argument, mit dem Cyr-Turnen anzufangen. Da hatte Lück als Sportstudentin in Regensburg die Akrobatik für sich entdeckt. Nur ist zum Turnen ein Partner nötig – aber nicht immer zur Hand. Ihr Freund zeigte ihr ein Cyr-Video auf Youtube und Carmen Lück war gleich fasziniert. Seitdem trainiert sie beim Sportverein Donaustauf.

Neue Sportart bringt ständig Umwälzungen

Auf der anderen Seite bringt das Wachsen einer neuen Sportart ständig neue Umwälzungen mit sich. Carmen Lück und Kollegen erfinden ständig neue Figuren. Was geht im Wettkampf und was nicht? „Die letzten Regelungen für die Qualifikation und die Weltmeisterschaft wurden zwei Tage vor der letzten Quali geändert“, klagt Lück. „Das ist viel zu knapp, um sich wirklich noch darauf einzustellen: Man wird unsicherer, vergisst etwas, riskiert Unfälle.“

Genau das ist einigen Mitstreitern und Mitstreiterinnen passiert. Carmen Lück zum Glück nicht, und zur WM ab dem sechsten Mai sind noch ein paar Tage hin. Bis der Harlequin und alle anderen einladen zur rasanten Sport-Show.


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