18.04.2018, 07:00 Uhr

Das EVL-Eigengewächs Gerrit Fauser Mit der Silber-Medaille gleich rein zu McDonald‘s

Silber-Familie: Mit Gerrit Fauser freuen sich seine Frau Jenny, Sohn Ben und Hund Puggle über die Medaille. (Foto:  Tobias Grießer)Silber-Familie: Mit Gerrit Fauser freuen sich seine Frau Jenny, Sohn Ben und Hund Puggle über die Medaille. (Foto: Tobias Grießer)

Es war eine der größten Überraschungen der Olympischen Spiele von Pyeongchang und hat ganz Deutschland in den Bann gezogen: der Gewinn der Silbermedaille von Bundestrainer Marco Sturm und seinem leidenschaftlich kämpfenden Team. Am Montagabend ehrte die Stadt Landshut die „Silber-Jungs“, das Wochenblatt stattete vorab dem Wahl-Wolfsburger und EVL-Eigengewächs Gerrit Fauser einen Besuch ab – im elterlichen Haus in Geisenhausen.

WOLFSBURG/GEISENHAUSEN Wochenblatt: Herr Fauser, vor Ihnen liegt die Silbermedaille. Wie oft denken Sie noch an Olympia – und wie oft müssen Sie dabei zufrieden grinsen?

Gerrit Fauser: Das kommt immer wieder vor. Vor allem realisiere ich immer mehr, was wir bei Olympia erreicht haben. Wir haben als Mannschaft ein überragendes Turnier gespielt. Aber was die Medaille bedeutet, das realisiert man jetzt erst so langsam.

Auch wenn die NHL-Spieler nicht dabei waren, war eine Medaille nicht unbedingt von vornherein das Ziel. Ab wann hat das Team gemerkt, „Mensch, da geht ja wirklich was!“?

Das Turnier ist für uns genau richtig gelaufen. Wir haben im ersten Spiel gegen die Finnen gleich richtig auf die Mütze bekommen. Da haben wir gemerkt, dass wir eine ordentliche Schippe drauflegen müssen, um uns gut zu verkaufen. Das Finnen-Spiel war der „Hallo wach“-Moment. Im nächsten Spiel gegen die Schweden haben wir gespürt, dass unser System funktioniert. Da haben wir gemerkt, dass wir auch gegen die Großen eine Chance haben. Dass wir das natürlich so umsetzen konnten, hat keiner erwartet – am wenigsten wir selber.

War vielleicht der Schlüssel zum Erfolg, dass jedes Spiel eng war und man immer bis zur letzten Sekunde Vollgas geben musste?

Das sicherlich. Wir wussten, dass wir immer – bis zur Schlusssirene – hellwach sein müssen. Zurücklehnen geht da nicht. Die ganze Mannschaft hat funktioniert, keiner wollte im Vordergrund stehen, alle haben zusammen gearbeitet. Zudem war wichtig, dass unser System defensiv voll gegriffen hat, wir jedes Spiel lange offen halten konnten – und wir die Großen richtig ärgern konnten.

Wann wurde dann tatsächlich zum ersten Mal über eine mögliche Medaille gesprochen?

Witzigerweise war unser Gruppenchat bei WhatsApp „Mission Gold“. Das ging schon zwei Wochen vor Olympia los. Das war aber zum Spaß gemeint. Als wir eingekleidet wurden, gab‘s die Zeremonien-Jacke – und wir meinten, ob wir die überhaupt mitnehmen sollen. Ich hab sie dann ganz hinten im Schrank hingehängt. Schließlich waren ja die großen Nationen alle dabei. Als wir gegen Schweden gewonnen hatten, kam das Gefühl durch, dass jetzt tatsächlich alles möglich ist. Wir hatten einen Lauf, es war richtig Feuer drin. Und dann haben wir die Kanadier weggeräumt und standen im Endspiel. Okay, das letzte Spiel hätte dann aber ruhig anders ausgehen können.

Gerade im Endspiel war alles dabei und es hat das ganze Turnier widergespiegelt: Es gab Rückschläge, man ist zurückgekommen und es war auch gegen die Russen ein Duell auf Augenhöhe...

Wir hatten natürlich in einigen Spielen immer das richtige Glück. Aber wir haben uns das Glück erarbeitet – und geschenkt wird einem nichts. Die Finalniederlage war richtig bitter. Im ersten Moment ärgert man sich brutal, schließlich ist man Sportler – und wir waren so nah dran. Erstmal war ich richtig gefrustet. Nach zwei, drei Stunden konnte ich mich dann auch über Silber freuen. Jetzt, im Nachhinein, bin ich natürlich riesig stolz. Aber gleich nach dem Finale musste ich wirklich brutal dran knabbern. Wir haben es auch den Russen sehr schwer gemacht und gezeigt, dass wir zurecht im Endspiel standen. Schließlich hatten wir die Russen richtig ins Straucheln gebracht.

Haben Sie sich das Endspiel nachher nochmal angeschaut?

Ja, einige Szenen. Aber letztlich habe ich so vieles vom Finale immer noch so genau im Kopf.

Konnten Sie dann auch etwas Olympia genießen und miterleben?

In der ersten Woche hatten wir noch keinen Wettkampf und waren beim Biathlon, als Laura Dahlmeier die erste Goldmedaille gewonnen hat. Wir waren noch beim Skispringen, beim Shortrack – das war wirklich toll. Ich fand es auch sehr interessant, zu sehen, wie sich gerade die Einzelsportler extrem fokussiert vorbereiten. Da gab es nur noch den Wettkampf. Als es bei uns losging, war nicht mehr viel Zeit neben Training, Spielen und Regeneration. Aber man verzichtet gerne darauf. Wann durften wir schon mal bis zum letzten Olympiatag spielen? Als die Anspannung vorbei war, waren die Sportler alle locker – und die meisten sind dann gleich rein zu McDonald’s. Wir natürlich nach dem Finale auch...

Wie waren die Feierlichkeiten nach dem Finale?

Eigentlich wäre das Deutsche Haus ja schon dicht gewesen. Aber die haben extra wegen uns noch einen Tag länger aufgemacht. Das war klasse. Schließlich kamen nach der Abschlussfeier alle Athleten nochmal reinmarschiert und haben eine riesige Party gemacht. Wir wurden dann auch direkt vom Deutschen Haus mit dem Bus zum Flughafen gebracht. Dementsprechend ruhig war dann auch der Heimflug...

Am Tag nach der Rückkehr ging‘s gleich mit Wolfsburg weiter – wobei es für Sie äußerst unglücklich lief...

Stimmt, ich habe mir gleich im ersten Spiel die Schulter ausgekugelt, als mir ein Spieler – ein 100-Kilo-Mensch – hinten auf den Arm gefallen ist. Immerhin habe ich jetzt nach der Operation Zeit, die Verletzung vernünftig auszukurieren und keinen Druck, eventuell zu früh einzusteigen. Darüber hinaus hatte ich jetzt genügend Zeit mit meinem Sohn Ben. Er war drei Wochen auf der Welt und ich bin gleich für vier Wochen abgehauen. Das war nicht leicht. Die Reha verläuft jetzt genau nach Plan, es fühlt sich gut an. Es ist einfach eine Sache, die sich hinzieht. Aber bis zur neuen Saison bin ich wieder fit.


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