Fachmann klärt auf
Warum Wespen und Co. an Scheiben rauf und runter schwirren

06.06.2023 | Stand 10.01.2024, 16:48 Uhr

Wespen - In Stresssituationen werden Wespen quasi zu Robotern - ein inneres Programm sagt ihnen, sie sollen zum Licht fliehen. Ist eine Scheibe im Weg, können sie damit nicht umgehen. - Foto: Julian Stratenschulte/dpa/dpa-tmn/Archivbild

Sie fliegen mühelos in die Wohnung hinein - finden aber teils nur schwer wieder heraus. Für Insekten können auch gekippte Fenster eine schier unüberwindbare Barriere sein.

Es brummt und summt und immer wieder ist da ein leises Klacken am Fenster zu hören. Wenn sich im Sommer Bienen oder Wespen in die Wohnung verirren, lässt sich häufig beobachten, wie die Tierchen immer wieder gegen die Glasscheibe fliegen - teils in offenbar wilder Aufregung.

Dahinter stecke ein inneres Programm, sagt der Insektenfachmann Christian Schmid-Egger von der Deutschen Wildtier Stiftung und erklärt, wie man den Tieren wieder nach draußen hilft.

Frage: Herr Schmid-Egger, ob Bienen, Wespen oder Fliegen - warum fliegen Insekten in der Wohnung immer an der Fensterscheibe hoch und runter, selbst wenn das Fenster einen Spalt auf ist?

Christian Schmid-Egger: Der Grund ist relativ simpel. Alle fliegenden Insekten orientieren sich immer zum Licht. Besonders dann, wenn sie desorientiert sind oder wenn sie vor etwas fliehen müssen.

Das heißt mit Blick auf die Wohnung: Sie fliegen in einen dunklen Raum, weil sie dort zum Beispiel Nahrung vermuten. Dann werden sie gestört, und dann fliegen sie zum Licht. Und wenn vor dem Licht eine Fensterscheibe ist, kommen sie damit nicht zurecht. Sie fliegen dann ewig gegen diese Scheibe, weil sie quasi ein inneres Programm haben, das ihnen sagt: „Fliehe zum Licht!“

Sie fliegen dann natürlich auch auf und ab, weil sie zwischenzeitlich nach unten sinken, wenn sie keine Kraft haben. Danach fliegen sie wieder hoch - und eben auch immer wieder gegen die Scheibe.

Frage: Warum hilft es den Insekten dann meistens auch nicht, wenn man das Fenster weiter aufmacht? Oft hat man das Gefühl, es stresst die Tiere noch mehr, weil die Scheibe auf sie zukommt.

Schmid-Egger: Es ist halt so, dass sie diesen Ausgang einfach nicht sehen. Insekten haben große Probleme, diese Glasscheibe wahrzunehmen. Sie können nicht wie wir rational überlegen: „Da unten ist ein Spalt, durch den kann ich durchfliegen.“

Ist der offene Spalt genau in der Linie, in der sie versuchen, rauszufliegen, geht das schon. Das kann man sehen, wenn man das Fenster ankippt und man das Insekt mit einem Blatt Papier in Richtung des Spaltes schubst - dann fliegt es mitunter hinaus.

Frage: Wenn es mit so einem Schubser nicht funktioniert - wie geleitet man die Insekten denn auf anderem Weg tierfreundlich heraus?

Schmid-Egger: Wenn man etwas Fingerspitzengefühl besitzt, kann man sich ein Stofftaschentuch nehmen, das Insekt damit an der Glasscheibe vorsichtig greifen und am geöffneten Fenster loslassen - dann fliegt es weg. Man muss nur beachten, nicht zu fest zu drücken. Sonst wird das Insekt zerquetscht. Gerade bei Fliegen geht das schnell.

Das Stofftuch verhindert auch, dass man gestochen wird. Mit einem doppelt gefalteten Stofftaschentuch bekommt man selbst große Wespen gefahrlos herausbugsiert. Deren Stacheln sind nicht länger als einen halben Millimeter, die kommen da nicht durch.

Die zweite Möglichkeit: Ein Glas nehmen und über das Tier stülpen. Danach ein Stück Papier - am besten etwas Stabiles wie dünnen Karton - vorsichtig dazwischen schieben. So fängt man das Insekt und kann es am geöffneten Fenster wieder freilassen. Dafür ist etwas Geschick gefragt, aber ich denke, das bekommt man hin.

ZUR PERSON: Christian Schmid-Egger ist Projektmanager der Deutschen Wildtier Stiftung im Berliner Wildbienenprojekt (www.wildbiene.org). Er forscht außerdem schwerpunktmäßig zur Taxonomie von Wespen - unter anderem in Kooperation mit der Zoologischen Staatssammlung München.

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