Roadtrip an die Ostküste

Virginia Beach: Strandauszeit in der Nähe von Washington

12.05.2022 | Stand 25.05.2022, 16:05 Uhr

Virginia Beach - Bei Amerikanern steht Virginia Beach für Strandurlaub hoch im Kurs. - Foto: Virginia Beach CVB/dpa-tmn

Strandleben wie in Florida, Fischerei wie in Neuengland und Landwirtschaft wie in den tiefsten Südstaaten - Virginia Beach hat von allen etwas. Und an den Wochenenden fallen die Hauptstädter ein.

Chris Pace steht hochkonzentriert im seichten Wasser. Gummistiefel hat er zwar an, doch die laufen gerade von oben voll - er steht bis zur Hüfte in einem Ausläufer der Chesapeake Bay in Virginia Beach.

Pace fischt in dem salzigen Wasser, bis er den großen, algenbewachsenen Käfig zu fassen bekommt. Er hievt ihn in sein kleines Boot. «Vor etwa einem Jahr habe ich die jungen Austern hier eingesetzt», sagt Chris, dem die Lynnhaven River Oyster Company gehört. Und nun muss er regelmäßig nachschauen, ob es ihnen gut geht, ob sie wachsen und gedeihen.

Etwa 16 Monate dauert es, bis die Schalentiere genau so sind, wie die Restaurants und Fischgeschäfte in der Umgebung sie haben wollen. Dass sie von erstklassiger Qualität sind, versteht sich von selbst - schon seit hunderten Jahren werden die Lynnhaven Oysters von Präsidenten und Adeligen als Delikatesse geschätzt.

Für Touristen ein Geheimtipp

Meeresfrüchte und Fisch vor der Haustür, schmackhaftes Gemüse und Obst ebenso: Die Kochszene in Virginia Beach kann sich dem Trend des «Farm-to-table»- und des «Sea-to-table»- Essens verschreiben. Eine bunte Auswahl an regionalen Zutaten gibt es zu jeder Jahreszeit.

Die vielfältige Gastro-Landschaft ist nur einer der Anreize für die Hauptstädter, am Wochenende zu einer Siesta in den Süden Virginias zu kommen: Washington ist keine vier Stunden mit dem Auto entfernt, ein Katzensprung für amerikanische Verhältnisse.

Für Touristen hingegen ist die Küstenstadt eher ein Geheimtipp für einen kleinen Roadtrip nach einem kultur- und geschichtsintensiven Städtetrip in die Hauptstadt der USA.

Hotel an Hotel an der Oceanfront

Virginia Beach steht bei den Amerikanern ganz oben auf der Liste für das Spring Break - die berühmt-berüchtigten Universitätsferien im Frühjahr - und den Strandurlaub.

Dass man hier auf die vielen Touristen eingestellt ist, die nicht extra nach Florida fliegen wollen, sieht man im Bezirk Oceanfront. Am Strand reihen sich die Hotel-Hochhäuser aneinander. In Miami oder Fort Lauderdale sieht das auch nicht anders aus.

Ein «Boardwalk» ist hier vor ein paar Jahren gebaut worden, das ist eine drei Meilen lange und neun Meter breite Promenade aus Beton. Die ist rund ums Jahr gut bevölkert von Fußgängern, Läufern, Radfahrern und Inline-Skatern. Im Wasser tummeln sich Surferinnen und Surfer, Kajakfahrer, Schwimmerinnen.

Und während die Oceanfront fest in der Hand der Touristen ist, sind Sandbridge im Süden oder der Chic's Beach im Norden deutlich ruhiger. Das sind die Strände der Einheimischen.

Leuchttürme auf dem Militärstützpunkt

Zwischen Chic's Beach und Oceanfront steht der Leuchtturm von Cape Henry. Er wurde 1792 erbaut und zählt zu den ältesten des Landes. Das Baumaterial des Turms ist derselbe Sandstein, aus dem viele der imposanten Gebäude in Washington erbaut worden sind.

Der alte Leuchtturm ist schon lange nicht mehr in Betrieb, doch er kann erklommen werden. Belohnt wird man mit einem weiten Blick über die Chesapeake Bay. Direkt daneben steht ein neuerer Leuchturm, der auch schon 150 Jahre alt und für die Öffentlichkeit gesperrt ist. Zu erreichen sind beide Türme nur über den aktiven Militärstützpunkt Fort Story, in dem das Einchecken strenger ist als am Flughafen.

Vom Feld auf den Tisch

Vieles in Virginia Beach passiert am Wasser. Doch der Ort reicht meilenweit ins Landesinnere. Dort sind die Landwirte zu Hause, die Restaurants und Märkte beliefern. Farm-to-table, also die Verwendung regionaler Produkte in den Restaurants, ist seit einigen Jahren nicht nur in den USA ein Trend.

Von Kartoffeln, Süßkartoffeln und Soja bis zu Mais und Kürbissen wird hier vieles auf scheinbar endlosen Feldern angebaut. Das Klima ist warm genug, dass auch Baumwolle und Erdnüsse wachsen.

Auf Bauernmärkten wie der Cullipher Farm im Süden der Stadt lernt man die Arbeit der Farmerinnen und Farmer und ihre Produkte kennen.

Kajaktour mit kleinen Fallen

Vom Feld geht es zurück aufs Wasser. Am Cape Henry, unweit der exzellent gesicherten Leuchttürme, liegt der First Landing State Park. Hier landeten einst die ersten britischen Siedler an. Vom Park aus geht es auf Öko-Touren mit dem Kajak oder Stand-up-Paddle-Board dahin, wo Atlantik und Chesapeake Bay aufeinandertreffen.

«Hier ist ein ganz besonderes Ökosystem entstanden», sagt Guide Mitchell MacCartney. Moosbewachsene Eichen stehen am Ufer, zahlreiche Wasservögel sind hier heimisch. Wegen der idealen Lebensbedingungen gibt es viele Fische, sagt Mitch aus dem Meereskajak, mit dem man ruhig über das Wasser gleitet. Die reichen Fischbestände locken Delfine an, die man mit etwas Glück auch zu sehen bekommt.

Die Wasserwege sind teils so versteckt zwischen Gräsern, dass man sich konzentrieren muss, um den Anschluss nicht zu verlieren. Das ist nicht alles: «Je nach Wasserstand kann es hier leicht passieren, dass man mal auf einer Sandbank aufsitzt», sagt Mitch.

Und schon ist es passiert. Immerhin: Die unfreiwillige Pause auf dem Sand bietet ausreichend Möglichkeiten, die Kraniche, Reiher und Adler zu beobachten, ehe Mitch vorbeipaddelt und mit einem kräftigen Schubs wieder ins Wasser hilft. Warum es eigentlich manchmal so am Boot kratzt, will ein Kajakfahrer in der Gruppe wissen.

«Das sind die Austern», sagt Mitch. Die werden nicht nur gezüchtet, sondern wachsen auch wild.

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