Der Underdog-Effekt: Warum unsere Herzen für die Unterlegenen schlagen

28.03.2022
−Foto: stock.adobe.com valiantsin

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Wer von vornherein als der Überlegene in einen Wettbewerb geht, der hat es, zumindest im abendländischen oder davon beeinflussten Kulturraum, eher schwer in den Augen der Zuschauer. In anderen Kulturen und vergangenen Epochen war und ist das völlig anders. Doch woher kommt unsere Liebe für die Unterlegenen?

Einmal angenommen, heute Abend würde Borussia Dortmund gegen 1860 München antreten. Also jemand ganz oben in der Erstliga-Tabelle gegen den Drittligisten. Zugegeben, viele Leser dieser Zeilen würden den Löwen wohl schon aus bayerischem Lokalpatriotismus zuhalten. Doch selbst, wenn dies kein Faktor wäre, würden sich wohl viele wünschen, München würde gewinnen – ohne eine besondere Aversion gegen den BVB zu hegen.

Der Grund dafür ist der Underdog-Effekt. Ein wissenschaftlich belegtes Phänomen, das die Tendenz vieler Menschen bezeichnet, bei einer beliebigen Entscheidung diejenige zu wählen beziehungsweise ihr ihre Sympathie zu geben, von der bekannt ist, dass nur eine Minderheit sich für sie entscheiden wird. Ein unterlegenes Team, ein weniger gehypter Urlaubsort, Menschen am Rande der Gesellschaft.

Rein evolutionär gesehen widerspricht ein solches Handeln oberflächlich allem, was eigentlich menschlich wäre. Gerade deshalb ist es für Wissenschaftler so interessant. Doch warum agieren wir so? So viel sei bereits verraten: Dahinter steckt mehr, als mancher Leser vielleicht jetzt vermutet.

Etwas Begriffskunde

Wohl jeder dürfte wissen, was ein Underdog ist. Tatsächlich ist es sogar ein auf der ganzen Welt bekannter Begriff – das Japanische kennt sogar das Lehnwort Andādoggu, bei dem direkt beim Aussprechen klar wird, welcher englischsprachige Begriff hier Pate stand.

Woher das Wort stammt, ist schnell erklärt, Großbritannien. Bis 1835 waren dort Hundekämpfe gestattet und ein äußerst populärer „Sport“. Ähnlich wie bei jeder anderen Disziplin gab es jedoch trotz aller Versuche, ein ausgeglichenes Match-Making herzustellen, immer Hunde, die über- und solche, die unterlegen waren – rein anhand ihrer Siegeschancen bezogen auf Kraft, Verhalten und zurückliegende Siege.

Damalige Buchmacher und der Volksmund gewöhnten sich deshalb an, die Tiere in Top- und Underdogs zu unterteilen. Also sinngemäß über- und unterlegene Hunde. Da bereits damals schon auf den Ausgang gewettet wurde, stand der Underdog gleichzeitig für das höhere Risiko als auch die größeren Gewinne im Fall eines Sieges.

Bis heute schlägt sich dies bei allen Sportwetten in ähnlichen Quoten nieder: wer auf den Underdog wettet, sei es beim Fußball, Boxen oder Football, der bekommt bei dessen Sieg deutlich mehr Geld als hätte er auf den gewinnenden Topdog gesetzt. Ja, es gibt sogar eine spezielle Spielart in Form der Handicapwette, bei der es möglich ist, dem Underdog einen Punktevorsprung zu geben, um seine Chancen (wenigstens aus Wettsicht) zu erhöhen – oder absichtlich zu erniedrigen, um bei einem Gewinn noch mehr Geld einzustreichen.

Allerdings muss eines ganz deutlich unterstrichen werden: Der Begriff des Underdogs ist zwar verhältnismäßig neu. Unsere Leidenschaft für den Unterlegenen ist jedoch deutlich älter. Tatsächlich lässt sie sich nicht erklären, ohne auf die Wurzeln des jüdisch-christlichen Kulturraumes einzugehen.

Eine Erfolgsgeschichte seit David

In vielen Regionen der Welt wäre es absolut unüblich, auf einen Underdog zu wetten oder seinen Sieg sogar mehr zu feiern als denjenigen des Favoriten. Warum es bei uns nicht so ist, lässt sich direkt auf die Bibel zurückführen. Diesbezüglich dürfte dem Israeliten David der Ruhm des wohl ältesten und wahrscheinlich bekanntesten Underdogs zukommen.

Bevor David zum König von Israel wurde, war er zwar schon zum König gesalbt wurden, blieb aber ein einfacher Hirtenjunge. Bei einer Schlacht gegen die Philister war er deshalb – jung und schmächtig – wirklich in jeder Hinsicht allen gegnerischen Kriegern unterlegen, vor allem einem:

„Da trat aus dem Lager der Philister ein Vorkämpfer namens Goliat aus Gat hervor.
Er war sechs Ellen und eine Spanne groß. Auf seinem Kopf hatte er einen Helm aus
Bronze und er trug einen Schuppenpanzer aus Bronze, der fünftausend Schekel wog.
Er hatte bronzene Schienen an den Beinen und zwischen seinen Schultern hing ein Sichelschwert aus Bronze. Der Schaft seines Speeres war wie ein Weberbaum
und die eiserne Speerspitze wog sechshundert Schekel.“

Da die Philister und speziell Goliat zuvor Gott und die Israeliten aufs Übelste beleidigt hatten, hatte David jedoch einen Vorteil: Er war unsagbar in Rage. Er ergriff einen Stein, legte ihn in seine Schleuder, traf Goliat an der Stirn. Der war tot, noch bevor er den Boden berührte. Das gab den unterlegenen Israeliten so viel Mut und schockte die Philister so sehr, dass erstere angriffen und letztere völlig aufrieben.

Tatsächlich haben wir es also sogar mit einer doppelten Underdog-Erfolgsgeschichte zu tun: David gegen Goliat und die Israeliten gegen die Philister. Selbst, wenn seitdem Jahrtausende vergangen sind und vielleicht so mancher Leser nicht religiös ist, wird er dennoch von dieser Geschichte beeinflusst sein.

Denn letztlich baut ein Großteil der Bibel auf ähnlichen Verhältnissen von Über- und Unterlegenheit auf und meist siegt letzteres. Über die Jahrtausende wuchs deshalb der kulturelle Impakt. Gleichzeitig erklärt es, warum der Underdog-Effekt bei Menschen aus anderen Kulturkreisen nicht (so stark) ausgeprägt ist.

Der Underdog in heutigen Zeiten

Die Bibel mag der Auslöser und wichtigste Grund gewesen sein. Allerdings gibt es noch weitere Gründe, warum wir heutzutage Underdogs so sehr zuhalten.

  • Die ganze Menschheitsgeschichte ist voller Begebenheiten, bei denen ein staatlicher „Topdog“ zum Unterdrücker wurde, gegen den sich Underdogs auflehnten. Letztlich sehen wir sogar gerade jetzt in der Ukraine, wie sehr dies immer noch stimmt.
  • Die meisten Menschen sind in aus verschiedenen Blickwinkeln Underdogs. Beispielsweise in Sachen Reichtum oder Schönheit. Deshalb können sich viele „Normalverbraucher“ automatisch gut mit Underdogs gleichwelcher Art identifizieren.
  • Seitdem es eine Filmbranche gibt, wurde uns immer wieder die Story neu erzählt. Die, in der jemand von ganz unten sich entweder hocharbeitet oder jemanden von ganz oben gegen alle Chancen besiegt – nach der Methode funktionieren zwischen dem Box-Epos „Rocky 1“ und „Das Streben nach Glück“ zahlreiche Filme.

Das heißt, wer heute in einem vom westlichen Kulturkreis beeinflussten Land lebt, der würde wahrscheinlich selbst dann ein Faible für Underdogs haben, wenn er von der David-Goliat-Geschichte noch nie etwas gehört hätte.

 

Was die Wissenschaft dazu sagt

Rein evolutionär betrachtet ist die Liebe zum Underdog geradezu widernatürlich – zumindest vordergründig. Denn der wichtigste Modus Operandi des Homo Sapiens ist das Überleben des besser Angepassten (die korrekte Übersetzung des oft falschverstandenen Survival of the fittest als Überleben des Stärkeren).

Wer sich jedoch den Kern dieser wichtigsten These der Evolutionstheorie genauer ansieht, erkennt schnell, dass es eigentlich ganz und gar nicht widernatürlich ist, so zu denken. Im Vergleich mit seiner Umwelt war der Ur-Mensch der wohl perfekte Top-Dog:

  • Keine nennenswerten Klauen und Zähne,
  • keine großen Körperkräfte oder extremen Geschwindigkeiten,
  • vergleichsweise schlechter Geruchssinn,
  • eine eher unterentwickelte Nachtsichtfähigkeit.

Egal, welches Tier damaliger Zeiten man anlegt, es war unseren Vorfahren immer um mindestens eine elementare Fähigkeit haushoch überlegen. Der Mensch konnte „nur“ eine überlegene Denkleistung, eine extrem hochentwickelte Koordinationsfähigkeit untereinander (etwa durch Sprache) sowie einen geradezu extremen Ideen- und Erfindungsreichtum in die Waagschale werfen – all das wirkte jedoch erst im Verlauf von Jahrtausenden wirklich durchschlagend.

Aus wissenschaftlicher Sicht macht das den Menschen im direkten Vergleich mit der Tierwelt zu einem Underdog. Unser Marsch an die Spitze der Nahrungskette war nur unserer Anpassungsfähigkeit zu verdanken.

Allerdings ist das Thema ferner für Verhaltenswissenschaftler interessant. Für diese ist es jedoch eher logisch und allzu menschlich, dass wir uns für die Underdogs erwärmen können:

Wer auf den Favoriten setzt, empfindet aufgrund der Chancenverteilung sowieso geringere Freude bei dessen Sieg. Umgekehrt wiegt eine Niederlage jedoch besonders schwer. Wer hingegen auf den Underdog setzt, wird von einer Niederlage sicherlich nicht überrascht, wohl aber von einem Sieg – und feiert diesen dementsprechend. Es ist also die Gegenüberstellung von positiven und negativen Überraschungen – ersteres mag wohl jeder deutlich mehr.

Die bedeutendste wissenschaftliche Arbeit dazu wurde 1992 von Professor Hirt aus den USA veröffentlicht. Er machte mit 100 Studierenden einen umfassenden Versuch, bei denen es immer um zwei Sportmannschaften ging. Ganz gleich, in welcher Konstellation die Versuche abliefen, immer optierten die meisten Studierenden für das unterlegene Team – den Underdog.

Einige Wissenschaftler erklären dies zudem mit einem inhärenten menschlichen Verlangen nach Harmonie. In diesem Sinn ist jeder Sieg eines Underdogs letztlich eine Form von ausgleichender Gerechtigkeit und stellt die Balance wieder her.

Der Underdog-Effekt zusammengefasst

Was unsere Herzen für den Unterlegenen schlagen lässt, hat somit gute Gründe:

  1. Der evolutionäre Beginn des Menschen gegen eine lange Zeit überlegene, feindselige (Tier-) Welt.
  2. Der gesamte Aufbau unseres christlich-jüdischen Kulturraumes.
  3. Der emotionale Unterschied zwischen positiver und negativer Überraschung.
  4. Das den meisten innewohnende Verständnis von Gerechtigkeit und die Suche nach Harmonie.

Vielleicht mag es nicht sonderlich wissenschaftlich, aber allzu menschlich sein, dafür dürfte aber Grund 5 wohl bei vielen Lesern Zustimmung finden: Es macht einfach Spaß, einen mit viel Tam-Tam gehypten Topdog, der vielleicht obendrein noch arrogant ist, gegen alle Wahrscheinlichkeiten scheitern zu sehen – und Schadenfreude, das weiß wiederum die Wissenschaft sehr gut, ist die reinste Form der Freude.