08.02.2018, 15:23 Uhr

Hundeelend! Großes Geschäft mit dem besten Freund des Menschen


Hundewelpen sind „Beifang“ zu den Flüchtlings-Grenzkontrollen

PASSAU Es gibt keine Zahlen. Klar, die „Züchter“ aus Rumänien, Polen, Tschechien oder sonst einem anderen – zumeist östlichen – Land bleiben anonym, wenn sie ihre Hunde „aus gepflegter Zucht“ etwa über eBay und/oder andere Internet-Portale verscherbeln. Je nach Rasse mehrere hundert Euro pro Hund, sind in der Masse ein gutes bis sehr gutes Geschäft – nach Waffen und Drogen sogar das lukrativste. Das weiß Bettina Mittler vom Tierheim Passau-Ingling ebenso wie Birgitt Thiesmann (54) von der Tierschutz-Stiftung Vier Pfoten. Die ehemalige Journalistin steht als ein deutsches Synonym für den Kampf gegen die skrupellose Welpenmafia.

„Alles läuft über eBay. In Südosteuropa, Rumänien, Bulgarien, Ungarn werden billige Rassehunde produziert – das ist ein Riesengeschäft“, informiert Bettina Mittler, Leiterin des Tierheim Passau-Ingling. Und noch etwas verrät sie: „Das Budget des Veterinärwesens ist von einem fünfstelligen auf einen sechsstelligen Betrag gestiegen. Das sind irrsinnige Kosten für die Bürger und Kommunen.“

„Was seit eineinhalb Jahren wegen der Grenzkontrollen bei uns los ist, das sprengt jeden Rahmen“, meint Bettina Mittler. „Die Hunde werden an der Grenze in Suben abgefangen. Die ganzen Hundehändler schlagen bei uns auf, quasi als Beifang für Flüchtlinge, Schmuggler, Verbrecher. In Österreich wird diesbezüglich scheinbar kaum kontrolliert. Meiner Meinung nach schieben sie das Problem einfach nach Deutschland weiter.“

Die Masse macht‘s wie man so schön sagt. Da können Hunde im Internet auch zu Niedrigstpreisen angeboten werden. Ordentliche Züchter können da preislich nicht mithalten. Wer sich in Deutschland einen Hund etwa aus dem Tierheim holt, bekommt die Papiere ausgehändigt, der Hund ist entwurmt, gechipt, und hat den blauen EU-Impfpass.

Vermehrer „dealen“ mit Hundewelpen

Die Hunde aus den östlichen „Vermehrungsfabriken“ sind dagegen oft sogenannte „Listenhunde“, die man in Deutschland eigentlich gar nicht einführen darf. „Gemacht“ wird, was „in“ ist – und zwar ohne Rücksicht auf gesundheitliche Verluste. „Seit einiger Zeit sind Kleinhunde wie etwa Möpse in, die dem Kindchenschema entsprechen. Ein eigentlich zu kleiner Kopf, in dem das Gehirn kaum Platz hat; Augen, die schon mal aus den Höhlen fallen, weil sie einfach zu groß sind; eine platte Nase, die das Atmen kaum möglich macht und damit die Sauerstoffunterversorgung begünstigt. Birgitt Thiesmann weiß genau, wovon sie spricht, sie sieht dieses Hundeelend nahezu täglich mit eigenen Augen. Sie und ihre Kollegen von „Vier Pfoten“ werden deshalb sogar psychologisch betreut.

Denn vor allem der Welpenhandel ist mittlerweile ein äußerst gut organisiertes Verbrechen im großen Stil. Hier geht es um Gewinne in mehrstelliger Millionenhöhe und um unglaubliches Leid.

Das Geschäft funktioniert so: Hunde aus Massenzuchten in Tschechien, Ungarn, Polen, Rumänien und der Slowakei werden von den sogenannten „Vermehrern“ an die Händler verkauft und an vereinbarten Treffpunkten angeliefert. 20 bis 80 Euro pro Welpe sind da drin. Viel Geld bei durchschnittlich 100 Welpen pro Woche, wie Thiesmann weiß. Ausweis- und Impfpapiere sind – falls überhaupt vorhanden – in der Regel gefälscht. „Diese Hunde sind nicht gegen Tollwut geimpft“, meint Birgitt Thiesmann. „Es ist wirklich nur eine Frage der Zeit, bis die Tollwut auf diesem Weg wieder nach Deutschland kommt.“

Der Welpenhandel läuft reibungslos. Wer so einen jungen Hund einmal in den Arm genommen, in die Augen geblickt hat, der blendet oft alle Zweifel aus, es fließt Geld, das Geschäft floriert, die Maschinerie wird geölt. Birgitt Thiesmann, früher bei der Jugendzeitschrift Bravo für Schicksals- und Tiergeschichten zuständig, ist seit neun Jahren bei Vier Pfoten und hat schon alles gesehen. „Ich war schon in einer polnischen Vermehrungsstation für Hunde. Die Welpen kommen zu früh von der Mutter weg, während sie in Deutschland mindestens acht, besser aber zwölf Wochen – in der sogenannten Prägephase – bei der Mutter bleiben, weil sie sonst meist sehr ängstlich und aggressiv werden.“

„Oft haben sie schlimme Infektionen wie Staupe oder Parvovirose (eine hoch ansteckende und akut verlaufende Infektionskrankheit – Anm. d. Red.), die bei kleinen Hunden meist tödlich verläuft.“ Aber auch sonst sind viele überzüchtete Hunde oft krank, haben chronische Krankheiten, Dysplasien, Infektionen oder genetische Krankheiten. Hinzu kommen noch sogenannte „Zoonosen“ wie etwa Parasiten und Würmer, die auch auf den Menschen übergehen können.

473 Tiere wurden 2017 beschlagnahmt

Tschechien ist laut Thiesmann mit das größte Hunde-Importland. So brachte etwa ein Tierarzt (!) 78 Welpen in Geflügelkisten nach Deutschland. „Leider gibt es in Bezug auf Hunde- bzw. Welpenhandel keine übergreifenden Regeln – dabei wäre das wirklich sehr hilfreich.“ Chihuahua, französische Bulldogge, Malteser, Zwergspitz, aber auch Golden Retriever, Labrador, Rhodesian Ridgebacks – reinrassige Hunde sind als Statussymbol begehrt und teuer. Auf illegalem Weg sparen die Hundeliebhaber also richtig Geld.

Marion Kellberger von der Hunderettung Vilshofen: „Alle unsere Hunde kommen aus Hermannstadt/Sibiu in Rumänien und haben alle Papiere, Impfungen, den blauen EU-Pass und wurden vor der Ausreise aus Rumänien vom rumänischen Veterinäramt noch einmal kontrolliert. Derzeit hat die Organisation „Animal Life“ in Sibiu rund 120 Hunde in Obhut und die Hunde werden erst zu uns gebracht, wenn sich ein lieber Mensch für jeden einzelnen Hund gefunden hat.“ 136 Fälle mit Tiertransporten verzeichnete das Veterinäramt am Passauer Landratsamt im letzten Jahr – 2500 Tiere wurden kontrolliert, 473 Tiere wurden beschlagnahmt, die meisten davon Hunde, aber auch Katzen, Pferde, Tauben und sogar Kängurus. „Die Hundewelpen sind meist zu jung und haben ungenügende Papier, sind nicht geimpft. Einmal fanden wir 40 in einen Ford Mondeo aus Ungarn gepferchte Hunde. Den Züchter erwischten wir bereits das dritte Mal. Nach der dritten Strafanzeige beschlagnahmte das Gericht nun das Auto und beschleunigte das das Verfahren. Alle Hunde waren übrigens schwer krank“, erklärt Amtsärztin Enikö Botlinger. Enikö Botlinger appelliert an alle Tierfreunde: „Die Leute sollten sich überlegen, was sie kaufen und darauf bestehen, die Mutter der Hundewelpen zu sehen. Außerdem ist nichts gespart, wenn die immensen Tierarztkosten letztlich die Anschaffungskosten übersteigen. Denn solange der Markt für billige Hunde da ist, ist es für uns ein Kampf gegen Windmühlen.“

Unter diesem Link kann man „Vier Pfoten“ im Kampf gegen den illegalen Welpenhandel im Internet unterstützen: www.stopptwelpendealer.org


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