22.09.2020, 13:44 Uhr

Urteil am Landgericht Landshut Ex-Priester als „Rebell von Neurussland“

Der Angeklagte (li.) mit seinem Verteidiger Joachim Schwarzenau.  Foto: mrDer Angeklagte (li.) mit seinem Verteidiger Joachim Schwarzenau. Foto: mr

„Ich wollte dem russischen Volk dort helfen, weil die Lage in der Ukraine eskalierte“, so die Worte des Angeklagten Dimitri S. (Name geändert) - dann kämpfte er gegen ukrainische Truppen.

Landshut. Dafür verurteilte ihn vergangene Woche die als Schwurgericht tagende 1. Strafkammer wegen versuchten Totschlags in zwei Fällen zu einer Freiheitsstrafe von viereinhalb Jahren. Verhandelt wurde der Fall hier, da der Angeklagte die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt.

Dimitri S. (49) hat eine unstete Vergangenheit: In Moskau geboren, lernte er erst Dolmetscher, wurde dann als orthodoxer Priester geweiht und siedelte schließlich 2002 nach Deutschland über, wo er in Ingolstadt eine Gemeinde führte. Später arbeitete er bei der Münchner U-Bahn-Wache, dann als Türsteher, bis er sich zuletzt als Mönch nach Griechenland auf den Berg Athos zurückzog. „Das ist ein sehr starker Kontrast, aber man muss da und da mit Menschen arbeiten“, erklärte der Vater von drei Kindern seine Stationen.

Doch zwischenzeitlich schloss er sich im August 2014 als Kämpfer der sogenannten „Imperialen/Kaiserlichen Legion“ an, um auf der Seite der pro-russischen Rebellen das russische Volk in der Ukraine zu unterstützen. Dabei handelt es sich um eine russisch-orthodox geprägte kämpfende Organisation, die die Interessen des russischen Volkes an allen Seiten verteidigt.

Nachdem laut Anklage vermutlich Anfang September 2014 ukrainische Truppen mit fünf Panzer, weiteren Fahrzeugen und etwa 120 Infanteristen in das Stadtgebiet von Starobeschowo (Osten der Urkaine) vordrangen, gab der Angeklagte während der fünfeinhalb Stunden andauernden Gefechte mehrere Schüsse aus seinem Schnellfeuergewehr auf die vorrückenden Soldaten ab. Außerdem feuerte er mit einer Panzerabwehrwaffe auf einen Panzer, der komplett ausbrannte. Zugunsten des 49-Jährigen ist die Staatsanwaltschaft davon ausgegangen, dass er die ukrainische Panzerbesatzung nicht tötete. „Ich habe nur Warnschüsse abgegeben und auf keinen Menschen gezielt“, verteidigte sich der ehemalige Priester vor Gericht.

2019 wurde Dimitri S. schon von der Staatsschutzkammer München I wegen der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat als damaliger Anführer einer Einheit in St. Petersburg zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und drei Monaten verurteilt. Diese Strafe hat er bereits voll verbüßt. Doch dann erschien ein Interview mit ihm beim russischen Fernsehsender mit dem Titel „Der Rebell von Neurussland“. Darin schilderte der Angeklagte ausführlich seine Kampfhandlungen.

Der zuständige Polizeibeamte in diesem Fall erklärte der Kammer, er habe seine Ermittlungen nur mit Hilfe des Internets und der sozialen Medien führen können. Dort habe er Bilder und Artikel gefunden, womit er die im Interview geschilderte Reiseroute des Angeklagten nachvollziehen konnte und zudem auch ein Bild, auf dem der 49-Jährige mit dem „goldenen Adler“ geehrt wurde - wofür konnte der Ermittlungsführer nicht herausfinden. Allerdings gab es laut dessen Auskunft keine Bilder des Angeklagten bei Übungen oder einer Kampfausbildung als solcher, lediglich ein Mannschaftsbild mit den am Boden abgelegten Waffen kurz vor deren Aufbruch aus St. Petersburg.

Der Angeklagte räumte die Vorwürfe ein und es kam zu einer Verständigung. Im Rahmen dieser verurteilte ihn die Kammer zu viereinhalb Jahren Gefängnis, nachdem der Münchener Generalstaatsanwalt fünf Jahre und dessen Verteidiger Joachim Schwarzenau vier Jahre und drei Monate geforderte hatte. − mr –


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