20.11.2019, 08:58 Uhr

Süße Hundewelpen und tote Babys „Das macht was mit deinem Hirn!“

Ein bisschen mit dem Smartphone surfen, bevor der Unterricht wieder losgeht. Was unschuldig aussieht, hat es unter Umständen in sich. Foto: lev dolgachov/123RF.com  (Foto: lev dolgachov/123RF.com)Ein bisschen mit dem Smartphone surfen, bevor der Unterricht wieder losgeht. Was unschuldig aussieht, hat es unter Umständen in sich. Foto: lev dolgachov/123RF.com (Foto: lev dolgachov/123RF.com)

Auf dem Smartphone einer zwölfjährigen Schülerin haben Landshuter Kripo-Beamte ein verstörendes Video entdeckt, das mit einem harmlosen Vorschaubild getarnt war. Es zeigt, wie ein Baby brutal getötet wird. Weil das immer öfter passiert, schlägt die Polizei jetzt Alarm.

LANDSHUT Mit einem Bild von niedlichen Hundewelpen beginnt das Video, das Kriminalbeamte im März auf dem Smartphone einer zwölfjährigen Schülerin und zwölf weiteren Kindern aus dem Raum Landshut entdeckt haben. Nach 15 Sekunden sind die putzigen Fellnasen plötzlich verschwunden. Was dann auf dem Bildschirm auftaucht, schockiert selbst hart gesottene Ermittler. Es ist zu grausam, um es in Worte zu fassen. Zu sehen ist, wie ein Baby zu Tode gequält wird. „Das macht etwas mit deinem Gehirn“, sagt Rainer Schink, Leiter des Kommissariats 1.

Es handelt sich um ein Snuff-Video der schlimmsten Sorte, „die filmische Aufzeichnung eines Mordes, der zur Unterhaltung oder sexuellen Erregung des Zuschauers begangen wurde“, wie das Online-Lexikon Wikipedia nüchtern erklärt. Es ist ein Film, wie ihn Kripo-Beamte in der Bezirkshauptstadt immer häufiger auf Telefonen von Kindern und Jugendlichen finden, die sie wiederum von Freunden und Bekannten, aber auch von Wildfremden bekommen haben. Jahr für Jahr werden die Fälle mehr. „Betroffen sind alle Schulen und alle Gesellschaftsschichten“, sagt Schink.

„Im Jahr 2017 wurden insgesamt 31 Fälle von sexuellem Missbrauch von Kindern durch Vorzeigen pornografischer Abbildungen oder Darstellungen registriert. 2018 waren es niederbayernweit bereits 48 Fälle. Im Deliktsbereich ,Verbreiten pornografischer Schriften‘ wurden 124 Straftaten im Jahr 2017 registriert, im Jahr 2018 waren es insgesamt 136 Fälle“, teilt das Polizeipräsidium mit. Das hört sich nach nicht viel an. Die Dunkelziffer ist allerdings gewaltig.

Der Fall einer 15-Jährigen aus dem Raum Landshut, deren Smartphone die Polizei eingezogen hat, zeigt, mit welch gewaltigen Dimensionen es die Ermittler zu tun haben. Das Mädchen war in diversen Chatgruppen auf Instagram und WhatsApp mit Tausenden von Mitgliedern aktiv. „In einem halben Jahr hatten sich 500.000 Nachrichten angesammelt“, erzählt Schink. Unmöglich für die Ermittler, jedes Bildchen, jedes Video zu überprüfen. Zumal die schlimmsten Videos meistens harmlose Vorschaubilder, so genannte Thumbnails, haben. Hundewelpen zum Beispiel.

Das Video, das die Tötung eines Babys zeigte, gelangte in die Hände der Polizei, weil ein aufmerksamer Lehrer auf einem Landshuter Pausenhof beobachtet hatte, wie eine Gruppe Kinder zusammenstand und auf ein Smartphone starrte. Die Kids hatten sich einen Kinderporno angesehen. Auf dem Telefon fanden die Ermittler wenig später auch den Film von der Tötung des Babys. Die Polizei hat dann alle Telefone aus der Messengergruppe der 12-Jährigen eingezogen. Den Fall nahm die Polizei zum Anlass, mit der niederbayernweiten Plakataktion „DEIN Smartphone DEINE Entscheidung“ auf das Problem aufmerksam zu machen. Recht viel mehr Möglichkeiten, als mit Aufklärung gegen das Phänomen vorzugehen, haben sie nicht. Es ist ein Kampf gegen Windmühlen.

„Viele wissen gar nicht, was sie auf ihrem Telefon haben und dass allein schon der Besitz solcher Videos eine Straftat ist“, sagt Schink. Tückisch: Die Grund-Einstellung von WhatsApp ist zum Beispiel so konfiguriert, dass Inhalte automatisch runtergeladen werden, wenn sich das Smartphone in ein bekanntes WLAN-Netzwerk einloggt. Ist man Mitglied in einer großen Chatgruppe mit Tausenden von Nachrichten und teilt einer aus der Gruppe ein strafbares Video, dann befindet es sich auf allen Telefonen der Gruppenmitglieder – und alle machen sich strafbar, auch wenn sie davon nichts wissen.

Erlangt die Polizei Kenntnis von so einem Video, knöpft sie sich alle Gruppenmitglieder vor. „Wir hatten das schon oft, dass wir um 6 Uhr morgens an einer Haustüre klingeln und dem Ehemann vor seiner Frau eröffnen, dass wir einen Durchsuchungsbeschluss wegen des Verdachts des Besitzes von kinderpornografischen Schriften haben“, so Schink. Es sei immer der gleiche Blick, den die Ehefrauen dann ihren Männern zuwerfen würden.

Viel schlimmer ist aber, dass auch Kinder problemlos an solche Inhalte kommen und sie weiterverbreiten. Opfer und „Täter“ werden dabei immer jünger. Bereits Neunjährige würden erwischt, so Schink. Die Kinder werden zum Teil von Pädophilen in Chat-Gruppen angegangen. Die überreden sie dann, intime Fotos oder Filme von sich zu machen und zu teilen. „Das findet im Geheimen statt. Abends mal schnell unter der Bettdecke. Das bekommen die Eltern oft gar nicht mit“, sagt der Chefermittler.

Überhaupt sind die Eltern ein großer Teil des Problems. Wenn die von der Arbeit nach Hause kommen, sich auf die Couch fallen lassen und sofort beginnen, an ihrem Telefon „rumzuwischen“, dann leben sie ihren Kindern vor, was schnell zu einer Bedrohung werden kann. Schink: „Da sinkt dann die Hemmschwelle bei den Kindern im Umgang mit dem Smartphone.“

Die Kinder, auf deren Handys die Polizei das Snuff-Video entdeckt hat, sind übrigens strafunmündig. Einen Denkzettel bekommen sie dennoch. „Ihre Telefone bleiben eingezogen. Ihre Eltern haben sich damit einverstanden erklärt“, sagt Schink. Kein Wunder. Ist der Dreck erst einmal auf dem Smartphone, lässt er sich nicht so leicht beiseite wischen. Selbst nach dem Löschen bleiben die Dateien auf dem Gerät versteckt. „Würden wir die Handys wieder herausgeben, würden wir uns selbst strafbar machen“, so der Leiter des K1.


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