30.10.2019, 13:00 Uhr

Freiwillige Fahrtests für Senioren? Diskussion nach Beinahe-Crash eines 83-jährigen Geisterfahrers auf A92

Bei Pilsting ist in der vergangenen Woche ein 83-Jähriger falsch auf die Autobahn aufgefahren und wäre dabei fast frontal mit dem Fahrzeug einer 29-Jährigen zusammengestoßen. (Foto: Christa Latta)Bei Pilsting ist in der vergangenen Woche ein 83-Jähriger falsch auf die Autobahn aufgefahren und wäre dabei fast frontal mit dem Fahrzeug einer 29-Jährigen zusammengestoßen. (Foto: Christa Latta)

Fahrlehrer Heinz Gillig rät Senioren ab 70 Jahren und Personen mit neurologischen Erkrankungen zu freiwilligen Fahrtests.

DINGOLFING-LANDAU „Achtung auf der A92! Zwischen den Anschlusstellen Landau und Plattling-West kommt Ihnen ein Geisterfahrer entgegen!“ Es ist Mittwochmorgen, kurz nach halb 8 Uhr, mitten im Berufsverkehr, als das Radioprogramm für diese Meldung unterbrochen wird.

Etwa fünf Falschfahrer-Meldungen in Deutschland sind pro Tag im Radio zu hören, rund 2.000 sind es jedes Jahr. In 75 bis 80 Fällen kommen es zu Unfällen, jeder sechste endet tödlich. Im Fall des Falschfahrers auf der A92 vergangene Woche ging glücklicherweise noch alles einigermaßen glimpflich aus.

Wie sich später herausstellte, war ein 83-jähriger aus dem Landkreis Altötting bei Plattling falsch auf die Autobahn aufgefahren. Nicht nur der Senior selbst hatte bei seiner rund 17 Kilometer langen Geisterfahrt einen Schutzengel an Bord, sondern auch eine 29-Jährige aus dem Landkreis Pfarrkirchen.

Sie war auf dem linken Fahrstreifen in Richtung Deggendorf unterwegs und konnte dem Falschfahrer noch im allerletzten Moment ausweichen und damit einen Frontalzusammenstoß verhindern. Die Autofahrerin erlitt allerdings einen Schock.

„Wie es zu der Irrfahrt des Seniors kommen konnte, müssen erst die Ermittlungen zeigen“, so Polizeioberkommissar Markus Steinkirchner von der Autobahnpolizei Wörth/Isar. Denn der 83-Jährige konnte erst, nachdem er die Autobahn bei Landau verlassen hatte, auf der B20, auf Höhe Kugl, von Beamten der Polizeiinspektion Landau gestoppt werden. Den Falschfahrer erwartet nun ein Strafverfahren wegen Gefährdung des Straßenverkehrs, was theoretisch mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren geahndet werden kann. Ob dem Senior auch die Fahrerlaubnis entzogen wird, könne Steinkirchner nicht sagen.

Dass das Alter des Falschfahrers eine Rolle gespielt haben dürfte, ist allerdings wohl nicht ganz von der Hand zu weisen. „Meine persönliche Erfahrung ist, dass ältere Damen und Herren schon eher zu Geisterfahrern werden als jüngere Verkehrsteilnehmer. Bei den jüngeren Falschfahrern spielen oft Alkohol und Drogen eine Rolle oder sie handeln aus Suizidabsicht“, so der Polizeioberkommissar.

Richtiges Verhalten bei Falschfahrer-Meldung

Doch wie reagiert man am besten, wenn einem ein Falschfahrer entgegenkommt? „Am besten Warnblinkanlage an, Geschwindigkeit verringern, nicht überholen und rechts halten“, rät Heinz Gillig von der gleichnamigen Dingolfinger Fahrschule. Im Rahmen der Führerscheinprüfung geübt werde so eine Situation aber nicht. „Das ist im Lehrplan auch nicht vorgesehen. Eine immer gültige Regel gibt es da auch nicht. Stellen Sie sich mal vor, es gäbe den Rat ,Fahren Sie ganz rechts‘ und dann kommt der Falschfahrer genau auf dieser Spur daher. Gleiches gilt für ,Fahren Sie ganz links‘.“

Ausschließlich ältere Verkehrsteilnehmer als unsichere Fahrer abstempeln möchte Gillig auch nicht: „In einer komplexen Situation wie zum Beispiel einem Autobahnkreuz können auch Sie oder ich theoretisch den Überblick verlieren und zum Geisterfahrer werden.“

Grundsätzlich rät der erfahrene Fahrlehrer aber schon dazu, dass sich ältere Verkehrsteilnehmer ab 70 Jahren oder Personen, die neurologische Probleme haben/hatten (wie zum Beispiel nach einem Schlaganfall) einen freiwilligen Fahrtest in der Fahrschule machen: „Wir haben regelmäßig Senioren, die ihre Fahrtauglichkeit bei uns überprüfen lassen oder Personen, denen von einem Neurologen dazu geraten wird. Die bekommen dann von uns auch eine schriftliche Stellungnahme, wie er/sie sich in komplexen Fahrsituationen, auf der Autobahn, auf Überlandfahrten verhalten hat und wie der Leistungsabfall nach 90 Minuten Fahrzeit war..“

Übrigens: Ist man selbst versehentlich zum Geisterfahrer geworden, rät der ADAC zu folgendem Verhalten: Sofort Licht und Warnblinkanlage einschalten, umgehend an den nächstgelegenen Fahrbahnrand fahren, Fahrzeug dicht neben der Schutzplanke abstellen, vorsichtig aussteigen und sich hinter die Schutzplanke stellen. Dann die Polizei unter dem Notruf 110 anrufen und auf Hilfe warten. Und das Wichtigste: Unter keinen Umständen sollte man versuchen zu wenden!


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