08.02.2018, 15:33 Uhr

Für „Trinkgelder“ Diebstähle bei BMW mit Millionen-Schaden


Tschechisch-slowakisches Quartett auf der Anklagebank - Keiner will der „Kopf“ gewesen sein.

WALLERSDORF/LANDSHUT Massenweise verschwanden im vergangenen Jahr hochpreisige Diesel-Injektoren aus dem BMW-Logistikzentrum in Wallersdorf. Jetzt hat sich vor der 1. Strafkammer des Landshuter Landgerichts ein tschechisch-slowakisches Quartett wegen schweren und Bandendiebstahls zu verantworten, das für die Diebstähle, bei dem Injektoren im Gesamtwert von 2 225 000 Euro entwendet wurden, verantwortlich sein soll. Zum Prozessauftakt lieferten die Angeklagten Teilgeständnisse, offen blieb aber, wer der „Kopf“ der Gruppierung war.

Der in Wallersdorf lebende tschechische Staplerfahrer Jakub O. (29) war laut der von Staatsanwalt Klaus Kinsky vertretenen Anklage seit Oktober 2016 bei einer für die BMW AG tätigen Logistik-Firma ausschließlich in der Nachtschicht in Wallersdorf eingesetzt, wobei er die Warenbestände im Lager zu überprüfen und durch Umlagerung zu optimieren hatte. Deshalb verfügte er auch über weitreichenden Zugang zu den dort eingesetzten BMW-Logistiksystemen.

Im Januar 2017 habe er den Entschluss gefasst, seine Vertrauensstellung zu nutzen, um hochwertige Injektoren - Einspritzdüsen, die in nahezu allen BMW-Dieselmotoren verbaut werden und insbesondere auch auf dem Gebrauchtwagenmarkt stark nachgefragt sind - zu entwenden. Dabei sei er zunächst arbeitsteilig mit bisher noch nicht ermittelten Lkw-Fahrern vorgegangen.

Die Kraftfahrer seien in der Nachtschicht mit ihren Lkw zur so genannten Kalthalle bestellt worden, einem an den Lagerbereich anschließenden Gebäudevorbau, in dem im regulären Schichtbetrieb die Lkw der eingesetzten Speditionen ent- oder beladen werden. Jakub O. der als „Clearer“ in der Lagerhalle arbeitete, habe dann mit einem Gabelstapler jeweils zwei mit insgesamt 1440 Diesel-Injektoren beladene Gitterboxen von der Lagerhalle in die Kalthalle gebracht und die wartenden Sattelaufleger beladen. Von den Lkw-Fahrern sei das Diebesgut dann an bisher noch unbekannte Hintermänner übergeben worden. Allein in der Zeit vom 3. bis 12. Januar sei es zu insgesamt drei Diebstählen mit einem Beutewert von knapp 950 000 Euro gekommen, wobei Jakub O. jeweils mit1000 Euro für seine Dienste abgespeist worden sei.

Noch im Januar 2017 lernten sich dann der 29-jährige und sein Mamminger Landsmann Lubomir G., Berufskraftfahrer bei einer Mamminger Spedition, die im Auftrag des Logistikzentrums Transportaufträge durchführte, kennen. Jakub O. heuerte den 44-Jährigen an, der über eine Zufahrtskarte für werksfremde Beschäftigte verfügte und dann am 24. Februar und am 15. März mit seinem Lkw jeweils zwei weitere Gitterboxen mit jeweils 720 Diesel-Injektoren im Gesamtwert von 636 000 Euro abtransportierte und für jede „Fuhre“ 1000 Euro kassierte. Die Ladung nahmen dann an einer Wallersdorfer Tankstelle die unbekannten Hintermänner in Empfang und luden sie auf einen Kastenwagen um.

Im April 2017, so die Anklage, kam es dann zur Bandenbildung: Lubomir G. vermittelte zwei slowakische Kollegen seiner Mamminger Spedition, den 36-jährigen Rastislav U. und den 38-jährigen Juraj V. an Jakub O., der in der Folgezeit als „Boss“ fungierte: Er bestimmte, wann die Abholung der Gitterboxen stattzufinden hatte und war für die Bezahlung seiner „Mitarbeiter“ zuständig und war auch der einzige, der in Verbindung mit den Hintermännern, sprich Abnehmern, stand. Die beiden Slowaken fungierten als Kurierfahrer, während Lubomir G. als „Bindeglied“ die Anweisungen des Bosses an die Kurierfahrer weitergab und sie auch über die Details instruierte.

So kam es am 5. Mai zu einem weiteren Diebstahl von 720 Diesel-Injektoren im Wert von 636 000 Euro. Das Handwerk wurde der Bande schließlich wenige Tage später, am 10. Mai, gelegt: Wieder waren zwei Gitterboxen mit Injektoren für den Abtransport auf den von den beiden slowakischen Kraftfahrern besetzten Sattelaufleger verfahren. Sie wurden jedoch bei der Ausfahrt am Logistiktor von der Werksicherheit aufgehalten und das Diebesgut sichergestellt.

Zum Prozessauftakt legte Jakub O. ein Teilgeständnis ab, schwieg zu den Januar-Diebstählen, räumte aber ein, an den Taten im Mai beteiligt gewesen zu sein. Beileibe aber nicht als „Kopf“ der Bande. Vielmehr sei er von seinem Landsmann Lubomir G. angeworben worden. Der habe ihn gefragt, ob er nicht Interesse an einem „Zuverdienst“ habe. Pro abtransportierter Gitterbox seien ihm 500 Euro versprochen worden:

„Meine Aufgabe war es, die Gitterboxen aufzuladen und am vorgegebenen Treffpunkt abzuliefern, wo sie dann in einen Kastenwagen mit tschechischem Kennzeichen geladen wurden.“ Lubomir G. habe - da er selbst das Wallersdorfer Lager nicht mehr anfahren konnte - die beiden slowakischen Ersatzfahrer engagiert: „Er hatte das Sagen.“

Diametral dazu die Einlassung des 44-jährigen Mammingers: Sein 29-jähriger Landsmann habe einmal ein Gespräch mitbekommen, bei dem die Lkw-Fahrer geschimpft hätten, dass sie oft zwölf Stunden zu fahren hätten, sich das in der Bezahlung nicht bemerkbar mache. „Da hat er mir angeboten, dass ich etwas dazu verdienen könnte: Er hätte Waren im Lager und für jede abtransportierte Gitterbox bekäme ich 500 Euro.“

Die Januar-Fahrten, so der 44-Jährige habe er dann auch durchgeführt, sei aber dann ausgestiegen. Auf Drängen von Jakub O. habe er dem dann den slowakischen Fahrerkollegen Rastislav U. als Ersatz vermittelt, dass mit ihm auch Juraj V. eingestiegen sei, davon wisse er nichts. Für die Vermittlung, so räumte der 44-Jährige ein, habe er eine Art „Provision“ kassiert: 300 Euro pro Gitterbox.

Der Prozess wird am 20. Februar fortgesetzt. -ws-


0 Kommentare