13.12.2017, 18:33 Uhr

Wende im Junkie-Prozess Mutmaßliches Raub-Opfer inzwischen verstorben

(Foto: Jürgen Unterhauser)(Foto: Jürgen Unterhauser)

Im Prozess gegen Junkie-Trio sind im Rahmen einer Verständigung „geständige Einlassungen“ angekündigt.

DINGOLFING/LANDSHUT Völlig neue Situation im Prozess gegen ein kasachisch-usbekisches Junkie-Trio, dem vor der 6. Strafkammer des Landshuter Landgerichts u.a. schwerer Raub und gefährliche Körperverletzung vorgeworfen wird: Das mutmaßliche Opfer, der 42-jährige kirgisische Mechaniker Vitali S. ist aufgrund seines auf übermäßigen Drogen- und Alkoholkonsum zurückzuführenden schlechten Gesundheitszustands inzwischen auf der Intensivstation des Deggendorfer Klinikums gestorben.

Wie zum Prozessauftakt berichtet, sollen sich der 33-jährige Schweißer Eugen K., der 34-jährige Möbelmonteur Andrej M. und der aus Usbekistan übergesiedelte 34-jährige Gelegenheitsarbeiter Wilhelm B. - in Passau, Essenbach und Deggendorf wohnend - am 15. Januar dieses Jahres maskiert und mit Handschuhen ausgestattet, sich gewaltsam Zutritt zur Wohnung ihres späteren Opfers verschafft und dieses unvermittelt zusammengeschlagen und mit mindestens zehn Fußtritten gegen den Kopf malträtiert haben.

Sie sollen den Mechaniker so lange gequält haben, bis er ihnen verriet, wo er seine Geldbörse aufbewahrt habe, der sie dann 270 Euro entnommen haben sollen. Weniger erfolgreich soll dann die weitere Durchsuchung der Wohnung nach Wertgegenständen verlaufen sein.

Die drei Angeklagten, seit Jahren schwer heroinabhängig und mehrfach einschlägig vorbestraft, hüllte sich zum Prozessauftakt in Schweigen. Auch das vermeintliche Opfer ist alles andere als ein unbeschriebenes Blatt: 2007 wurde der Mechaniker zusammen mit drei Kumpanen verurteilt, nachdem das Quartett über mehrere Jahre hinweg Heroin in großen Mengen aus Holland eingeführt und in der niederbayerischen Szene vertickt hatte. Er hatte sich dafür eine Freiheitsstrafe von sechseinhalb Jahren eingefangen.

Vitali S. stand der Kammer bereits zum Prozessauftakt nicht als Zeuge zur Verfügung: Er war Ende Oktober in lebensbedrohlichem Zustand ins Deggendorfer Klinikum eingeliefert worden. Allerdings nicht etwa wegen Spätfolgen des Überfalls, vielmehr hatte der jahrelange Heroinkonsum seinen Tribut gefordert. Wie jetzt am vierten Verhandlungstag bekannt wurde, ist der 42-Jährige inzwischen verstorben.

Der Prozess geht dennoch weiter, wobei in der Zwischenzeit Verständigungsgespräche zwischen den Beteiligten stattfanden, in deren Rahmen die Verteidigerriege „geständige Einlassungen“ ihrer Mandanten ankündigte. Ob damit allerdings auch der Vorwurf des schweren Raubes umfasst ist, blieb noch offen. Im Gegenzug sollen dem Trio moderate Freiheitsstrafen im Bereich von vier Jahren in Aussicht gestellt worden sein, wobei das Strafmaß nur eine untergeordnete Rolle spielen wird; denn aufgrund der Drogenabhängigkeit steht für alle drei Angeklagten die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt im Raum.

Vorsitzender Richter Ralph Reiter präsentierte zum Auftakt des vierten Verhandlungstages die Maskierung der mutmaßlichen Räuber: Eine schwarz-weiß gemusterte Wollmütze mit ausgeschnittenen Augenlöchern sowie eine Paketschnur, die laut Anklage zum Fesseln des vermeintlichen Opfers benutzt wurde. Weitere Beweismittel: Handschuhe, ein Herrenoberteil, sowie ein blutiges Handtuch, das damals im nassen Zustand zur Drosselung des Mechanikers benutzt worden sein soll.

Der Wohnungsnachbar des mutmaßlichen Opfers berichtete, er habe in der Wohnung über ihm schwere Schläge auf den Boden gehört: „Als ob ein Kopf mehrmals auf den Boden geschlagen wird.“ Er sei hoch, habe geklingelt, aber es sei ruhig, deshalb sei er zurück in seine Wohnung. Dann habe wieder das Schlagen begonnen und seine Frau habe Schmerzensschreie gehört, so der Kraftfahrer weiter. Er sei noch mal hoch um zu klingeln und als sich wieder niemand meldete, habe er schließlich die Polizei gerufen.

Als nächstes wurde die Freundin des Mechanikers (27) berichtete, sie sei damals wegen einer Kniegeschichte im Krankenhaus gelegen und sollte entlassen werden. „Mein Freud wollte mich abholen und ich habe mich schon gewundert wo er bleibt, als er plötzlich mit zerschlagenem Gesicht vor mir stand und meinte, er kommt von der Intensivstation, weil er am Abend zuvor überfallen wurde. „Er erzählte, als er drei Leuten die Türe geöffnet hatte, begannen sie gleich auf ihn einzuprügeln und fragten nach Geld und Gold“, so die 27-Jährige. Sie hätten ihn gefesselt und auf ihn eingetreten. „Danach haben es sich die drei Männer in der Wohnung gemütlich gemacht“, berichtete sie, hörbar empört.

Laut der 27-jährigen, selbst Drogenkonsumentin und derzeit im Methadonprogramm, habe Vitali S. die Täter nicht gekannt. Ihr ehemaliger Freund, mit dem sie circa fünf Jahre zusammen war, sei ein lieber und ruhiger Mensch gewesen sein, der nach der Tat wochenlang unter starken Schmerzen im Rücken und am Kopf gelitten habe. Ob bei dem Überfall Rache oder irgendwelche Geschäfte im Vordergrund gestanden hätten, dazu konnte sie nichts sagen.

Auf Vorhalt der Verteidiger, wie sich ein Heroinabhängiger und von Hartz IV lebender Mann seinen täglichen Rauschgiftkonsum finanzieren könne, blieb sie die Antwort schuldig.

Der Prozess wird am 18. Dezember fortgesetzt.


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