10.07.2018, 18:30 Uhr

Todesschüsse in Traunreut Sanitäter: „Es war wie in einem schlechten Film“

(Foto: Kretzmer)(Foto: Kretzmer)

Zwei Männer (31) starben durch Schüsse in Traunreut - Zwei Frauen (50 und 28) überlebten

TRAUNSTEIN/TRAUNREUT. „Es war wie in einem schlechten Film.“ Diesen Eindruck vom Tatort mit zwei toten Männern und zwei schwer verletzten Frauen gewann ein Rettungssanitäter im Lokal „Hexhex“ in Traunreut. Der Zeuge schilderte vor dem Schwurgericht, beim anschließenden Transport des mutmaßlichen Doppelmörders ins Bezirkskrankenhaus Gabersee habe dieser „friedlich, aufgeräumt und zufrieden“ gewirkt und während der Fahrt „ganz gemütlich seine Breze gegessen“. Der Prozess wegen vollendeten und versuchten Mordes in jeweils zwei Fällen sowie anderer Vorwürfe wird am Donnerstag, 12. Juli, sowie am 16., 17. und 23. Juli, jeweils um 9 Uhr, fortgeführt.

Täter isst auf dem Weg nach Gabersee gemütlich seine Breze

Der in Kasachstan aufgewachsene Deutsche, der in Handschellen und mit einer EDEKA-Tüte in der Hand vor Gericht geführt wurde, wird von Michael Vogel aus Traunstein und Walter Appel aus Traunreut verteidigt. Er hatte am ersten Verhandlungstag Erinnerungslücken angegeben. Nach einem schalen, bitter schmeckenden Bier sei er am Abend des 16. September 2017 raus aus der Kneipe. Sein Gedächtnis setze erst in seinem Schlafzimmer wieder ein mit den Blaulichtern und Martinshörnern der Polizeiwagen vor der Gaststätte. Gemäß Anklage von Staatsanwalt Björn Pfeifer suchte der 63-Jährige gegen 19.45 Uhr das Lokal auf. Nach einem Bier ging er in seine Wohnung auf der anderen Seite des St. Georgs-Platzes, holte eine Brotzeit und spendierte sie im „Hexhex“. Kurz vor 22 Uhr entfernte sich der Angeklagte – um eine halbe Stunde später mit einem geladenen Gewehr wieder aufzukreuzen. Der erste Schuss durchschlug die Schulter der Wirtin, die nächsten Geschosse trafen die beiden 31-Jährigen. Der 63-Jährige hieb den Männern laut Staatsanwalt noch mit dem Gewehrkolben gegen den Kopf. Nachdem die Munition verschossen war, attackierte der Täter die 28-jährige mit der Repetierbüchse – mit mindestens fünf Schlägen gegen Kopf und Körper. Kurze Zeit nach den Bluttaten stand der Angeklagte, bekleidet mit einem auffälligen blauweißen Pullover, in der Zuschauermenge vor der Kneipe. Dabei schnitt er bei einem Polizisten das Thema „Waffen“ an. Als auch noch die per Funk übermittelte Täterbeschreibung auf den Mann passte, wurde der 63-Jährige festgenommen.

Opfer: „Mein Sohn ist erst zehn Jahre alt. Wenn ich sterbe, wer versorgt ihn?“

Die Kammer mit Vorsitzendem Richter Erich Fuchs hörteviele Zeugen an, darunter Notärzte. Einer erblickte damals „zwei Körper in großen Blutlachen am Boden“. Ein Kollege kümmerte sich um die 31-Jährigen, deren Leben aber nicht mehr zu retten waren. Ein Mediziner hörte, wie die schwer verletzte 50-Jährige sagte: „Mein Sohn ist erst zehn Jahre alt. Wenn ich sterbe, wer versorgt ihn?“ Der Notarzt beruhigte die Mutter, sie werde nicht sterben.

Ein direkt über dem „Hexhex“ wohnender 61-Jähriger vernahm drei Schüsse, dann noch ein „Knallgeräusch“, und sah den Angeklagten kurz darauf mit dem Gewehr über die Grünfläche weggehen: „Er wirkte wie befriedigt.“ Der Zeuge begründete seinen Eindruck mit dem lässigen, schlendernden Gang des Mannes.

Außer den Frauen weilten vor dem Verbrechen zwei Zeugen im „Hexhex“. Keinem fiel etwas Ungewöhnliches auf. „Alles war ganz normal. Kein Streit, nichts“, meinte einer der Männer. Der Zweite hatte die herzliche Verabschiedung von der Wirtin im Gedächtnis. Das könnte den „älteren Herrn“, den Angeklagten, vielleicht gestört haben. Während man die von ihm spendierte Brotzeit gemeinsam konsumierte, erschienen die beiden 31-Jährigen aus Palling und Altenmarkt. Sie setzten sich abseits von den übrigen Gästen und hatten keinen Kontakt zum Angeklagten. Die Eltern der getöteten jungen Männer sind Nebenkläger in dem Prozess, vertreten durch Opferanwalt Jörg Zürner aus Mühldorf.

Ein 36-jähriger Passant hörte gegen 21.30 Uhr draußen auf dem Gehweg zufällig, wie „ein älterer Herr mit weißem Bart“ bei Verlassen des „Hexhex“ sagte: „Jetzt kommt gleich die Polizei.“ Der Zeuge schloss nach seinen Worten daraus, der Angeklagte sei aus dem Lokal geworfen worden.

Überlebende haben immer noch gesundheitliche Probleme

Den überlebenden Frauen stand Nebenklagevertreter Michael Fraunhofer aus Trostberg zur Seite. Die 50-jährige Wirtin meinte auf Frage des Vorsitzenden Richters, wie es ihr gehe: „Schlecht.“ Sie habe bleibende gesundheitliche Probleme, leide nachts unter Angstzuständen und befinde sich in psychologischer Behandlung. Der 63-Jährige sei abends in ihr Lokal gekommen. Sie habe bald zusperren wollen. Deshalb habe sie ihm erlaubt, mitgebrachtes Zwetschgenwasser zu verteilen. Man habe nicht viel geredet. Der Angriff des 63-Jährigen nach der Rückkehr mit der Waffe sei „so schnell gegangen“.

Die Zeugin bestätigte, der Mann auf der Anklagebank sei der Täter gewesen. An ihre Worte hinterher gegenüber Notarzt und Sanitäter, die Stimmung im Lokal sei „gekippt“, könne sie sich nicht erinnern. „Es hat keinen Streit gegeben“, so die 50-Jährige nachdrücklich. Lediglich einen Schuss hatte die 28 Jahre alte Zeugin gehört, wusste dann „nur noch Bruchstücke“. Aufgewacht sei sie erst wieder im Krankenhaus. Zwei Operationen seien gut verlaufen. Wenn „etwas Lautes“ geschehe, empfinde sie noch immer Angstgefühle, erklärte die junge Frau gestern.

Die Biologin Dr. Dagmar von Máriássy vom Institut für Rechtsmedizin an der Universität München informierte über eine Reihe von DNA-Spuren, sichergestellt an Kleidung des 63-Jährigen, an seiner Badewanne und an einer Patrone seines Gewehrs. An der Repetierbüchse sei an mehreren Stellen Genmaterial aller Opfer gefunden worden.


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