01.04.2018, 12:35 Uhr

Pilotprojekt startet Berchtesgadener Rotes Kreuz nutzt ab sofort Kuhglocken statt dem Martinshorn

(Foto: BRK BGL)(Foto: BRK BGL)

Auswärtige und Zuagroaste reagieren erfahrungsgemäß besonders sensibel auf das Gebimmel und machen rascher Platz.

BERCHTESGADEN. Im Rahmen eines vorerst einmaligen, bayernweiten Pilotprojekts testet das Bayerische Rote Kreuz (BRK) ab heute an der Rettungswache Berchtesgaden sechs Monate lang den Einsatz von traditionellen Kuhglocken als Ersatz fürs herkömmliche Martinshorn.

Die eigentlich von heimischen Almbauern seit Jahrhunderten verwendeten Glocken werden dabei an der Front der Einsatzfahrzeuge montiert und durch die vielen Schlaglöcher im Boden zum Bimmeln gebracht. „Gerade zur Haupturlaubszeit kommen wir aufgrund des hohen Verkehrsaufkommens oft nur schwer durch die verstopften Straßen, da die Urlauber auf den Hornton erst sehr spät oder auch gar nicht reagieren; Erfahrungen haben gezeigt, dass vor allem auswärtige Touristen und so genannte Zuagroaste – also Ortsansässige, die hier nicht aufgewachsen sind und deshalb öfters nicht den Bezug zu den bayerischen Besonderheiten haben –  auf den Glockenton besonders sensibel reagieren“, erklärt der Glocken-Beauftragte des BRK, Notfallsanitäter Chris Steube.

Alle Rettungswägen an der südöstlichsten Rettungswache Deutschlands werden deshalb ab dem 1. April vorerst für einen Zeitraum von sechs Monaten mit Kuhglocken ausgestattet. Die zündende Idee entstand aus dem so genannten Kuhglocken-Streit im Reichenhaller Ortsteil Marzoll: Ein ortsansässiger Nachbar war vergangenes Jahr nach erfolglosen Beschwerden gegen einen einheimischen Bauern vor Gericht gezogen, da er sich durch den Lärm der Kuhglocken gestört fühlte, bereits in den frühen Morgenstunden aus dem Schlaf gerissen wurde und schließlich mit gesundheitlichen Problemen kämpfte.

Weitere interne Tests der Entwicklungsabteilung des BRK zeigten dann, dass vor allem auswärtige Touristen und Zugroaste tatsächlich hochsensibel auf das Geräusch reagieren – eine wichtige Zielgruppe, die bisher für den Ton des Martinshorns oft taub war. „Beim gebürtigen Bayer ist dagegen die Reizschwelle entsprechend höher, da er sich bereits frühkindlich an das für ihn natürliche Geräusch gewöhnt – die Glocke beruhigt ihn meditativ und er weiß, dass er zu Hause in seiner angestammten Umgebung ist“, erklärt BRK-Chefarzt Dr. Franz Leipfinger. 

In den Sommermonaten kann es  auch nachts zu einem geringen Lärmanstieg kommen, wenn die Sanitäter mit ihren Fahrzeugen unterwegs sind, da die Glocken nicht abmontiert werden und nicht per Schalter deaktiviert werden können. Vor allem auf besonders holprigen Straßen, wie beispielsweise aktuell die Bischofswiesener Ortsdurchfahrt mit ihrer Baustelle, rechnet das BRK mit einem hohen Lärmpegel. „Sollten einheimische Verkehrsteilnehmer nicht zur Seite fahren, weil sie durch das Glocken-Gebimmel plötzlich in einen meditativen Zustand verfallen, können die Sanitäter jederzeit auf das weiterhin verbaute Martinshorn als Backup zurückgreifen“, beruhigt Steube.


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