01.02.2018, 09:46 Uhr

So viele wie nie zuvor Berchtesgadener Wasserwacht 2017 bei 99 Einsätzen gefordert

(Foto: Markus Leitner)(Foto: Markus Leitner)

Die BRK-Wasserwacht-Ortsgruppe Berchtesgaden war 2017 bei insgesamt 99 Einsätzen gefordert – so viele wie nie zuvor in ihrer Geschichte; der Großteil davon sind Rettungsboot-Einsätze am Königssee.

BERCHTESGADEN Grund dafür ist mitunter, dass seit Jahren immer mehr Urlauber den Tourismus-Hotspot besuchen – in Kombination mit schönem Wetter sind die ehrenamtlichen Wasserretter dann oft auch mal mehrmals pro Tag gefordert und mittlerweile organisiert wie ein kleines mittelständisches Unternehmen. Da sich die fünf Gemeinden des inneren Landkreises am 7. Dezember nach monatelangem Bangen einstimmig zum Weiterbetrieb ihrer Watzmann-Therme bekannt haben, ist  auch die Trainingsstätte und damit langfristig die Zukunft der mitgliederstärksten Wasserwacht im Landkreis gesichert, die sich über Nachwuchs eigentlich keine Sorgen machen muss, da das landschaftlich atemberaubende Einsatzgebiet rund um den Königssee und die Ache vor allem die Jugend anzieht.

Bei der Jahreshauptversammlung blickten Vorsitzende Elke Schneider, der Technische Leiter Franz Kurz und Jugendleiterin Maria Planegger mit beeindruckenden Einsatz- und Übungsbildern auf ein extrem arbeits-, aber auch abwechslungsreiches Jahr zurück und zeichneten verdiente Mitglieder aus. Seit Ende des Jahres steht fest: Mit der Watzmann-Therme geht es auch nach 20 Jahren weiter und damit auch mit der Wasserwacht, die monatelang um ihre Zukunft bangte. „Wir freuen uns riesig und können nun gemeinsam dem bayernweiten Trend entgegenwirken, dass der Schwimmunterricht in der Krise ist. Unsere Schwimmkurse sind bis 2020 ausgebucht, und jeden Donnerstag kocht das Wasser in der Therme“, freut sich Schneider. 1.046 Mitglieder gehören aktuell zur Berchtesgadener Wasserwacht, 39 von ihnen sind aktiv im Wasserrettungsdienst tätig, die anderen fördern die Arbeit finanziell.

Eine tote abgestürzte Wanderin, fünf Eiseinbrüche und ein Rafting-Unfall mit acht treibenden Jugendlichen

2017 war von Extremen und Kontrasten geprägt: Eine tote abgestürzte, im Königssee treibende Wanderin bei erneuten, späten Wintereinbruch am 21. April, insgesamt fünf Eiseinbrüche an nur einem Wochenende Ende Januar und Anfang Februar am Königssee und Hintersee und ein Raftunfall am 27. Juli mit acht treibenden jugendlichen Mädchen in der hochwasserführenden Ache bei Marktschellenberg mit dem höchsten Wasserstand seit zwei Jahren – in beiden Fällen kamen die Betroffenen mit sehr viel Glück glimpflich davon – die Nerven der ehrenamtlichen Wasserretter wurden aber mehr als nur einmal grenzwertig strapaziert. Unwissende Touristen, die die Eigenheiten des Sees nicht kennen können und besserwisserische Einheimische, die trotz aller Warnungen und Bitten der Retter das Eis nicht verlassen wollten und die Einsatzkräfte schwach anredeten, und ein Outdoor-Veranstalter, der den betroffenen Minderjährigen die Schuld am Unfall zusprach. „Jeder, der in diesen Tagen auf dem Eis war, hat sich und andere in Gefahr gebracht. Wir kamen uns vor wie in einem schlechten amerikanischen Krimi und verstanden die Welt nicht mehr“, erinnert sich Schneider. Auch Polizeichef Willi Handke machte dieselbe Erfahrung, als er persönlich Leute ansprach, die auf dem brüchigen Eis unterwegs waren und sogar per Lautsprecher-Durchsagen vom Hubschrauber aus aufgefordert werden mussten.

Zudem wurde unter anderem die Wasserwacht in einem Leserbrief von einer ruhesuchenden Touristin wegen ihrer Motorbootfahrten bei Einsätzen und Schulungsfahrten am Königssee kritisiert. „Wir sind aber kein Motorboot-Taxi und auch jede Fahrt, bei der es nicht um Leben und Tod geht, ist zugleich eine Übungsfahrt für unsere 20 dafür ausgebildeten Einsatzkräfte, die das Boot auch bei Dunkelheit und hohem Wellengang sicher führen und anlegen müssen. Wenn E-Bikes an Bord sind, dann nicht wie manchmal vermutet für abenteuerlustige Downhill-Fahrer, sondern für die Bergwacht, die damit rascher zum Notfallort im alpinen Gelände gelangt“, betont der Technische Leiter, Franz Kurz. Schneider „Wir haben zum Glück gute Hilfsmittel, die solche Frusterlebnisse völlig kompensieren: Fröhliche Kinder in der Schwimmausbildung und dankbare Patienten!“

Fast die Hunderter-Marke geknackt

Insgesamt 99 mal rückten die ehrenamtlichen Wasserretter des Berchtesgadener Roten Kreuzes 2017 aus, darunter zehn alarmierte Lebensrettungen, eine Totenbergung, zwei Canyon-Einsätze in Schluchten und Klammen, 83 Bootseinsätze, darunter 28 mit der Bergwacht, 16 mit dem Landrettungsdienst und einer mit der Feuerwehr (Brandmeldealarm in Sankt Bartholomä), 41 medizinische Notfälle, 18 Rettungen aus einer Gefahrenlage, drei Taucheinsätze, drei Sucheinsätze und zehn Einsätze, die vorzeitig abgebrochen werden konnten. Hinzu kommen mehrere Erstversorgungen, weil die Wasserwacht gerade in der Nähe war oder der reguläre Landrettungsdienst bereits mit allen Fahrzeugen unterwegs war. Aufgrund der vielen internationalen Patienten ist am Boot mittlerweile ein Giro- und Kreditkarten-Lesegerät installiert, um nachträgliche Probleme bei der Abrechnung von Einsätzen zu vermeiden.

Ein mittelständisches Unternehmen mit familiärem Flair

Allein bei den Einsätzen leisteten sie 720 Stunden, darüber hinaus über 2.000 Stunden bei Aus- und Fortbildungen. Bei der Katastrophenschutzübung im Oktober am Königssee mit 30 Verletzten nach einem Felssturz aus der Watzmann-Ostwand in den Eisbach übte die BRK-Wasserwacht ihr bestehendes Konzept einer eigenen Bootseinsatzleitung, das sich aufgrund der vielen eingesetzten Wasserfahrzeuge voll bewährte. Die Aktiven haben teilweise gleich mehrere Spezialausbildungen, sind Sanitäter, Ärzte, Wasserretter, Bootsführer, Taucher, Canyon-Retter, Krisenberater oder Einsatzleiter – aktuell werden seit September vier neue Wasserretter ausgebildet. „Das alles funktioniert nur, weil die Zusammenarbeit zwischen Alt und Jung so harmonisch verläuft. Ständige Motivation ist die Kameradschaftspflege“, betont Kurz. Die Vorstandschaft führt die Ortsgruppe dabei mit viel Arbeitsaufwand wie ein mittelständisches Unternehmen mit familiärem Klima. Allein die beiden Vorsitzenden Elke Schneider und Gerhard Däuber und die drei Technischen Leiter Franz Kurz, Martin Planegger und Erhard Laube haben 2017 rund 1.600 Stunden geleistet.

Starke Jugendarbeit: Durchschnittlich 80 Kinder im Schwimmtraining

Ohne den gesicherten Fortbestand der Watzmann-Therme ginge nichts mehr, und die Ortsgruppe würde aussterben: Grundlage für die Präventionsarbeit der Wasserwacht gegen den Ertrinkungstod ist das wöchentliche Schwimmtraining am Donnerstag mit durchschnittlich 80 Kindern, dreimal jährlich ein Schwimmkurs, der bis 2020 ausgebucht ist, die regelmäßige Abnahme diverser Schwimmabzeichen (2017 52 Seepferdchen, 37 Deutsche Jugendschwimmabzeichen in Bronze, zehn in Silber und fünf in Gold, zehn Schnorchelabzeichen, 15 Rettungsschwimmabzeichen in Silber und vier in Gold) und die Unterstützung der Schulen im Schwimmunterricht, beispielsweise mit der Organisation des Schulschwimmwettbewerbs. Jugendleiterin Maria Planegger äußerte sich bei ihrem Jahresrückblick stolz über den Wasserwacht-Nachwuchs, denn obwohl sie selbst durch die Baby-Pause zu Hause und ihre Stellvertreterinnen Katharina Hinterbrandner und Katharina Listl oft beruflich verhindert waren, organisierten sich die Gruppen mit ihren Leitern und Trainern weitgehend selbst weiter, so dass alle Veranstaltungen und Ausbildungen wie gewohnt stattfanden.

„Wir versuchen, den Jugendlichen möglichst viel zu bieten, damit sie der Wasserwacht auch als Erwachsene treu bleiben“, erklärt Planegger. Highlights waren eine Überraschungsübung bei einem inszenierten Verkehrsunfall mit der Feuerwehr, Fließwasser-Ausbildungen, Canyon-Übungen im Lattengebirge, eine Schnitzeljagd, ein großes Zeltlager mit den Reichenhallern zusammen am Waginger See, eine von den frisch ausgebildeten Wasserrettern selbst ausgearbeitete Stationsausbildung im Schornbad und diverse Feiern. Auch die örtliche Bevölkerung steht voll und ganz hinter ihrer Wasserwacht, wie Edeka Hölzlwimmer, der bei zahlreichen Übungen der Jugend die Brotzeit komplett sponserte.  Aktuell werden acht Mädchen zwischen 13 und 15 Jahren zum Rettungsschwimmer im Wasserrettungsdienst ausgebildet, die Vorstufe zum eigentlichen Wasserretter. Sie werden dabei in Knotenkunde, Erster Hilfe, Sanitätsausbildung mit Wiederbelebung und Frühfefi, Ertrinkungsunfall, Einsatztaktik, Digitalfunk, Grundlagen der Wasserwacht, Basisnotfallnachsorge und psychosozialer Notfallversorgung geschult und legen das Rettungsschwimmabzeichen in Silber ab.

Lob und Anerkennung

Berchtesgadens Bürgermeister-Stellvertreter Bartl Mittner, Berchtesgadens Polizeichef Willi Handke, Schellenbergs Feuerwehrkommandant Christian Wagner, Michael Brandner von der Königssee-Schifffahrt und Kreis-Wasserwacht-Chef Rudolf Schierghofer lobten die Wasserwacht in ihren Grußworten stellvertretend für ihre bei der Jahreshauptversammlung ebenfalls anwesenden Kollegen aus den Nachbar-Gemeinden für ihren ehrenamtlichen Einsatz und die gute Zusammenarbeit. „Dass es mit der Therme weitergeht war nur möglich, da alle fünf Gemeinden an einem Strang gezogen haben“, freut sich Mittner.


0 Kommentare