06.03.2019, 14:14 Uhr

Stromhalsbänder für Hunde Selbsttest im Veterinäramt löst Schock und Schmerz aus

Dieses Elektrohalsband wurde erst am 23. Januar 2019 eingezogen - und von Dr. Beck am eigenen Finger gestestet. (Foto: Veterinäramt Altötting)Dieses Elektrohalsband wurde erst am 23. Januar 2019 eingezogen - und von Dr. Beck am eigenen Finger gestestet. (Foto: Veterinäramt Altötting)

Das deutsche Tierschutzgesetz verbietet die Erziehung von Hunden mit Strom. Vielen Hundebesitzern ist das wurscht

LANDKREIS. Dem Veterinäramt Altötting werden immer wieder Hundehalter gemeldet, die ein elektronisches Erziehungshalsband oder einen „Unsichtbaren Zaun“ verwenden. Diese Geräte sind seit 2006 nach dem Tierschutzgesetz ausnahmslos verboten, dürfen in Deutschland aber frei verkauft werden. Ein „elektronisches Erziehungshalsband“ besteht aus einem Handsender, der wie ein altes Handy aussieht, und einem Empfängerhalsband mit zwei Elektroden in einem Kästchen. Über den Sender können verschieden starke Elektroimpulse am Hals des Hundes ausgelöst werden. Laut Messungen des Veterinäramtes geht das bis zu Starkstromstärke. Gesunde Hunde verspüren erhebliche Schmerzen. Kranke, alte oder sehr junge Hunde können körperliche Schäden erleiden. Nasses Fell oder nasser Boden verstärkt den Stromschlag. Wer ein solches Gerät einsetzt, begeht eine Ordnungswidrigkeit und wird mit Bußgeld bestraft. In schweren Fällen kann es sogar als Straftat geahndet werden.

Gleiches gilt für den „Unsichtbaren Zaun“. Hier trägt der Hund ein Empfängerhalsband und sobald er einem vergrabenen Draht zu nahe kommt, erhält er einen Stromschlag.

„Lasst die Herrchen das Stromhalsband spüren“

Diese Meldung des Veterinäramtes hat vor einigen Tagen auf den Facebook-Seiten des Wochenblatts für Empörung unter unseren Lesern gesorgt. Recht übereinstimmend waren sie in ihren Kommentaren der Meinung, dass man dem Hundebesitzer ein Stromhalsband umlegen sollte, „damit er spürt, wie scheiße weh das tut“. Übrigens gibt es diese Geräte auch als „Beckengürtel“, die über die Geschlechtsteile des Hundes gestreift werden.

Dem Veterinäramt Altötting werden Hundehalter, die Stromhalsbänder benutzen, nicht oft, aber immer wieder gemeldet. Dr. Michael Beck, Leiter des Veterinäramtes, erinnert sich an ein besonders unbelehrbares Herrchen: „Es handelte sich um einen Wiederholungstäter, der 2017 ein Bußgeld von 400 Euro zahlen sollte. Über die Ungerechtigkeit der Beschlagnahme des Halsbandes durch die Polizei hat er sich in einem ausführlichen Leserbrief ausgelassen. Gegen das Bußgeld zog er vor Gericht. In der Verhandlung 2018 zog er aber seinen Einspruch zurück und zahlte.“

Beim Selbsttest jagen 1.000 Volt durch den Finger

Das Veterinäramt hat ein von der Polizei am 23. Januar 2019 eingezogenes Elektrohalsband in Verwahrung. Dr. Beck hat die Wirkung getestet. „Die Stromstärke geht von 1 bis 19“, berichtet er. „Ich habe es an meinen Finger geklemmt, eine Kollegin hat auf Stufe 19 gestellt und ausgelöst.“

Was dann passierte, hat bei dem Veterinär bleibenden Eindruck hinterlassen: „Ich bin vor Schock und durchdringendem Schmerz regelrecht gesprungen. Eine solche Bewegung hatte ich noch nie gemacht.“ Die nachträgliche Messung der Stromstärke ergab einen Wert von 1.000 Volt. Auf den Test der Booster-Taste, die den Schlag noch verstärkt, hat Dr. Beck lieber verzichtet.

Da man diese Geräte frei kaufen kann – in Österreich ist der Verkauf verboten – glauben viele Hundehalter, dass ihr Einsatz in Ordnung ist. „Für viele ist ein solches Halsband der letzte Ausweg, wenn sie ihrem Hund nicht mehr Herr werden“, so Dr. Beck. Er rät stattdessen zum Besuch einer guten Hundeschule.

Die Folge der Erziehung mit Stromschlägen sind psychische Störungen und Verhaltensschäden beim Hund. Die Stromschläge aus heiterem Himmeln sorgen beim Hund für chronischen Stress. Dr. Beck nennt das Beispiel einer Fehlprägung: „Ein Hund wurde einmal mit Strom verwarnt, als ein Kind in der Nähe war. Danach brachte er jedes Kind mit dem Schmerz in Verbindung und fing an, alle Kinder anzuknurren und anzubellen.“

Wer einen Hund mit einem solch auffälligen Kästchen am Halsband begegnet, sollte den Halter darauf ansprechen. Aber nicht gleich als Tierquäler beschimpfen, denn: „Jagd- und Suchhunde haben oft einen harmlosen GPS-Sender am Hals, damit ihre Spur verfolgt werden kann.“

Wer ein Stromhalsband oder einen unsichtbaren Zaun melden will, kann das beim Veterinäramt Altötting unter Tel. (08671) 502803 tun.


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