16.05.2019, 15:41 Uhr

OB Pannermayr und Landrat Laumer im Interview „Wir vernichten unsere Lebensgrundlagen, wenn wir so weitermachen“

(Foto: ZAW/ M. Bernhard   )(Foto: ZAW/ M. Bernhard )

Lohnt sich also der ganze Aufwand, PS, PP, PE und PET zu trennen und Verpackungen in den Wertstoffhof zu bringen? Wir sprachen mit den Verbandsvorsitzenden des Zweckverbands Abfallwirtschaft Straubing Stadt und Land (ZAW-SR), Landrat Josef Laumer und Straubings Oberbürgermeister Markus Pannermayr. Sie machen klar: „Wertstoffe trennen ist sinnvoll. Nur Müllvermeiden ist besser.“

STRAUBING Landet die Plastikverpackung, in die der Käse eingeschweißt war, in Malaysia? Immer wieder werden Stimmen laut, dass Verpackungswertstoffe sowieso verbrannt oder nach Asien exportiert werden. Lohnt sich also der ganze Aufwand, PS, PP, PE und PET zu trennen und Verpackungen in den Wertstoffhof zu bringen? Wir sprachen mit den Verbandsvorsitzenden des Zweckverbands Abfallwirtschaft Straubing Stadt und Land (ZAW-SR) Landrat Josef Laumer und OB Markus Pannermayr. Sie machen klar: „Wertstoffe trennen ist sinnvoll. Nur Müllvermeiden ist besser.“

Hat die Verpackungsverordnung, die 1991 beschlossen wurde, ihre Ziele erreicht?

Die Ziele, Verpackungen zu vermeiden, zu reduzieren und besser verwertbar zu machen sowie die Mehrwegquote für Getränkeverpackungen zu steigern, wurden nicht erreicht. Im Gegenteil. Die Verpackungsmenge ist seither in Deutschland um 78 Prozent gestiegen, allein der Verbrauch der Kunststoffverpackungen pro Person hat sich fast verdoppelt. Gleichzeitig ist die Mehrwegquote um die Hälfte gesunken.

Warum ist Kunststoff nicht gleich Kunststoff?

Die Kunststoffverpackungen sind in den vergangenen Jahren komplexer geworden. Sie bestehen aus vielen Kunststoffsorten, um verschiedene Eigenschaften wie Formbarkeit zu gewährleisten. Mischkunststoffe sind jedoch minderwertig und lassen sich schlecht verwerten. Ein Großteil wird daher verbrannt, wobei Strom und Wärme erzeugt werden. Besser als diese energetische Nutzung wäre es aber, die Kunststoffe zu recyceln. Die stoffliche Verwertung funktioniert jedoch nur bei sauberen und sortenreinen Kunststoffverpackungen gut. Nur sie haben einen Marktwert.

Wie groß ist der Anteil an Kunststoffverpackungen an der gesamten Müllmenge?

Kunststoffverpackungen werden bei uns als Leichtverpackungen erfasst. Dazu gehören auch Aluminium, Weißblech und TetraPaks. Im Verbandsgebiet fielen 2017 pro Einwohner genau 9,1 Kilogramm an. Im Vergleich zum Vorjahr war ein leichter Rückgang zu verzeichnen.

Was passiert mit den Verkaufsverpackungen, die Bürger in den Wertstoffhöfen abgeben?

Die gesammelten Verkaufsverpackungen wie Sahnebecher und Konservendosen, usw. werden von den Dualen Systemen bei uns abgeholt. Allerdings gibt es mittlerweile zehn duale Systeme, die miteinander in Konkurrenz stehen. Leider erhalten wir von keinem Anbieter detaillierte Auskünfte über die genauen Verwertungsanlagen.

Der Zweckverband Abfallwirtschaft kann nicht selber sicherstellen, dass alle Verpackungen innerhalb Deutschlands oder Europas verwertet werden. Allerdings wird uns versichert, dass unsere Wertstoffe von hoher Qualität sind, die zum größten Teil in Deutschland verwertet werden.

Ist es für die Bürger dann überhaupt noch sinnvoll, die Verkaufsverpackungen in den Wertstoffhof zu bringen?

Es macht weiterhin Sinn, dass die Bürger Glas, Papier, Weißblech, Aluminium, TetraPaks sowie die Kunststoffe PS, PP, PET, PE und Mischkunststoffe getrennt sammeln und in den Wertstoffhof bringen. Denn nur die saubere und sortenreine Erfassung von Wertstoffen - insbesondere von Kunststoffen - ermöglicht gutes Recycling. Auch die dualen Systeme favorisieren eine sorgfältige Wertstofftrennung. Die Vertragspartner haben uns auf Nachfrage bestätigt, dass sie saubere und sortenreine Wertstoffe brauchen um die gesetzlichen Vorgaben zu erfüllen.

Es heißt, der Verbraucher zahlt doppelt, wenn er Verkaufsverpackungen in den Restmüll wirft. Warum?

Der Verbraucher zahlt zum einen über für die Verwertung der Verpackung beim Kauf des Produkts über den grünen Punkt. Zum anderen zahlt er über die Müllgebühren. Je mehr Restmüll im Müllkraftwerk Schwandorf verbrannt wird, desto höher die Müllgebühren. Wer Abfälle getrennt sammelt hilft also Entsorgungskosten zu sparen. Der Bürger kann für die Gebühr über den Grünen Punkt zudem erwarten, dass die Verpackungsabfälle ordentlich recycelt werden und nicht in Asien oder in den Weltmeeren landen.

Was halten Sie von dem geplanten Exportverbot von unsortiertem Plastikmüll in Entwicklungsländer mit geringen Recyclingstandards?

Wir sind unbedingt für das Exportverbot. Schmutzige, schlecht zu recycelnde Kunststoffgemische in Länder wie Malaysia, Indonesien, Vietnam, Thailand und Indien zu exportieren, ist eine ökologische Todsünde. China hat 2018 bereits Importe von Kunststoffabfällen stark eingeschränkt. Als reiche Industrienation sollten wir selbst unsere Kunststoff-Verpackungen umweltfreundlich entsorgen und in erster Linie recyceln.

Die Recyclingquote für Verpackungskunststoffe soll in Deutschland bis zum 1.1.2022 auf 63 Prozent steigen. Was sagen Sie dazu?

Das ist ein guter Ansatz im neuen Verpackungsgesetz. Allerdings müssen das Einhalten der Ziele im Verpackungsgesetz sowie auch die übrigen abfallrechtlichen Vorgaben strenger kontrolliert werden. Es kann nicht sein, dass alles was in eine Sortieranlage hineingefahren wird als recycelt gilt, auch wenn davon 50 % oder mehr als Störstoffe in der Müllverbrennung landen. Ebenso geht es nicht an, dass exportierte Abfälle automatisch als verwertet gelten, was tatsächlich mit ihnen passiert, wird nicht mehr hinterfragt.

Auch aus diesen Gründen setzen wir weiterhin darauf, dass bei uns die Wertstoffe am Wertstoffhof bereits sortiert und relativ sauber erfasst werden.

Wie schaut optimales Recycling von Verpackungskunststoffen aus?

Der saubere und sortenreine alte Kunststoff wird eingeschmolzen und in Form von kleinen Pellets weiterverarbeitet. Daraus können neue Produkte wie z.B. Folien, Pflanztöpfchen oder auch hochwertige Verpackungen im Non-Food-Bereich entstehen. Für hochwertige Lebensmittelverpackungen ist recycelter Verpackungskunststoff weniger geeignet oder darf auch aus hygienischen Gründen nicht verwandt werden. PET-Flaschen lassen sich gut wiederverwerten. Aus ihnen werden häufig Fleece-Kleidungsstücke produziert. Allerdings kann beim Waschen dieser Kleidung Mikroplastik ins Abwasser gelangen. Für ein vernünftiges Recycling sind aber saubere und sortenreine Kunststoffe die wichtigste Voraussetzung.

Der Annahmestopp im April im Müllkraftwerk Schwandorf macht nachdenklich. Droht uns ein Müllnotstand?

Die Müllverbrennung hat in Bayern ein Kapazitätsproblem. Das liegt an der wachsenden Bevölkerung und der guten Konjunkturlage. Die Anlagen sind zu über 100 Prozent ausgelastet. Eine kleine Störung wegen Revisionsarbeiten oder ein kleiner Rohrschaden wie kürzlich im Müllkraftwerk in Schwandorf hat dann große Auswirkungen und der Gewerbemüll staut sich sofort. Bei geplanten Arbeiten helfen sich die Müllverbrennungsanlagen gegenseitig aus. Bei einem überraschenden Schaden wie einem Bunkerbrand, dessen Reparatur zu einem längeren Ausfall führt, wird es problematisch.

Müllvermeidung heißt das Gebot der Stunde. Welche Tipps haben Sie?

Getränke sollten in Mehrwegflaschen gekauft werden. Regional einkaufen, Bier von hiesigen Brauereien, Mineralwasser aus der Umgebung, Gemüse von den heimischen Bauern, Fleisch vom Metzger um die Ecke. Weniger Transporte und weniger Verpackungen sind der Vorteil. Zum Einkaufen sollte man sich eine Tasche mitnehmen. Auch saisonal einkaufen spart Ressourcen. Auf Fastfood-Verpackungen und To-Go-Einwegbecher sollte zugunsten von Mehrweg verzichtet werden. Wir vernichten unsere Lebensgrundlagen, wenn wir so weitermachen.


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