22.11.2017, 21:58 Uhr

Nachhaltigkeit Landkreis Amberg-Sulzbach macht sich stark für gleichwertige Lebensverhältnisse in ganz Bayern

(Foto: Harald Herrle)(Foto: Harald Herrle)

Seit Mai 2016 ist der Landkreis Amberg-Sulzbach auf dem Weg, sich mit einem kommunalen Nachhaltigkeitsprogramm zukunftsfest zu machen.

LANDKREIS AMBERG-SULZBACH Bei einer Fachtagung im Landratsamt stellten die Vertreter von Kreispolitik, Zivilgesellschaft und Gemeinden nun die Frage: Stimmt die Richtung? Prof. Dr. Manfred Miosga, Mitglied der Enquete-Kommission „Gleichwertige Lebensverhältnisse in ganz Bayern“, gab dazu als Gastreferent eine klare Antwort: Ja, der Weg stimmt! Aber transformatives kommunales Handeln braucht Mut zum Wandel.

Systematische Erschöpfung

„Ich werde Sie mit meinen Thesen provozieren, vielleicht auch verstören. Aber das ist ein Teil der Problemlösung“, stellte der Referent anfangs klar. Seit 2008 widmet er sich am Lehrstuhl für Stadt- und Regionalentwicklung der Universität Bayreuth der Frage, wie die Kernaufgabe einer strategischen, auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Regionalentwicklung anzugehen sei. Er zeichnete dabei anfangs ein düsteres Bild, ob das Ziel, die CO2-Emissionen so zu begrenzen, dass die Schallgrenze von zwei Grad Celsius bei der Erderwärmung nicht durchbrochen werde. Die Klimakrise sei Teil einer „systemischen Erschöpfungskrise“. Und diese wiederum stelle das Wachstumsmodell generell in Frage, sagte Miosga. Das Zeitfenster, um umzusteuern, beschränkt sich laut ihm auf nur wenige Jahre.

Zur planetaren Erschöpfungskrise gehörten aber auch andere Faktoren wie die Zivilisationskrankheit Burnout, die Finanz- und Währungskrise oder die soziale Polarisierung. Da müsse man unangenehme Wahrheiten zur Kenntnis nehmen, beispielsweise die viel zu langsame Energiewende oder die Tatsache, dass auch die Digitalisierung ein Energiefresser sein könne. Zudem wurden laut Miosga bei Flächenverbrauch und Bodenbeanspruchung in der Landwirtschaft bereits kritische Marken gerissen. „Es ist deshalb einleuchtend, dass ein Wohlstandsmodell, das jeden Tag größeren Schaden anrichtet, in Frage gestellt und neu ausgerichtet werden muss: Dies bedeutet Transformation, nicht Reparatur“, sagte Miosga.

Unangenehme Wahrheiten

Wie das gelingen kann, zeigte er anhand der fünf E als möglichen Ansatz. Dazu gehörten „Entrümpeln“ im Sinne von Nutzen statt Besitzen, „Entschleunigen“ etwa mit reparaturfreundlicher Produktion, „Entkommerzialisieren“ zum Beispiel mit Konsumenten-Produzenten-Gemeinschaften, „Entflechten“ durch regionale Wertschöpfungsräume und „Erneuerbare Energien“. Warum aber falle es so schwer, vom „Weiter so“ abzulassen? Für Prof. Miosga ist das ein typisches Merkmal des strukturellen Wandels eines gesellschaftlichen Systems. „Alte Positionen weichen nicht freiwillig zurück; umso wichtiger ist es, den Übergang gesellschaftlich zu moderieren“, so Miosga.

Er zeigte sich überzeugt, dass die Kommunen, vorangehen müssten, und zwar mit regionalen Transferstrategien und der Stärkung von Pionieren des Wandels in der Zivilgesellschaft. Kommunales Nachhaltigkeitshandeln könne zum Beispiel Innovationsfonds schaffen und die Wirtschaftsförderung zu einer Transformationsagentur machen. Die Bildung habe die Aufgabe, Transformationswissen in die Gesellschaft zu transportieren und die Wissenschaft müsse helfen, gesellschaftliche „Reallabore“ herzustellen.

Pioniere des Wandels

Weitere Handlungsfelder seien das Bauen und Wohnen, die Siedlungsentwicklung und Versorgung, Arbeit und Mobilität und natürlich Energie und Wirtschaft. Dies alles müsse auch mit einer guten Kommunikationskampagne verbunden sein, denn die Pioniere des Wandels seien noch nicht der repräsentative Querschnitt der Bevölkerung. „Aber die Große Transformation, also die Notwendigkeit der Gestaltung einer klimaschonenden und nachhaltigen Entwicklung, wird kommen – wenn wir es nicht per design schaffen, dann eben per desaster“, so seine Schlussfolgerung.

Die anschließende lebhafte Diskussion machte deutlich, dass im gesamten Landkreis und in den Gemeinden Handlungsbedarf besteht. Es gab breite Übereinstimmung, dass man nicht nur regionale Märkte und intelligente Mobilitätskonzepte im ländlichen Bereich brauche, sondern auch ein regionales „Wir-Gefühl“. In seinem Schlusswort betonte Landrat Richard Reisinger: Nachhaltiges kommunales Handeln ist Chefsache, der Kreistag schaffe mit dem aktuellen Leitbildprozess, der Einrichtung eines Rates für nachhaltige Entwicklung und einer Koordinationsstelle robuste Handlungsstrukturen.

Er wurde von den zahlreichen anwesenden Kreisräten und Bürgermeistern in seinem Ansinnen unterstützt, die kommunalen Nachhaltigkeitsprogramme in den Gemeinden zu verankern. Die nächste Bürgermeisterversammlung sei dazu eine gute Plattform. Danielle Rodarius von der Regionalen Netzstelle Nachhaltigkeitsstrategien, einer von der Bundesregierung geförderten Initiative, bot dafür konkrete Unterstützung an. Eine Förderung nachhaltiger Prozesse in den Kommunen könne sowohl inhaltlich wie finanziell gefördert werden. Sie lobte explizit den Amberg-Sulzbacher Weg: „Das ist ein sehr gutes Beispiel für die lokale Umsetzung der 17 UNESCO-Nachhaltigkeitsziele der Agenda 2030“.


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