11.10.2020, 11:38 Uhr

Politik Kundgebung unter dem Motto „Wir haben Platz: Geflüchtete aufnehmen! Jetzt!“ in Regensburg

 Foto: Adrian Kohl Foto: Adrian Kohl

Am Donnerstag, 8. Oktober, rief die Seebrücke Regensburg bereits zum vierten Mal zur Kundgebung „Wir haben Platz: Geflüchtete aufnehmen! Jetzt!“ auf.

Regensburg. Einen Monat nachdem das Massenlager Moria abgebrannt ist, versammelten sich erneut fast 250 Menschen vor dem Alten Rathaus, um deutlich zu machen, dass wir die Geflüchteten auf den griechischen Inseln nicht weiter ihrem schrecklichen Schicksal überlassen dürfen.

Die Kundgebung fand zufällig am ersten Regentag von Lesbos statt, der das neu errichtete Massenlager „Kara Tepe“ verwüstete. Bilder aus dem Lager zeigen deutlich, dass die Zelte keinerlei Schutz gegen das Wasser bieten: Zeltböden, und somit auch das komplette Hab und Gut der Geflüchteten, stehen schon jetzt unter Wasser. Geflüchtete schaufeln Gräben, damit das Wasser, das sich in großen Seen sammelt, ablaufen kann. Der Regen verschärft die Situation auf Lesbos immens. Und das schon nach dem ersten Regentag, auf den über den Winter noch viele folgen werden.

„Besonders gefährdet“, so Elena Dublaski von der Seebrücke, „sind alle Menschen, die in diesen Lagern auf den griechischen Inseln überleben müssen. Und das nicht erst seitdem dort Corona ausgebrochen ist. Es gibt zu wenig Trinkwasser, zu wenige Toiletten, keine Duschen und die Lebensmittelversorgung ist ebenfalls mangelhaft. Und jetzt kam auch noch der Regen dazu: nasse Schlafsäcke und nasse Klamotten schützen nicht vor Kälte. Es ist eine Katastrophe! Und Europa schaut zu!“

Mittlerweile wurden in dem Lager über 200 Menschen positiv auf Covid-19 getestet. Die Quarantäne-Station für die Kranken besteht ebenfalls aus einfachen Zelten, umrandet mit Stacheldraht und Absperrband. Die medizinische Ausrüstung ist ungenügend. Vorbeugende Maßnahmen wie Abstand halten oder regelmäßiges Händewaschen, sind in einem solchen Lager unmöglich.

„Die Lage ist indiskutabel. Das abschätzende, lebensgefährdende Verhalten gegenüber den Geflüchteten ist befremdlich und abscheulich. Dass jetzt auch noch eines der wenigen menschenwürdigen Lager, Camp Pikpa, das hauptsächlich von Ehrenamtlichen getragen wurde, von der griechischen Regierung geschlossen werden soll, zeigt: Es ist gewollt abscheulich. Die Lager sind Teil einer schrecklichen Abschottungs- und Abschreckungspolitik. Die Europäische Union lässt Schutzsuchende aus reinem Egoismus leiden!“, kommentiert Emma Schneller von der Seebrücke. „Wir müssen die Rechte aller Menschen und damit die Grundpfeiler unserer Gesellschaft schützen.“

Bereits über 190 deutsche Städte und Kommunen wollen bereitwillig zusätzliche Schutzsuchende aufnehmen, werden dabei aber noch immer vom Bundesinnenministerium blockiert. Währenddessen stellte die EU-Kommission vergangene Woche ihren Migrationspakt vor. Dieser besagt unter anderem, dass EU-Staaten, die sich weigern, Geflüchtete aufzunehmen, stattdessen sogenannte „Abschiebepatenschaften“ übernehmen können. Menschen sollen also von genau den Staaten abgeschoben werden, die ihnen Hilfe verweigern.

„Wir sind noch immer entsetzt darüber, dass die Antwort auf die Katastrophe von Moria nur noch mehr Menschenverachtung ist. Dieser Migrationspakt ist nicht nur zynisch und menschenverachtend, sondern außerdem ein Schlag ins Gesicht für alle Schutzsuchenden. Er dient einzig und allein dazu, die Mauern der Festung Europa noch weiter hochzuziehen“, so Adrian Kohl von der Seebrücke Regensburg. „Mit diesem Abkommen werden Menschen von der Europäischen Union gezielt entrechtet, und weitere Katastrophen sind nur eine Frage der Zeit. Wir werden dabei jedoch nicht zusehen. Wir werden weiterhin auf die Straße gehen, um zu retten, was zu retten ist.“

Auf der Kundgebung sprachen Elena Dublaski und Caro Renner von der Seebrücke, Gotthold Streitberger (Bürgerinitiative Asyl und Sprecherrat des Bayerischen Flüchtlingsrats), Michael Buschheuer (Gründer von „Sea-Eye“ und „Space-Eye“) und Ali Qasemi, der selbst aus Afghanistan fliehen musste und nun eine Ausbildung macht.


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