27.01.2020, 18:30 Uhr

Initiative der Gleichstellungsstellen Mit einer Ausbildung in Teilzeit neue Perspektiven gewinnen

(Foto: Astrid Gamez)(Foto: Astrid Gamez)

Chancengleichheit von Frauen und Männern, Vereinbarkeit von Familie, Kindererziehung, Pflege und Beruf beziehungsweise Berufsausbildung sowie Fachkräftesicherung – das sind Ziele der Initiative „Teil`Zeit“.

REGENSBURG Gegründet 2012 von den Gleichstellungsstellen von Stadt und Landkreis zusammen mit den Beauftragten für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt der Jobcenter und der Agentur für Arbeit, hat sich zum 1. Januar 2020 der Aufgabenbereich – durch die gesetzliche Ausweitung des Personenkreises, für den das Angebot Teilzeit-Ausbildung vorgesehen ist – nochmals erweitert. Auch personell inzwischen neu besetzt, unterstützen die Fachfrauen der Initiative Teil´Zeit Interessierte, informieren, beraten und stellen Kontakte her. „Ein anerkannter Berufsabschluss ist entscheidend für einen erfolgreichen Berufseinstieg“, erklärt Johann Beck, Vorsitzender der Agentur für Arbeit Regensburg. Eine Vielzahl von Gründen könne aber einer Vollzeit-Ausbildung entgegenstehen. „Die Teilzeitberufsausbildung ist ein flexibles Ausbildungsmodell, um Potentiale zu entwickeln und Perspektiven zu eröffnen. Dahinter überzeugen Menschen häufig mit Vielseitigkeit, Talent, Motivation und Engagement.“

Um eine Ausbildung an persönliche Lebensumstände anzupassen und damit die Chance auf den Abschluss einer Berufsausbildung zu erhöhen, regelt das Berufsbildungsgesetz (BBiG) die Ausbildung in Teilzeit bereits seit 2005. War sie bisher vor allem Frauen und Männern vorbehalten, die Verantwortung für Kinder oder pflegebedürftige Angehörige tragen, eröffnet sie nun mit der Novellierung der Gesetzeslage seit 1. Januar 2020 auch Geflüchteten, lernbeeinträchtigten Menschen sowie Menschen mit Behinderungen neue Chancen. Voraussetzung für eine Ausbildung in Teilzeit ist die Zustimmung des Ausbildungsbetriebs. Seit den Änderungen des Sozialgesetzbuchs (SGB II) zum 1. August 2016 können Auszubildende in bestimmten Situationen auch Arbeitslosengeld II erhalten, um Finanzierungslücken zu schließen und den Lebensunterhalt während der Ausbildung sicherzustellen.

Nicht nur Auszubildende freuen sich über diese flexible Möglichkeit der Ausbildung. Gleichzeitig sichern sich die Unternehmen die Potentiale einer hochmotivierten Zielgruppe, meist mit Lebenserfahrung und der sehr bewusst getroffenen Entscheidung für diesen Weg. Über engagierte Nachwuchskräfte in Teilzeit freut sich auch das nach dem Audit „Beruf und Familie“ zertifizierte Landratsamt Regensburg. Landrätin Tanja Schweiger, selbst Mutter von zwei Kindern, liegt die Vereinbarkeit von Familie und Beruf besonders am Herzen: „Wir haben mit unserer Teilzeit-Ausbildung sehr gute Erfahrungen gemacht, denn sie bringen eine hohe Motivation, Verantwortungsgefühl und Lebenserfahrung mit.“ Seit 2015 stellt das Landratsamt Auszubildende in Teilzeit für den Beruf der Verwaltungsfachangestellten ein. Darüber hinaus unterstützt Landrätin Tanja Schweiger Unternehmen und Betriebe seit 2015 mit der Initiative „Beruf + Familie. Geht gut bei uns!“ für frauen- und familienbewusste Personalpolitik. In einem Netzwerk tauschen sich die Betriebe regelmäßig über konkrete Maßnahmen aus.

„Die Beispiele im Landratsamt zeigen, wenn sich ein Betrieb bewusst für eine Teilzeitausbildung entscheidet und die Rahmenbedingungen dafür schafft, ist sie durchaus ein Erfolgsmodell“, sagt Christian Meier, Geschäftsführer im Jobcenter des Landkreises Regensburg. Angesicht des Fachkräftemangels und besonders beim Thema Nachwuchsgewinnung, könne die Teilzeitausbildung zur Attraktivität eines Arbeitgebers beitragen. Christian Meier: „Mit der Neuerung seit 1. Januar 2020 hat sich der Personenkreis für eine Ausbildung in Teilzeit erweitert. Ich würde mir wünschen, dass sich mehr Betriebe mit dieser Option auseinandersetzen und somit auch unseren Kundinnen und Kunden im Jobcenter Landkreis Regensburg eine Chance geben.“

Gut funktioniert hat beispielsweise der Berufseinstieg des 24-jährigen Eritreers Ali Y., der im Frühjahr 2017 nach Deutschland einreiste. Als alleinerziehender Vater, dessen Ehefrau verstorben ist, wurde er vom Jobcenter Landkreis Regensburg unterstützt. Nach erfolgreicher Teilnahme an einem Jugendintegrationskurs und der Maßnahme „Arbeiten und Lernen“ in der Jugendwerkstatt Regensburg ermöglicht ihm die Jugendwerkstatt im September 2019 eine Ausbildung in Teilzeit als Hauswirtschafter. Durch die reduzierte wöchentliche Arbeitszeit im Betrieb kann der junge Mann Berufsausbildung und Familie gut miteinander vereinbaren.

Auch VHS unterstützt beim beruflichen Wiedereinstieg

Die Stadt Regensburg setzt sich wie der Landkreis seit Jahren für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein. Bürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer weist in diesem Zusammenhang auch auf die engagierte Arbeit der Volkshochschule (VHS) hin: „Die VHS in Regensburg bietet regelmäßig Veranstaltungen zum Thema an und berät speziell Frauen zum beruflichen Wiedereinstieg, Bewerbung oder berufliche Entwicklungsmöglichkeiten. Eine weitere Herzensangelegenheit ist mir der Margarethe-Runtinger-Preis der Stadt. Seit 1991 werden damit Unternehmen ausgezeichnet, die sich in besonderem Maße für die Chancengerechtigkeit von Frauen und Männern und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie einsetzen.“

In der Stadtverwaltung werden Berufsausbildungen und Weiterbildungen in Teilzeit ebenfalls unterstützt. Allerdings schränken die gesetzlichen Grundlagen unter anderem für Beamtenanwärterinnen und Beamtenanwärter, aber auch für die Ausbildung von Angestellten die Umsetzung einer Teilzeitbeschäftigung derzeit noch stark ein. „Die gesetzlichen Vorgaben für die verschiedenen Ausbildungswege innerhalb von Verwaltungen müssten hier noch flexibler gestaltet werden, um der Novellierung des Berufsbildungsgesetz gerecht zu werden“, erklärt Gertrud Maltz-Schwarzfischer. „Besser sieht es hier bei der Weiterbildung in Teilzeit aus. Allein im letzten Jahr 2019 haben den Beschäftigtenlehrgang I bei der Stadt Regensburg sieben von insgesamt 28 Teilnehmerinnen und Teilnehmern in Teilzeit absolviert.“ Die Bürgermeisterin ist sich sicher, dass die Initiative „Teil`Zeit“ ein wesentlicher Baustein ist, um in der ganzen Region Regensburg qualifizierte und motivierte Fachkräfte zu halten und neu hinzuzugewinnen.

Birgitt Ehrl, Geschäftsführerin im Jobcenter Stadt Regensburg, freut sich, dass die Gesetzesnovellierung noch mehr Menschen die Möglichkeit einer Ausbildung in Teilzeit eröffnet. „Die Arbeitswelt befindet sich im Wandel. Für die Zukunft ist eine berufliche Qualifikation, insbesondere Ausbildung, von essentieller Bedeutung. Dies ist die beste Option für eine langfristige berufliche Zukunft.“

„Die Ausbildung in Teilzeit schafft für unterschiedlichste Menschen in verschiedenen Lebensphasen ein sicheres Fundament für ein selbstbestimmtes und finanziell abgesichertes Leben“, waren sich die Ansprechpartnerinnen der Initiative beim Fachgespräch im Landratsamt einig.


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