22.02.2019, 19:33 Uhr

Debatte um Ernst-Reuter-Platz Ist das ein Schandfleck – oder doch ein visionäres Bürgerhaus?


Geisterhaft steht der Betonklotz in der Landschaft, die Tauben haben längst ihr Revier eingerichtet. Dort, wo einst die Evangelische Kirche ein Studentenwohnheim betrieben hat, setzt der Verfall ein. Dabei steht das sogenannte „Wirsing-Hochhaus“, so bezeichnet nach dem Architekten Werner Wirsing (1919 – 2017) an einem prägenden Platz in Regensburg: Am Eingang zur Altstadt, zwischen Hauptbahnhof und Maximilianstraße, ragt der Beton-Riegel wie eine Mahnung empor. Die Stadt will es so bald wie möglich abreißen, doch dagegen regt sich Widerstand.

REGENSBURG Das „Bündnis Zukunft Kepler-Areal“ macht jetzt ernst. Wie der Verwaltungsrechtler Dr. Thomas Troidl dem Donaukurier bestätigt, will das Bündnis den Abriss des Hochhauses juristisch verhindern. Eine Klage wurde vergangene Woche vor dem Verwaltungsgericht Regensburg eingereicht sowie ein Antrag auf Einstweilige Verfügung, der die Bagger stoppen soll. Die Stadt Regensburg hatte nämlich bereits Rodungs-Maßnahmen angekündigt, um den Abriss vorzubereiten.

Wer etwas über die Architektur und die Geschichte des Areals erfahren will, der spricht am Besten mit dem Kunsthistoriker Professor Achim Hubel. Der hatte sich im Herbst 2018 gegen eine Stadthalle an dem Standort vehement eingesetzt. Die Regensburger stimmten auch mehrheitlich gegen eine Stadthalle auf dem Areal.

„Ich bin hin und her gerissen“, sagt Hubel offen. Er habe sich mit der Architektur von Werner Wirsing lange auseinander gesetzt. Der Kunsthistoriker hat sogar einen Prüfantrag gestellt beim Landesamt für Denkmalpflege, ob das Gebäude nicht unter Denkmalschutz gestellt werden könnte. „Es wäre nicht der erste Wirsing-Bau“, sagt Hubel. Markanteste Werke des Architekten sind etwa das Frauendorf auf dem Olympia-Gelände in München, und auch die Wohnsiedlung Maßmannplatz in München, die Wirsing noch als Student errichtete, steht unter Denkmalschutz. „Man teilte mir aber damals mit, dass die Voraussetzungen nicht gegeben sind“, sagt Hubel.

Heute schwankt der emeritierte Denkmalpflege-Professor – „als das Hochhaus 1969 gebaut wurde, war es eine absolute Bausünde“, sagt Hubel.

Im wahrsten Sinne des Wortes auf Leichen gebettet

Man hat die Beton-Konstruktion im wahrsten Sinne des Wortes auf Leichen gestellt. Denn dort begruben die evangelischen Bürger der einstigen Reichsstadt Regensburg ihre Toten vor den Mauern der Stadt. Und zwar in einem „Memorial-Park“, der im 19. Jahrhundert vor allem modern war: Die Gebeine sollten der Natur zurückgegeben werden. Bis heute stehen auf dem Areal noch viele wertvolle Bäume. Auch um ihren Verbleib geht es.

Die Stadt will das Hochhaus aber abreißen, weil dorthin übergangsweise der zentrale Busbahnhof verlegt werden soll. Auch eine Stadtbahn soll in einigen Jahren dorthin führen. Doch Hubel findet, dass die Idee noch unausgegoren ist: „Man muss doch erst einmal einen Plan haben, wie das verkehrsmäßig aussehen soll, bevor man Fakten schafft.“

Das Gebäude indes wirft die Frage auf, wie wir mit unserer eigenen Bau-Vergangenheit umgehen. Das Hochhaus selbst ist laut Hubel eine Fortsetzung der gerade heute wieder aktuellen Bauschule des „Bauhauses“. Das feiert 100ten Geburtstag, Wirsing hatte das Hochhaus in der Skelett-Bauweise wie ein Bauhaus-Gebäude errichtet. Außenrum entstanden vor allem in den 70er Jahren weitere Gebäude, die wiederum sind dem Baustil des „Brutalismus“ zuzuordnen. Der Sichtbeton ist heutzutage eher verpönt, die Klarheit der Architektur wirkt für viele Menschen eher abstoßend.

Hubel indes plädiert dafür, die umstehenden Gebäude abzureißen, aber das Wirsing-Hochhaus zunächst stehen zu lassen. Sein Argument: „Der Abriss ist sehr teuer, denn das müssen Spezialfirmen machen.“ Im Hochhaus ist Asbest verbaut. Solange man es nicht anrührt, schadet es nicht.

Auch eine neue Fassaden-Gestaltung würde das Hochhaus aufwerten: „Die Farben sind heute verblasst, das war mal ganz anders“, sagt Hubel. Sicher ist: Die Klage dürfte nun aufschiebende Wirkung haben. Ob jemals wieder Leben einkehren wird in das einst visionäre Hochhaus, steht in den Sternen. Für viele Regensburger bleibt es ohnehin ein Schandfleck statt visionäres Bürgerhaus.