01.02.2019, 12:01 Uhr

Familie im Zeugenstand „Für mich war das Beugehaft“ ¨– Anja Wolbergs sagt im Prozess gegen ihren Mann aus

Die mit Spannung erwartete Vernehmung von Anja Wolbergs, Ehefrau des angeklagten Regensburger Oberbürgermeisters Joachim Wolbergs, brachte Einblicke in eine Politiker-Ehe. (Foto: ce)Die mit Spannung erwartete Vernehmung von Anja Wolbergs, Ehefrau des angeklagten Regensburger Oberbürgermeisters Joachim Wolbergs, brachte Einblicke in eine Politiker-Ehe. (Foto: ce)

Die mit Spannung erwartete Vernehmung von Anja Wolbergs, Ehefrau des angeklagten Regensburger Oberbürgermeisters Joachim Wolbergs, brachte Einblicke in eine Politiker-Ehe. Im Sitzungssaal herrschte betretenes Schweigen, als die getrennt lebende Ehefrau die Auswirkungen der U-Haft auf sich und ihre Familie schilderte.

REGENSBURG Anja Wolbergs kam lächelnd ins Landgericht. Sie hat sich ein paar Flaschen Cola mitgebracht, sie weiß, ihre Zeugenaussage könnte länger dauern. Und so ist es dann auch: Die in Trennung lebende Ehefrau des angeklagten Regensburger Oberbürgermeisters Joachim Wolbergs berichtete mehr als zwei Stunden im Zeugenstand – auch über sehr persönliche Dinge. Sie ist bis heute Kassier im SPD-Ortsverein Stadtsüden, über den etwa eine Million Euro an Spendengelder und der OB-Wahlkampf ihres Mannes abgewickelt wurden. Zudem hatte sie zusammen mit ihrem Mann einen Kredit über 220.000 Euro an den Ortsverein ausgegeben, der 2019 in eine Spende umgewandelt wird, wenn der Ortsverein ihn nicht zurückzahlen kann. „Bisher sind 17.000 Euro zurückgezahlt“, erzählte die Zeugin. Zudem haben ihr Mann und sie etwa 50.000 Euro selbst für den Wahlkampf gespendet.

Wolbergs, das wird klar, hatte einen gehörigen Teil seines Erbes in den eigenen Wahlkampf gesteckt. Wenn er sich, wie die Staatsanwaltschaft annimmt, wirklich bereichern wollte – dann ist ihm das jedenfalls gründlich misslungen. Angeklagt sind neben seinen Spendeneinnahmen durch den Bauträger sowie Vorteile für den Fußballverein Jahn Regensburg auch beiden Eigentumswohnungen für Wolbergs Mutter und dessen Schwiegermutter, die beide beim mitangeklagten Bauträger Volker Tretzel gekauft hatten. Und auch Handwerkerleistungen für ein Ferienhaus und eine Pächterwohnung soll Tretzel übernommen haben. Rabatte und Sonderausstattungen sollen sich auf insgesamt 120.000 Euro belaufen haben. „Meinem Mann war Geld nie wichtig“, schildert demgegenüber Anja Wolbergs. „Wenn sie ihn um drei Uhr nachts geweckt und ihn nach etwas Politischen gefragt hätten, hätte er eine Stunde lang einen Vortrag gehalten“, sagt sie gefasst. „Aber seinen Kontostand hätte er nicht gewusst.“

Im Oktober 2015 trennte sich das Paar. Wolbergs hatte damals eine neue Freundin. Doch bis heute sehen sich die Eheleute jeden Tag. „Man muss nicht in Feindschaft leben, wir waren 16 Jahre verheiratet und haben zwei Kinder miteinander“, antwortete Anja Wolbergs auf eine etwas bissige Frage des Staatsanwalts. „Ich mache bis heute seine Finanzen“, sagt die Zeugin. Das bringe ihr Beruf mit sich, sie ist bei der Sparkasse angestellt. Sie nennt Wolbergs jedenfalls während der ganzen Vernehmung „meinen Mann.“

Emotional wurde es im Gerichtssaal, als Richterin Elke Escher Anja Wolbergs nach den Folgen der Haft fragt. Ihr Mann war im Januar 2017 verhaftet worden. „Das war für mich und meine Familie eine Katastrophe“, schilderte sie. Bis heute habe sie Panik-Attacken. „Früher war unser Haus immer offen, doch heute gehe ich immer mal wieder ums Haus herum, schaue, ob alles abgeschlossen ist.“ Die gemeinsame Tochter sei durch die Ereignisse chronisch krank geworden. Und auch ihr Mann sei nicht mehr derselbe: „Er kann nachts nicht schlafen, er hat Albträume.“ Die Ehefrau des suspendierten OB sprach auch die Ermittlungen und die Berichterstattung über ihren Mann und den ganzen sogenannten Spendenskandal an: „Ich halte das nach wie vor für eine Beugehaft.“ Als fälschlicherweise in der Zeitung stand, man habe 160.000 Euro bei der Verhaftung ihres Mannes gefunden, hatte sie sich sogar das Durchsuchungsprotokoll der damaligen Freundin zeigen lassen. „Wir konnten uns nicht wehren“, sagte Anja Wolbergs den Richtern.

Sie wisse, ihr Mann habe in der psychiatrischen Abteilung der JVA Straubing „Dinge gesehen, die er nie vergessen wird.“ Auch die Berichterstattung kritisierte Wolbergs scharf, auch, als er noch im Amt war. „Er stand mit dem Damoklesschwert der Ermittlungen damals auf, ging ins Amt und ging abends damit ins Bett.“

Anja Wolbergs, die ihre Erlebnisse auch in einem Roman verarbeitet hat, schilderte ihren Mann als jemanden, den der eigene Vorteil nicht interessiert. „Als ich einmal das Wohnzimmer streichen lassen wollte, sagte er zu mir: Ohne Rechnung machen wir gar nichts.“ Sie strich es dann selbst. Auch als sich die Familie 2008 gemeinsam ein Haus bauen wollte und der Bauplan nicht durchging, habe man ihn gebeten, doch vorzusprechen. „Er sagte damals: Wenn man so nicht bauen darf, dann können auch wir so nicht bauen.“

Schwere Vorwürfe formulierte die Ehefrau im Zeugenstand auch gegenüber den Ermittlern. Ihre Schwester sei bei der Jungen Union. Da habe ihr ein CSU-Stadtrat bereits 2015 geschildert, dass man gegen ihren Ehemann etwas finde. Auch ein weiterer CSU-Stadtrat, der bei der Polizei arbeitet, habe im Hinblick auf einen Mordfall am Stammtisch in Gegenwart des Wolbergs-Sohnes gesagt: „Erst holen wir uns den Mörder, dann den Wolbergs.“ Seither habe sie nur noch begrenzt Vertrauen in den Rechtsstaat.

Witting verkündete am Donnerstag dem Gericht noch, dass Wolbergs Mutter nicht kommen wird. „Sie ist 78 Jahre alt. Wir bitten um Verständnis, aber ihre Aufregung ist zu groß.“ Wolbergs Schwiegermutter sorgte bei Gericht für einiges Schmunzeln. „Mein Schwiegersohn war da ja schon OB, für mich hatte der da keine Zeit“, schilderte die resolute 76-Jährige den Kauf einer angeblich vergünstigten Eigentumswohnung bei BTT. „Ich habe drei Kinder, da kann ich mir nicht dreinreden lassen“, schilderte die Zeugin. Die Seniorin kann offenbar bis heute nicht verstehen, dass ihr Wohnungskauf eine Vergünstigung für ihren Schwiegersohn darstellen soll. „Nicht einmal Würstel hat er sich schenken lassen auf dem Marienbergfest“, schilderte die Seniorin. Um nachzuschieben, wie sie einmal beobachtete, dass sich ein im Fall involvierter Regensburger Oberstaatsanwalt Würstl in der Metzgerei hat schenken lassen. „Das waren keine Hundezipfel“, so die Schwiegermutter.