08.01.2019, 18:45 Uhr

Seenotretter Schlagabtausch mit Sea-Eye-Gründer – „so ein Bohei um 17 Menschen“


Eigentlich wollte sich der Gründer der Organisation Sea-Eye den rechten Trollen stellen, die am liebsten die Schiffe der Seenotretter versenken wollen. Doch keiner kam. Stattdessen wird der Afghanistan-Experte Reinhard Erös zum schärfsten Kritiker Michael Buschheuers.

REGENSBURG Es ist zehn vor sechs an diesem Montagabend, doch kein „rechter Troll“ sitzt auf den Plätzen im alten Pfarrheim von St. Emmeram. Am Beamer steht Michael Buschheuer. Er ist Gründer von Sea-Eye – und für Buschheuer ist es längst fünf vor zwölf. Denn der Seenotretter, der erst kürzlich eine Crew auf dem unter deutscher Flagge fahrenden „Professor Albrecht Penck“ ins Mittelmeer schickte, will sich eigentlich seinen Kritikern stellen. Seit die „Professor Albrecht“ am 29. Dezember 17 in Seenot geratene Migranten 25 Seemeilen vor der Küste Libyens an Bord nahm, sucht sie nicht nur einen Hafen in Europa. Die Sozialen Medien sind randvoll mit harscher Kritik an Sea-Eye. Hauptvorwurf: Man führe nur das Geschäft der Schlepper weiter. Buschheuer lud daraufhin ins alte Pfarrheim, doch kein einziger Kritiker kam. Nur Unterstützer, Medienvertreter – und Reinhard Erös, ein anerkannter Experte des Nahen Ostens. Erös baut Schulen in Afghanistan. Er wird für Buschheuer an diesem Abend zum „Advocatus diaboli“.

Buschheuer schildert die Situation zunächst so: „Seit acht Tagen stehen zwei Schiffe vor der Küste Maltas und dürfen keinen Hafen anlaufen. Es geht hier um 49 Menschenleben“, sagt der Regensburger. Neben dem Sea-Eye-Schiff wartet noch ein weiteres mit Migranten an Bord auf einen Hafen. Die Situation werde brenzlig, da die Vorräte knapp werden. Schon hier grätscht Erös Buschheuer in die Argumentation: „Gerade wurde bekannt, dass die Geretteten an Bord der Seawatch in den Hungerstreik getreten sind. Widerspricht sich das nicht?“, fragt Erös. Buschheuer weiß noch nichts von den Streiks. Er räumt aber ein: „Menschen, die durch die Hölle gegangen sind, verhalten sich nicht rational.“

Seit die Regensburger Bürgermeisterin ankündigte, man wolle die 17 Migranten von Bord der „Professor Penck“ aufnehmen, schlagen die Wogen hoch in den Kommentarspalten. „Soll sie sie doch bei sich aufnehmen“, so lauten noch die gelindesten Kommentare. Buschheuer stellt sich dem vehement entgegen: „Wir dürfen nicht die Flüchtlinge durch Flüchtlinge vernichten“, ist seine deutlichste Aussage. Es gebe sechs Studien, die belegten, dass nicht weniger Migranten auf ein Boot steigen, nur weil keine Seenotretter vor Ort sind. „Dort, vor der Küste Libyens, ist niemand mehr. Die Handelsschiffe meiden das Gebiet, weil die Aufnahme von Flüchtlingen Millionen kosten kann. Und das Militär wurde verlegt“, sagt Buschheuer.

„KZ-ähnliche Zustände in libyschen Lagern“

Er zitiert auch eine Einschätzung des SPD-regierten Auswärtigen Amtes, wonach in den „Detention-Center“ in Libyen „KZ-ähnliche Zustände“ herrschen. Den KZ-Vergleich scheut er nicht, „schließlich hat eine deutsche Behörde das so eingeschätzt.“ Das Auswärtige Amt bestätigte der Mannschaft der „Albrecht Penck“ kürzlich auch rechtskonformes Verhalten. Denn man weigerte sich, die 17 Geretteten aus dem Fischerboot an die libysche Küstenwache zu übergeben. Das sei einwandfrei, so das Ministerium.

„Schlepper sind Mörder“, sagt Buschheuer. Er sagt auch, dass die libysche Küstenwache mit den Schleppern unter einer Decke steckt oder die von der EU mitfinanzierte Truppe sogar deckungsgleich ist mit den Schleppern. Auf eine Frage hin liest Buschheuer allerdings auch eine Antwort der Bundesregierung vor, in der steht, dass man laut Seerecht keinen „Sicheren Hafen“ braucht, um in Seenot geratene Menschen an Land zu bringen. Es reiche ein „Sicherer Ort“. Wörtlich schreibt die Bundesregierung: „Solche Sicheren Orte gibt es in Libyen.“ Dennoch weigert sich Sea-Eye, das zu tun – auch nach Tunesien will man die Menschen nicht fahren. Erös wirft ihm genau das vor: „Erst sagen Sie, wir retten Leute vor dem Ertrinken. Jetzt sagen Sie: Aber wir bringen sie nicht zurück, woher sie kommen und bringen sie nicht dort an Land. Das tragen Millionen Menschen in Europa einfach nicht mit!“

Erös forderte Buschheuer auf, politisch aktiv zu werden. „Legen Sie das doch den Grünen, den Linken und der SPD im Bundestag vor. Dann haben Sie eine Mehrheit und können handeln“, so Erös. Buschheuer aber lehnt das ab. „Wir sind nicht politisch“, sagt er. Doch was, fragt Erös, „wenn 200 Millionen Menschen kommen wollen?“ Buschheuer sagt klar: „Wir haben keine Antwort darauf, wenn 200 Millionen Menschen kommen. Wir können das nicht lösen.“ Das sei Aufgabe der Politik. Gleichzeitig gibt er zu bedenken: „Es gibt keinen Fall in der deutschen Geschichte, in der die Geisel erschossen wurde, damit der Geiselnehmer Ruhe gibt.“ Das gelte doch auch für Flüchtlinge?

Wieder vergleicht Erös die Situation im Mittelmeer mit jener in Afghanistan. Bis 2017 seien 250.000 Menschen nach Deutschland gekommen, „das war jeder hundertste Afghane.“ Er sei von der Bundesregierung in Expertenrunden geladen worden. „Da habe ich gefragt: Wer sind die Schlepper? Die Antwort war: Das sind richtige Reisebüros, die erste, zweite und dritte Klasse anbieten.“ Als man durch den Türkei-Deal die Grenzen nach Europa schloss, „ist das Geschäft versiegt. Das muss man hier auch machen“, so der Afghanistan-Experte.

Buschheuer aber schreibt die Schuld an dem Elend der EU zu. „Das Signal ist klar: Wir wollen diese Menschen nicht.“ Die Toten, so findet Buschheuer, sind nicht libysche Tote. Es sind unsere Toten.