15.12.2018, 09:42 Uhr

Resolution für Steinbruch Streit um die KZ-Gedenkstätte – „wir leben schließlich hier!“

Die Häftlingstreppe in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. (Foto: ce)Die Häftlingstreppe in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. (Foto: ce)

Der Streit um einen Steinbruch direkt an der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg ist neu aufgeflammt. Der Freistaat will den Abbau von Granit dort 2024 beenden, die Gemeinde und der private Betreiber laufen dagegen Sturm. Die Angelegenheit wirft die Frage auf: Darf das Gedenken mehr als 70 Jahre nach dem schrecklichsten Menschenverbrechen aller Zeiten das Leben der Menschen heute nachhaltig beeinträchtigen, nur weil sie in einem Ort leben, der belastet ist?

REGENSBURG Das Gedenken an das Konzentrationslager Flossenbürg ist eine relativ junge Angelegenheit. Bis in die 90er Jahre bestand die Gedenkstätte nur aus einem Ehrenfriedhof, 5.500 Opfer des NS-Regimes wurden hier beigesetzt. Erst Ende der 90er Jahre sollte sich das ändern: In umfangreichen Baumaßnahmen wurden bis 2007 die bis auf das Krematorium verschwundenen Überreste des KZs rekonstruiert. Heute findet man eine beeindruckende Ausstellung über das Leid und die Opfer der Nazi-Willkür. Doch aktuell ist Streit entbrannt um die Gedenkstätte und um die Frage, ob das Gedenken das Leben heute beeinträchtigen sollte. Hintergrund ist ein privater Steinbruch, der hinter der Gedenkstätte bis heute betrieben wird. Der Petitionsausschuss des Bayerischen Landtages hatte zwar im September 2018 gegen eine sofortige Stilllegung des Steinbruchs „Wurmstein“ gestimmt, gegen die Stimmen der Grünen, die ein sofortiges Aus forderten. Gleichwohl soll der Pachtvertrag zwischen der Firma und dem Freistaat Bayern 2024 nicht mehr verlängert werden. Dagegen rührt sich nun Protest in der Oberpfälzer Gemeinde Flossenbürg. Bürgermeister Thomas Meiler sagte dieser Zeitung: „Die Gespräche, die zwischen dem Betreiber, dem Ministerium, der Gedenkstättenleitung und mir stattfanden, waren darauf ausgerichtet, dass es eine Koexistenz zwischen Steinbruch und Gedenkstätte geben soll.“ Umstritten ist der Steinbruch wegen der historischen Häftlingswand. Dort hatten die KZ-Häftlinge, zwischen 1938 und 1945 waren es 100.000 Menschen, teilweise bis zu ihrem Tod arbeiten müssen. Durch den aktuellen Steinbruch habe es Risse gegeben, hieß es von Seiten der Petenten. Bürgermeister Meiler wies das zurück.

„Es gibt ein Gutachten des Bergbauamts, das bestätigt, dass die Risse nicht durch den Abbau von Granit entstanden sind.“ Flossenbürg sei seit Jahrhunderten ein Ort des Granits, im Steinbruch Wurmstein werde der einzigartige blaue Granit abgebaut. „20 Familien hängen da dran“, so der CSU-Politiker.

Flossenbürg hat es nicht leicht: Die Zahl der Einwohner sinkt seit Jahren stetig. Waren es 1970 noch mehr als 2.000 Einwohner, sank die Zahl in Richtung 1.500. Das Argument, der aktuelle Abbau von Granit sei im Hinblick auf die NS-Vergangenheit pietätlos, lässt Meiler nicht gelten. „Auf dem Gelände des KZs Hersbruck stehen heute ein Finanzamt und ein Freibad.“ Flossenbürg gedenke der Vergangenheit – doch es gebe natürlich schwierige Überlappungen. So wohnen heute Privatleute auf dem Berg, an dem sich SS-Offiziere im Dritten Reich ihre Villen bauten. Die Bausiedlung Vogelherd ist auf früherem KZ-Areal entstanden. „Der Ort ist in das KZ-Gelände hineingewachsen“, so Bürgermeister Meiler. Auch das gehöre zu der Geschichte. Die historische Häftlingswand, an der sich der Streit nun entzündet hatte, sei „seit dem Krieg nicht mehr angefasst worden.“

Der Gemeinderat hat nun einen Brief an das zuständige Wissenschaftsministerium geschrieben. Man hofft auf ein Einlenken – schließlich hängen Existenzen an dem Steinbruch, so Bürgermeister Meiler.

Auf eine Bericht der Passauer Neuen Presse reagierte nun der Antisemitismus-Beauftragte der Staatsregierung, Ex-Kultusminister Ludwig Spaenle. „Die Gedenkstätte Flossenbürg hat sich in den letzten 20 Jahren zu einem Erinnerungsort von europäischem Rang entwickelt. Dies hat nicht zuletzt die politische Unterstützung der Gemeinde ermöglicht“, so Spaenle. „Der private Pächter des historischen Steinbruchareals hat einen Nutzungsvertrag, der 2024 regulär ausläuft“, so Spaenle weiter. „Darin ist klar geregelt, dass die historische Häftlingswand des Steinbruchs von der Nutzung ausgenommen ist und die historischen Bauten aus der Zeit des Konzentrationslagers vor dem Verfall zu schützen sind. Entgegen seinen vertraglichen Verpflichtungen hat der Pächter dazu bisher nichts beigetragen“, so der frühere Vorsitzende des Landesdenkmalrates.

Zudem müsse man bedenken, dass der Steinbruchbetreiber noch zwei weitere Areale besitze, in denen er Granit abbauen könne. Diese aber liegen laut Spaenle „derzeit brach“.

Aus Sicht der ehemaligen Häftlinge stelle die private Nutzung des historischen Steinbruchs „bereits einen sehr weitgehenden Kompromiss dar“. Spaenle äußerte großes Verständnis für den Wunsch der Überlebenden: „Der Steinbruch war ein Ort der Vernichtung durch Arbeit. Dies umfassend darzustellen und diesen Ort als Erinnerungsort zugänglich zu machen, ist eine wesentliche Aufgabe der Gedenkstättenarbeit.“

Chancen wird der private Betreiber und der Gemeinderat mit dem Bürgermeister an der Spitze eh kaum haben. Der Freistaat ist schließlich der Verpächter des Areals.