18.07.2018, 13:20 Uhr

Was geht und was nicht „Pippi Langstrumpf im Takatukaland ist rassistisch und ein feuchter kolonialer Traum“

Von links: Anatol Stefanowitsch, Dichterin Nora Gomringer, Moderatorin Angelika Sauerer („Mittelbayerische Zeitung“) und Daniel Ullrich. (Foto: ce)Von links: Anatol Stefanowitsch, Dichterin Nora Gomringer, Moderatorin Angelika Sauerer („Mittelbayerische Zeitung“) und Daniel Ullrich. (Foto: ce)

Eine Podiumsdiskussion zum Thema Political Correctness zeigt tiefe Risse auf – die einen sprechen von Herrschaftsinstrumenten der Eliten, andere sehen in Pippi Langstrumpf im Takatukaland Rassismus.

REGENSBURG „Das wird man wohl noch sagen dürfen!“ – darf man das sagen, ja sogar schreiben? In Zeiten, in denen man mit einem falschen „Like“ im Internet seinen Job verlieren kann, hat sich größtenteils das durchgesetzt, was man auf Neudeutsch „Political Correctness“ (PC) bezeichnet. Mit fatalen Folgen für die Debatten-Kultur in Deutschland: Aufmerksamkeit erreichen Politiker populistischer Randparteien nämlich regelmäßig mit Grenzüberschreitungen. Und auch Künstler erhoffen sich Aufmerksamkeit, indem sie die Demarkationslinien des öffentlich Sagbaren reißen.

Genau hier setzte eine Abendveranstaltung des Theaters Regensburg am Mittwochabend an. Und das Podium bildete tatsächlich die Bandbreite der Argumente ab: Der Münchner Medienforscher Daniel Ullrich von der LMU zeigte die Widersprüchlichkeit der Sprachverbote auf. Er publizierte das Buch „Es war doch nur gut gemeint: Wie Political Correctness unsere freiheitliche Demokratie zerstört“. Der Berliner Professor Anatol Stefanowitsch von der Freien Universität Berlin („Eine Frage der Moral. Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“) setzte die Gegenposition. Quasi eingekesselt: die Dichterin Nora Gomringer, Gewinnerin des Ingeborg-Bachmann-Preises, Tochter des Dichters Eugen Gomringer. Dessen Gedicht „Avenidas“ wurde jüngst von einer Häuserfassade gestrichen, weil es angeblich sexistisch sei.

„Gewisse Gruppen sind als Opfer definiert, andere als Täter“, lautete eine der Thesen Ullrichs. Sein Beispiel: Als ein türkischstämmiger Lokalpolitiker die Deutschen als „Köterrasse“ bezeichnete, stellten Richter fest: Die Deutschen sind kein Volk, also könne das auch keine Volksverhetzung sein. „Der mediale Aufschrei blieb aus – man stelle sich vor, ein Deutscher hätte die Türken derart herabgesetzt.“ „Köterrasse“ sei beleidigend, verletzend. Ullrichs Forderung: „Gleiches Recht für alle“, der Begriff müsse deshalb für alle gleich verpönt sein.

Vehement dagegen argumentierte Stefanowitsch, auch aus eigener Migrationserfahrung heraus. Seine Finte vor allem gegen die CSU: „Für Politiker von Parteien, die kürzlich noch demokratisch waren, ist es heute möglich, eine Sprache in den Mund zu nehmen, die man bis vor Kurzem nicht benutzen konnte.“ Mit Begriffen wie „Asyltourismus“ tue man so, „als kämen diese Menschen aus Reiselust, um sich am Hotelbuffet zu bedienen.“ Da gab Dichterin Gomringer ihm recht: „Ich bin froh, dass ich zwei Pässe habe.“ Mit einem werde sie abreisen, wenn das politisch so weiter ginge in Deutschland.

Das Dilemma der Medien bei der Täternennung

Doch gerade am Beispiel der Nennung von Herkunft eines Straftäters versuchte Ullrich das Dilemma auch von Medien zu zeigen. Untersuchungen hätten belegt: Bestimmte Worte wie die Verwendung von „Familiengruppe“ unter Weglassung der Nationalität hätten die Leser dazu bewogen, ihr eigenes Vorurteil zu bestätigen. „Man sollte die Nationalität immer nennen, auch die Deutsche.“ Da ging sogar Stefanowitsch mit.

Nicht akzeptieren konnte der Berliner indes, dass bei Astrid Lindgrens „Pippi Langstrumpf auf Takatukaland“ der Begriff „Negerkönig“ vorkommt. Beim Vorlesen für seine Tochter habe er den einfach mit „Südseekönig“ ersetzt, wie das auch in neueren Übersetzungen der Fall ist. Spätestens da ging ein Raunen durch den Saal, als Stefanowitsch das beliebte Kinderbuch als „rassistisch-kolonial“ bezeichnete: „Da kommt ein weißer Mann, wird angespült, und wird dann gleich zum König gewählt – ein kolonialer Traum, der da gelebt wird.“

Das war dann auch der Dichterin am Podium zuviel, die sich „Eingriffe in mein Werk“ verbittet. Dass das nicht immer klappt, erlebte sie jüngst, als eines ihrer Gedichte über den rechtsextremen Massenmörder Anders Breivik übersetzt werden sollte. „Man sagte mir unmissverständlich, dass es in Skandinavien einen Konsens gibt, Breivik nicht zu thematisieren.“ Schade finde sie das, denn das Gedicht sei wirklich gut.

Auch vor kruden Vergleichen machte Stefanowitsch, der Professor aus Berlin, nicht Halt: „Es ist inzwischen für Politiker möglich für eine bis vor Kurzem noch demokratischen Partei wie der CSU, eine Sprache in den Mund zu nehmen, die durch die AfD salonfähig gemacht wurde.“ Das sei die Sprache „der Dämonisierung und der Reichsparteitage“, verstieg sich der Berliner in einen unsäglichen Nazi-Vergleich. Der Riss, der durch die Bevölkerung geht, setzt sich eben nicht nur in der Politik fort. Er prägt auch den Diskurs in den Elfenbeintürmen der Universitäten und Dichterzirkeln. Normalität, das ist klar, hört sich anders an.