22.06.2018, 07:58 Uhr

Wirtschaft Neuer Chef bei Infineon über autonomes Fahren und Regensburg als Smart City – „unsere Welt wird sich verändern“

Der neue Sprecher der Betriebsleitung von Infineon am Standort Regensburg, Jörg Recklies, in der Wochenblatt-Redaktion. (Foto: ce)Der neue Sprecher der Betriebsleitung von Infineon am Standort Regensburg, Jörg Recklies, in der Wochenblatt-Redaktion. (Foto: ce)

Der neue Leiter des Infineon-Standorts Regensburg ist ein Visionär des Digitalen. Im Gespräch mit dem Wochenblatt erklärt er, welche Chancen das für unser aller Zukunft bietet – ohne die Gefahren zu verschweigen.

REGENSBURG Wochenblatt: Herr Recklies, wie Ihr Vorgänger wirken Sie nahbar, locker und durchaus auch wie ein Chef zum Anfassen. Ist das Unternehmenspolitik bei Infineon?

Recklies: In der Tat ist bei uns Schlips nicht unbedingt notwendig und wir haben eher einen Führungsstil der Zusammenarbeit anstelle des Oben-nach-Unten etabliert. Man muss sich wohlfühlen, und das gilt für alle Ebenen.

Welchen Eindruck haben Sie von Regensburg?

Ich komme aus Dresden, und Regensburg ist ein Stück weit ähnlich: Regensburg hat sogar noch mehr Historie als Dresden. Die Stadt ist insgesamt jung, das hat mich sehr überrascht. Und sie ist unheimlich lebendig. Was mir persönlich gut gefällt: Man kann sich zu Fuß durch die ganze Innenstadt bewegen. Die Stadt tut sehr viel für die Fahrradfahrer, das kommt mir auch entgegen. Mehr wünschen würde ich mir ein Konzept für den öffentlichen Verkehr.

Derzeit erleben Regensburg und der Landkreis an vielen Ecken einen Verkehrsinfarkt. Glauben Sie, dass unsere Städte auch in 20 Jahren noch voller Autos sein werden?

Ich glaube, dass sich die Welt in Sachen Verkehr ändern wird. Der Einstieg beim autonomen Fahren im öffentlichen Verkehr ist dafür ein erstes Signal. Wir sehen es aber auch beim Lkw- und Güterverkehr, wo nun die ersten Sicherheitssysteme eingeführt werden. Zahllose Unfälle passieren, weil der Güterverkehr nicht mehr mit dem Geschwindigkeitsniveau mithalten kann. Abbremsen, rausziehen, Abstand halten, tote Winkel erkennen – das sind Sicherheitsaspekte, bei denen wir als Infineon Lösungen bereitstellen. Das zweite Thema ist der ÖPNV, bei dem Deutschland derzeit eine Entwicklung verschläft.

Inwiefern?

Die Verzahnung muss hier deutlich besser werden, indem man beispielsweise mit dem Zug zu Knotenpunkten fährt und von dort mit kleinen Shuttles in den ländlichen Raum fahren kann. Zudem muss hier die Elektrifizierung der Fahrzeuge deutlich forciert werden, genauso wie Fahrzeuge, die sich fahrerlos fortbewegen.

Aber wenn die Busse und Lkw autonom fahren, was machen dann Bus- und Lkw-Fahrer beruflich?

Schon heute haben die Unternehmen große Probleme, Mitarbeiter zu finden. Insgesamt wird die Tendenz am Arbeitsmarkt dahin gehen, dass die Ausbildungen viel qualifizierter werden. Wir werden viel mehr lernen, um uns im Arbeitsleben weiterzuentwickeln. In der Automobilindustrie werden sich viele Arbeitsplätze verändern, wenn es keine Verbrennungsmotoren mehr gibt. Stellen entfallen, andere kommen hinzu.

Löst Elektro-Mobilität wirklich alle Probleme?

Ich bin davon überzeugt. Autonomes Fahren und Elektro-Mobilität gehen da Hand in Hand. Die Fahrzeuge haben immer mehr Elektronik eingebaut. Nach dem Thema Verkehrssicherheit wird es einen weiteren Schritt geben: Fahrzeuge werden besser miteinander verbunden. Denken Sie nur an die Umfahrung von Staus oder Hindernissen. Wer in Schanghai sieht, dass es Tage gibt, an denen man seine eigene Hand vor Augen nicht mehr sieht, der weiß, dass der Druck auf umweltverträglichere Mobilität zunehmen wird. Am Ende werden wir zu anderen Lösungen kommen, zum Beispiel mit Brennstoffzellen-Antrieb oder besseren Batterien. Das wird die Zukunft sein. Sie wird sicherer, grüner und einfacher.

Welche Rahmen muss die Politik schaffen?

Wir brauchen gesetzliche Regelungen beispielsweise im Hinblick auf die Frage, wenn ein autonom gelenktes Mobil in einen Unfall verwickelt wird. Außerdem muss man auch im Sicherheitsbereich nachbessern: Ein Elek-troauto kann von der Feuerwehr sehr schlecht mit Wasser gelöscht werden. All das wirft Fragen auf und ich habe die Befürchtung, dass hier noch nicht weit genug gedacht wird.

Wird weiter jeder ein Auto haben?

Ich glaube, dass sich auch das massiv verändern und man zunehmend Services in Anspruch nehmen wird. Abhängig davon, ob ich eine kurze Fahrt machen möchte oder eine längere.

Thema Künstliche Intelligenz: Werden Computer Entscheidungen des Menschen ersetzen?

Ich glaube, dass es noch lange dauern wird, bis ein Computer beispielsweise auch emotionale Entscheidungen treffen kann. Das unterscheidet den Menschen ja vom Computer, dass er sachliche Entscheidungen emotional bewertet. Aber wir müssen uns die Frage stellen, an welcher Grenze – ethisch gesehen – ein Computer entscheiden soll.

Wird es auch gesellschaftliche Veränderungen geben?

Ethisch stellt sich etwa die Frage, ob medizinische oder pflegerische Leistungen von einem Roboter durchgeführt werden können, der keine Emotionen hat. In Japan ist das teilweise schon so. Der zunehmende Pflegemangel wird uns vor die Frage stellen: Will ich im Alter von einem Roboter versorgt werden? Wir sind in Deutschland relativ am Anfang solcher Diskussionen. Die müssen zunächst in der Gesellschaft geführt werden. Der Gesetzgeber hat dann die rechtlichen Rahmenbedingungen zu schaffen.

Am Montag tagten Experten bei Infineon zum Thema „Vernetzte Stadt“. Was wird sich in Regensburg verändern?

Die Regensburger werden ebenso betroffen sein wie alle anderen Stadtbewohner. Virtuelle Assistentinnen wie „Alexa“ und „Siri“ sind für viele der erste Einstieg in die digitale Welt. „Smart City“ wiederum wird die Bedürfnisse des Menschen nach ökologischer Nachhaltigkeit und erhöhter Lebensqualität abdecken. Vieles wird sich verändern, wenn wir eine Vernetzung im Haus haben. Wir werden durch die Vernetzung also im Bereich Verkehr, aber auch Ressourcen-Verbrauch und letztlich auch in der Arbeitswelt massive Veränderung erleben, die uns aber dabei helfen wird, nachhaltiger zu leben.

Vielen Dank.