08.06.2018, 08:18 Uhr

Es boomt und boomt und boomt Ist Regensburg an der Grenze des Wachstums angekommen?

Hochschule und Universität wachsen – die Zahl der Studenten hat sich auf 32.000 erhöht. Das führt auch zu Verdrängung. (Foto: Herbert Stolz, Regensburg)Hochschule und Universität wachsen – die Zahl der Studenten hat sich auf 32.000 erhöht. Das führt auch zu Verdrängung. (Foto: Herbert Stolz, Regensburg)

Regensburg und der Landkreis boomen – doch haben alle etwas davon? Wer bekommt angesichts des rasanten Wachstums und dem unfassbaren Erfolg der Region massive Probleme?

REGENSBURG Keine Frage: Die Domstadt und der sie umgebende Landkreis sind in den letzten Jahrzehnten eine Region der Superlative geworden. Regelmäßig loben Studien, wie jüngst von Prognos im Auftrag des ZDF, Regensburg und den Landkreis als Spitzen-Region mit weiterem Potential. Die Wirtschaft brummt, Global Player wie Krones, Conti, Osram, BMW und Infineon bieten gut bezahlte Arbeitsplätze. Die Stadt ist Welterbe und Wirtschaftsmotor zugleich – ein Traum.

Doch für manchen auch ein Albtraum? Gibt es auch für eine Region wie Regensburg „Grenzen des Wachstums“, so wie der Club of Rome eine Studie Anfang der 70er-Jahre nannte? Wie gesund ist das Wachstum noch? Und: Findet eine Art von „Schweizerisierung“ statt, wird die Region also auch immer teurer? Fakt ist: Dort, wo Regensburgs Boom am deutlichsten spürbar ist, findet seit vielen Jahren eine „Umwucht“ der Bevölkerung statt. Nur alteingesessene Regensburger erinnern sich noch daran, dass die „Radi-Marie“ am Wattmarkt ihren Radi verkaufte. Viele Altstadt-Häuser ähnelten Bruchbuden, bis weit in die 80er-Jahre hinein bröckelte der Putz, dunkle Kellerlöcher und WCs auf den Gängen waren zumindest in den 70ern oft die Regel, nicht die Ausnahme. Heute landen jährlich bis zu 1.200 schwimmende Luxus-Hotels an der Donau an, die Welt ist in Regensburg zu Gast. Doch das hat auch Schattenseiten: Viele alteingesessene Regensburger können sich die immer teurer werdende Altstadt nicht mehr leisten.

Einen Beitrag dazu leistet auch der Bildungsstandort Regensburg. Neben den gut bezahlten Ingenieuren, die auf den Immobilienmarkt drängen und bereit sind, hohe Mieten oder Kaufpreise zu bezahlen, haben auch Uni und OTH dazu beigetragen, dass die Immobilienpreise steigen. Ein beispielhaftes Altstadthaus: Eine Seniorin stirbt, sie lebte in ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung auf 70 Quadratmetern mit Balkon zum Innenhof. Der Vermieter lässt die Wohnung hochglanzsanieren, setzt zwei Studenten in eine WG, statt der bisher 800 Euro warm verlangt er jetzt über 1.000. Die Gentrifizierung schreitet immer weiter voran – und viele Studenten können sich Wohnungen dank ihrem familiären Hintergrund leisten.

Wie viele Studenten verträgt Regensburg?

Sollte man also beklagen, dass zwischenzeitlich 32.000 Studenten in Regensburg studieren? Nun, zumindest sollte man die Frage stellen, wann die Grenze dessen erreicht ist, was Regensburg aushält. Längst drücken die Lasten dieses rasanten Wachstums auch auf Landkreis-Gemeinden, die Immobilienpreise steigen.

Es scheint, als wäre die Zeit gekommen, den Erfolg zu konsolidieren – statt ihn immer höher, schneller und weiter voranzutreiben.

KOMMENTAR

Erfolgsverdammt

Die Region Regensburg ist eine der erfolgreichsten Deutschlands, vielleicht ganz Europas. Fraglich ist nur: Wer hat da was davon? Wirtschafts-Rankings führt die Domstadt regelmäßig, auch in Sachen Wohlfühl-Faktor sind wir weit vorne. Doch gibt es auch Grenzen des Wachstums? Beispiel Studenten-Zahlen: 32.000 sind es zwischenzeitlich. Die Folge sind steigende Mieten und eine zunehmende Party-Kultur in der Regensburger Altstadt. Das bringt einigen viel, andere werden aus ihren Wohnungen hinaus gentrifiziert. Anderes Beispiel: Die Global Player boomen. Doch was ist mit dem kleinen Bäcker, der die Miete für seine Ladeneinheit kaum mehr bezahlen kann? Wer nicht darauf achtet, dass das Wachstum sozial verträglich geschieht, der trägt zur Spaltung bei. Und das können wir doch alle nicht wollen, oder?