18.04.2018, 12:10 Uhr

Debatte Das Kopftuchverbot ist an Grundschulen angeblich kein Thema – Antisemitismus angeblich auch nicht

Mädchen mit Kopftuch in der Grundschule: in Regensburg und im Landkreis laut Verantwortlichen kaum ein Thema. (Foto: zurijeta/123rf.com)Mädchen mit Kopftuch in der Grundschule: in Regensburg und im Landkreis laut Verantwortlichen kaum ein Thema. (Foto: zurijeta/123rf.com)

Ein Kopftuchverbot wird gerade in Österreich und in Nordrhein-Westfalen diskutiert, doch laut Verantwortlichen ist das bei uns nur ein Randphänomen. Angeblich gibt es in Regensburg auch kein Problem mit Antisemitismus – eine jüdische Mutter aus Regensburg sieht das allerdings anders.

REGENSBURG Unsere Schulen sind Spiegelbild der Gesellschaft. Konflikte bilden sich dort wie im Brennglas ab. Vorfälle wie in Berlin, bei denen ein jüdischer Junge massiv antisemitisch beleidigt und gedemütigt wurde, machen besorgt – gleichzeitig sorgen Forderungen von Politikern in Nordrhein-Westfalen für Kopfschütteln bei Moslems und vielen Deutschen, weil ein Kopftuchverbot in Grundschulen im Raum steht.

In Regensburg hat ein Drittel der Bevölkerung Migrationshintergrund. Auch im Landkreis gibt es Städte wie Neutraubling und Regenstauf, wo immer mehr Menschen mit anderem Glauben und Kultur eine Heimat finden. Gibt es Probleme?

Wir haben bei Schulamtsleiter Heribert Stautner nachgefragt: Ist Intoleranz und Antisemitismus ein Problem? Stautner findet: Nein. „Unsere Schulen versuchen über bestmögliche Präventionsarbeit, etwa durch das Einbinden von Jugendsozialarbeit und der Jugendschutzstelle, Verstößen gegen Toleranz und fehlende Wertschätzung zu begegnen und gleichzeitig ein stabiles, eigenes Wertekonzept zu entwickeln“, so Stautner.

Auch an die Eltern trete man heran, um klar zu machen, was in unserem Land Toleranz anderen gegenüber heißt. Antisemitische Vorfälle wie jene in Berlin sind Stautner nicht bekannt.

Einen völlig anderen Blick auf die Dinge hat eine Mutter, die anonym bleiben möchte – weil sie jüdischen Glaubens ist. In der Schule hat sie durchgesetzt, dass die Religion ihres Kindes nicht bekannt wird. „Wir haben große Angst“, sagt die Frau, die uns namentlich bekannt ist. Die Mutter hat sich nach dem Sicherheitskonzept an der Schule ihres Kindes erkundigt. „Man hat mir gesagt, es gibt ein Solches, was genau aber darin steht, hat man mir nicht sagen wollen.“ Dass jüdisches Leben in Regensburg ungestört möglich ist, das findet die Frau nicht: „Ein Jude kann nicht mit Kippa in Regensburg herumlaufen, ohne dass er in Gefahr ist“, findet die Regensburger Jüdin. Die Familie versucht, anonym zu leben bezüglich ihres Judentums. Vor allem die Flüchtlingskrise bereitet der Familie große Sorgen.

Schule benannt nach Holocaust-Überlebenden

Beim Schulamt indes entgegnet man, dass es in der Stadt Regensburg mit der Otto-Schwerdt-Mittelschule sogar eine Einrichtung gibt, „die nach einem Holocaust-Überlebenden benannt wurde“. Zahlreiche Schulen wie die Mittelschulen in Burgweinting, Undorf, Regenstauf und Wörth erhielten sogar das Zertifikat „Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage“.

Kerstin Raschof ist Rektorin an der Grundschule Hohes Kreuz. Der Migrantenanteil ist hier traditionell sehr hoch. Hier, im Stadtosten, will die Ditib-Gemeinde ihre neue Moschee bauen, es wäre die Fünfte im Stadtosten. Doch laut Raschof spielt das Kopftuch in der Grundschule überhaupt keine Rolle. „Ich arbeite seit 1996 als Lehrerin und unterrichtete zahlreiche Schülerinnen mit Migrationshintergrund, viele davon muslimischen Glaubens“, sagt Raschof. „In diesem Zeitraum habe ich lediglich drei Schülerinnen mit Kopftuch in der Grundschule beschult.“ Zur Frage strengerer Regeln hat die Rektorin eine klare Meinung: „Die Diskussion um ein Kopftuchverbot an Grundschulen stellt sich mir nicht.“

Schulamtsleiter Stautner fragt sich, ob ein solches Verbot überhaupt verfassungsmäßig möglich wäre. Raschof geht da noch ein Stück weiter: „Auch wenn es für das Tragen eines Kopftuches aus religiöser islamischer Sicht vor dem Erreichen der Geschlechtsreife keinen Grund gibt, halte ich nichts davon, ein Verbot vonseiten des Staates auszusprechen.“ Ein solches Verbot „ruft möglicherweise Gegenreaktionen der Eltern hervor“, so die Rektorin.

Die Mutter eines jüdischen Schülers indes sagt freiweg, dass man sich der Diskussion einfach nur nicht stelle. „Das Frauenbild, das bei vielen muslimischen Migranten vorherrscht, ist genauso das Bild über Juden: nicht mit unseren Werten vereinbar.“ Die Familie habe oft daran gedacht, nach Israel auszuwandern. „Das ist schlimm – aber wir haben schlicht Angst.“