22.03.2018, 23:04 Uhr

Frauentag Mehr Anerkennung für Familienarbeit und Pflege- und Erziehungsberufe

Stellvertretende Dekanin Dr. Bärbel Mayer-Schärtel begrüßt Bürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer, die der Veranstaltung in einem Grußwort Erfolg wünschte. (Foto: Michael Scheiner)Stellvertretende Dekanin Dr. Bärbel Mayer-Schärtel begrüßt Bürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer, die der Veranstaltung in einem Grußwort Erfolg wünschte. (Foto: Michael Scheiner)

Was ist Wirtschaft? Und was sollten wir darüber wissen, um sie mitzugestalten? Am Thema „Care“, das mit dem deutschen „Pflege“, „Kümmern“ nur unzureichend übersetzt ist, entzündete sich das Forschen nach dem, was die Wirtschaft derzeit antreibt und die Frage nach menschenfreundlichen Alternativen.

REGENSBURG Denn wir alle sind Geborene, zunächst hilflose Wesen, und hätten nicht überlebt, wenn unsere Eltern sich um uns nur gekümmert hätten, wenn sie finanzielle Anreize erhalten hätten. Vorträge und Workshops des Frauentages standen unter dem Motto: „Radikal umdenken!“. Damit richteten die Veranstalter den Fokus auf Aufklärung und Veränderung.

Knackige Anstöße dazu lieferte die Schweizer Theologin und Autorin Dr. Ina Praetorius. „Wirtschaft ist Care, was sonst?“, fragte sie provokativ in ihrem Referat. Darin ging sie der Bedeutung von Ökonomie als der Lehre „vom guten, zweckmäßigen Haushalten“ auf den Grund. Die „meisten Ökonomen, also Managerinnen, Professoren, Wirtschaftsjournalisten und so weiter“ würden ihre eigenen Lehrbücher ignorieren, konstatierte sie und „nur übers Geld“ reden. Der „größte Wirtschaftsfaktor“, nämlich die „unbezahlte Care-Arbeit“ würde meist ignoriert. In der Schweiz, rechnete Praetorius mittels offizieller Statistiken für 2016 vor, seien „9,2 Milliarden Stunden (…) unbezahlt gearbeitet worden“. Das sei mehr, als für bezahlte Arbeit aufgewendet wurde, die auf 7,9 Milliarden Stunden komme. In Deutschland übersteigt die unbezahlte die bezahlte Arbeit um das 1,7-Fache, hat das Statistische Bundesamt in einer Studie herausgefunden.

„Weil Frauen den Löwenanteil unbezahlter Care-Tätigkeiten übernehmen“, zog Praetorius als Fazit, „müssten sie (…) weit mehr verdienen als Männer.“ Den Kampf für „gleichen Lohn für gleiche Arbeit“ betrachtet sie als „lächerlich“, denn „wir leisten nicht gleiche Arbeit, sondern viel mehr Arbeit“. Letztendlich könne dieses Problem nicht mit ein paar mehr Krippenplätzen oder Vaterschaftsurlaub gelöst werden, sondern nur durch einen „Paradigmenwechsel“. Man müsse „weg von der Geldzentrierung, hin zur Care-Zentrierung“ der gesamten Wirtschafts- und politischen Ordnung.

In der anschließenden Podiumsdiskussion mit Dr. Barbara Stiegler von der Friedrich-Ebert-Stiftung, der Psychologin Nicola Bock, der Politikwissenschaftlerin Dr. Friederike Habermann, der Diplom-Volkswirtin Sabine Mänken vom Verband für Familienarbeit und dem Regensburger Volkswirtschaftler Prof. Dr. Wolfgang Buchholz überwogen weniger radikale Ansätze. Dr. Habermann ging allerdings noch einen Schritt weiter als Dr. Praetorius, die sich für ein „qualifiziertes bedingungsloses Grundeinkommen“ einsetzt. Dr. Habermann sieht einen gemeinwirtschaftlichen Ansatz in dem „nicht weiter in Geldstrukturen gedacht“ wird, als notwendigen Schritt an. Deutlich mehr Anerkennung und eine bessere finanzielle Ausstattung für Familienarbeit einerseits und Pflege- und Erziehungsberufe andererseits wünschen und erwarten sich die übrigen Diskussionsteilnehmer. In einer Schlussrunde stellten die Veranstalter – Dekanat und Evangelisches Bildungswerk Regensburg – in Kooperation mit KEB Regensburg-Stadt, Katholischer Frauenbund, FrauenWerk Stein und Diakonie – in Aussicht am Thema dranzubleiben und in einer nächsten Runde auch gezielt Männer anzusprechen. Mit Chorgesang von den ReVoices begann der Tag, mit Gesang und Reisesegen endete die gut besuchte Veranstaltung, zu der Frauen aus verschiedenen Regionen Bayerns angereist waren.


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