05.02.2018, 08:48 Uhr

Integration Solche Flüchtlinge braucht das Land! Syrer lernt an der Uniklinik Pfleger


Ein 26-jähriger junger Regensburger aus Syrien ist das Gesicht einer Kampagne für mehr Integration von Flüchtlingen auf dem Arbeitsmarkt. Er lernt Pfleger am Uniklinikum – und baut im Gespräch so manches Vorurteil gegen Flüchtlinge ab.

REGENSBURG Wer ihn kennenlernt, ist schnell beeindruckt von dem jungen Mann. Nur wenn man seinen Namen aussprechen will, kommt man schnell ins Stocken: Qutayba Alhaj Alabdullah heißt der 26-Jährige, der derzeit im Gessler-Heim in Königswiesen wohnt – und zum Gesicht einer Kampagne wurde, die in ganz Bayern für die Integration von Asylbewerbern wirbt. Da haben die PR-Spezialisten der sozialen Zeitarbeits-Firma Social Bee auch genau den richtigen gewählt: Der junge Mann, der den Spitznamen Kuti trägt, macht seit April 2017 eine Ausbildung als Pflegekraft am Regensburger Uniklinikum. Und fragt besorgt in unserem Gespräch: „Wie finden Sie mein Deutsch?“

Beeindruckend. Und das fand wohl auch die Schauspielerin Uschi Glas. Vor Kurzem wurde die Werbe-Kampagne, die unter anderem Kutis Gesicht schmückt, in München vorgestellt. Mit dabei war auch die Schauspielerin. „Ich kannte sie bisher nicht, aber mir wurde gesagt, sie sei in Deutschland ganz berühmt“, grinst Kuti. „In echt sieht sie aber ein wenig anders aus als in den alten Filmen.“ Der gebürtige Syrer hat sofort ein Selfie mit Uschi gemacht. Damit hat er es sogar in die Bild-Zeitung geschafft.

Vieles hat sich verändert in Deutschland, seit Kuti 2015 eingereist ist. Für Menschen wie ihn ist es schwieriger geworden, denn er erlebt jetzt auch Ablehnung. „Das macht mich sehr traurig“, sagt Kuti. Es seien aber nur sehr wenige Patienten, die Vorbehalte gegen ihn hätten und zu denen ist er dann noch netter, als er ohnehin schon ist.

Wer sich den Lebensweg des jungen Mannes anhört, dem wird schnell klar, dass wir hier im Paradies leben. Kuti kommt aus Homs, einer Stadt in Syrien, in der der Krieg bereits 2012 ausgebrochen ist. „Junge Männer wie ich wurden sofort eingezogen, entweder in die Armee des Diktators Assad, oder der Rebellen – beides bedeutet, Menschen zu töten.“ Seine Mutter brachte ihn dazu, zunächst in den Osten Syriens zu fliehen. Als hier der IS marodierte, setzte er sich in die Türkei ab.

Dort lebt bis heute auch sein Bruder, der Arzt ist. „Für ihn wurde es in Syrien auch gefährlich, weil Ärzte von den Soldaten einfach mitgenommen werden.“ Keiner kann sich vorstellen hierzulande, was Krieg bedeutet.

Von der Türkei aus ging Kuti zu Fuß nach Griechenland. Dort sperrt man ihn zunächst ein, dann heißt es, nach sechs Monaten werde er zurück in die Türkei geschoben. „Dort aber waren wir wie Freiwild, weil wir keine Rechte hatten.“ Ja, er räumt ein: „Jeder der Geflohenen möchte nach Deutschland oder Schweden, weil das Bild dieser Länder in der arabischen Welt einfach so gut ist. Wir denken, Ihr seid tolerant und offen.“

Was sich Kuti ganz anders vorgestellt hat, ist die Bürokratie. Ja, es steht in unserem Grundgesetz: Wer in einem anderen Land der EU Asyl beantragt, der muss wieder gehen. „Aber als man mir in Ungarn Fingerabdrücke nahm, wusste ich nicht, was das bedeutet. Ich kann kein Ungarisch.“ In Deutschland bleiben durfte er aufgrund des Kirchenasyls, das ihm der Pfarrer von Lappersdorf gewährte.

Die angeblichen Probleme mit Frauen, die arabische Männer wie er angeblich hätten, kann er nicht bestätigen. „Das ist ein Vorurteil. Syrien ist nicht Saudi Arabien.“ Natürlich, dass er wie zeitweise mit Studentinnen gemeinsam in einer Wohngemeinschaft lebte, das „wäre in Syrien unvorstellbar“. Aber er sei in Deutschland offener geworden.

Wenn man ihn fragt, ob sein größter Wunsch eine eigene Familie ist, denkt er kurz nach und sagt: „Irgendwann ja. Aber zuerst will ich meine Ausbildung beenden.“ Schnell merkt man: Der junge Mann sucht nicht nur seine Chance, er nutzt sie auch.

KOMMENTAR

Probleme diskutieren, aber optimistisch!

In der Flüchtlingskrise bescheinigten mir Kollegen und Leser eine harte Linie. Auch bei der Darstellung von Kriminalität zugewanderter Menschen ist meine Linie im Wochenblatt eher strikt. Ich bin der Überzeugung, dass es Aufgabe von Journalisten ist, Dinge beim Namen zu nennen – nicht, sie unter den Tisch fallen zu lassen, weil es politisch gerade opportun ist.

Gleichzeitig darf man sich aber nicht von den Problemen, die es gibt, den Mut nehmen lassen. Ein Mensch wie der 26-jährige Kuti verbindet viele Hoffnungen mit unserem Land: Er möchte hier leben, er möchte eine Familie gründen, er will ein aufrechtes und gesetzestreues Mitglied unserer Gesellschaft sein. Wir sollten nicht nur die Probleme benennen, sondern auch die Chancen sehen, die uns diese Menschen eröffnen.

Drei Sätze haben mich besonders bewegt, die Kuti mir sagte. Auf die Frage hin, wie er Regensburg findet, sagte er kurz und knapp: „Das ist das Paradies.“ Als ich ihn fragte, wie er die Debatte um Straftaten von Flüchtlingen findet, meinte er: „Wenn einer von uns etwas Schlechtes tut, waren es alle. Wenn einer etwas Gutes tut, dann war es nur er allein.“ Und drittens: „Ihr lasst Eure alten Menschen zu oft allein. In Syrien gab es keine Altenheime.“ Für mich ist keine Frage, dass Deutschland nicht die Probleme der Welt lösen kann. Es ist auch naiv zu glauben, dass Menschen wie Kuti nach Griechenland oder Polen wollen. Gleichzeitig dürfen wir die Herzen nicht verschließen, weil wir noch mit den Problemen zu kämpfen haben. Ich bin froh, den jungen Mann kennengelernt zu haben – er brachte mich weiter!


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