27.12.2017, 12:47 Uhr

Kommentar Die Tageszeitung zeigt die menschliche Seite

(Foto: TVA)(Foto: TVA)

Die Tageszeitung hat den suspendierten Oberbürgermeister Joachim Wolbergs zu Wort kommen lassen. Das ist nicht nur gut so, es zeigt auch die menschliche Seite der Tageszeitung.

REGENSBURG Respekt! Die Mittelbayerische Zeitung hat am Samstag und am Montag jeweils auf einer Doppelseite dem suspendierten Oberbürgermeister Joachim Wolbergs ein Podium gegeben. Respekt zolle ich den Kollegen insbesondere dafür, dass sie Wolbergs auch durchaus mit kritischen Aussagen über die Rolle vieler Medien zitieren. Auch über die MZ spricht Wolbergs, er fühlte sich vorverurteilt. Mir gefällt es, wenn Journalisten selbstkritisch sind. Die Zeiten, in denen wir als Verkünder der Wahrheit allseits geachtet wurden, sind vorbei. Was mir an dem Interview besonders gefiel, war die Offenheit, mit der die MZ-Journalisten Wolbergs befragten. Chapeau!

Stand wirklich Neues in dem Interview? Nun, für mich zumindest nicht. Das mag daran liegen, dass ich in den letzten Monaten immer wieder mit Joachim Wolbergs gesprochen habe. Ich kannte seine Haltung im Vorfeld der Verhaftung im Januar 2017 ebenso wie danach, als er wieder frei gelassen wurde. Das heißt übrigens nicht, dass das Wochenblatt nicht auch kritische Distanz wahren könnte. Nur weil man eine Seite hört, heißt es noch lange nicht, dass man sich mit ihr auch gemein machen muss. Doch eines taten wir stets: Wir haben alle Behauptungen der Staatsanwaltschaft, die viele Medien als Fakten berichtet hatten, auch immer wieder in Frage gestellt.

Ich finde gut, dass sich Joachim Wolbergs nach den vielen Monaten des Schweigens der MZ geöffnet hat. Er hat die menschlich tragische Seite der Ermittlungen geschildert. Hut ab vor den Kollegen der Mittelbayerischen, die all dies transportierten und Wolbergs schlicht sprechen ließen.

Unser Weg der Berichterstattung hat uns nicht nur Lob, sondern auch Kritik eingebracht. Und letztlich auch ein Ermittlungsverfahren, das ein Präzedenzfall sein dürfte. Darf die Staatsanwaltschaft das Abhörverbot, das für Journalisten existiert, einfach aushebeln, indem sie die Abhörmaßnahmen gegen Quellen nutzt? Wenn ja, welche Folge hat das für Journalismus? Was darf ich als Journalist, um der Wahrheit auf die Spur zu kommen? Banal ist das nicht, denn es ging uns stets darum, verlässliche Quellen aufzuspüren, in denen man schwarz auf weiß nachlesen kann, was wirklich geschehen ist. Es bleiben also Fragen offen.

Gefallen hat mir insbesondere der Leitartikel, in dem die Frage behandelt wurde, was die Unschuldsvermutung eigentlich wert ist. Die scharfe Analyse machte mir deutlich, dass es im Fall Wolbergs um viel mehr geht als nur um ein Politiker-Schicksal.

Am Ende werden wir alle mehr wissen. Sicher ist: Der Fall Wolbergs kennt bislang nur Verlierer. Egal, was am zum Schluss im Urteil steht.


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