21.12.2017, 08:05 Uhr

Altersversorgung Altersarmut wächst wie ein Tumor – Renten-Durchschnitt bei 770 Euro in Regensburg!

Der Bezirkschef des Sozialverbands VdK, Christian Eisenried, erlebt in seiner Beraterpraxis täglich Fälle von Altersarmut. (Foto: VdK)Der Bezirkschef des Sozialverbands VdK, Christian Eisenried, erlebt in seiner Beraterpraxis täglich Fälle von Altersarmut. (Foto: VdK)

Immer mehr Rentner leben am Rande des Existenzminimums in Regensburg – Zahlen, die uns der VdK zur Verfügung stellte, sind alarmierend. Dass das die politischen Ränder stärkt, hat laut VdK-Bezirksgeschäftsführer nichts damit zu tun, dass diese Lösungen bieten würden. Tun sie nämlich nicht.

REGENSBURG Die Zahlen sind schlicht niederschmetternd. Alle reden davon, dass wir so ein reiches Land sind, und dann das: 63,5 Prozent aller Rentner in Bayern haben eine Rente unter 1.000 Euro. Sie sind damit unterhalb der Armutsschwelle. Immer mehr Regensburger Rentner leiden auch darunter, dass der Erfolg der Region die Mieten in die Höhe treibt – doch wie gefährdet sind wir?

Die Antwort ist erschreckend. Der Sozialverband VdK hat dem Wochenblatt die Zahlen für Regensburg zur Verfügung gestellt. In der Stadt Regensburg gibt es derzeit knapp 24.000 Rentner, im Landkreis sind es knapp 33.000. Der Durchschnitts-Zahlbetrag an Rente beläuft sich auf etwa 770 Euro. Bei Männern liegt der Schnitt im Landkreis etwa auf Bayern-Niveau, nämlich bei 1.055 Euro, bei Frauen sind es deutlich weniger, nämlich 538 Euro. In der Stadt liegen Männer niedriger als im Landkreis: Ein Durchschnitts-Rentner in Regensburg erhält 990 Euro Rente, eine Durchschnitts-Rentnerin kommt auf 629 Euro.

Auch bei der Überschuldung holen die Senioren traurigerweise auf. (Foto: Schufa)

Wie arm also sind Regensburgs Rentner? Die Antwort ist – erschütternd. Christian Eisenried ist Bezirksgeschäftsführer des VdK. „Ich bin seit 18 Jahren in der Beratung tätig“, erzählt Eisenried. Früher ging es in der Beratung häufig darum, dass Schwerbehinderten-Ausweise beantragt wurden. Oder auch der Neuantrag für die Rente war ein Thema für die VdK-Mitglieder. „Im Laufe der Jahre kamen immer mehr Menschen zu uns, die Beratung dafür benötigten, um mit so wenig Abschlag wie möglich in die Rente gehen zu können“, so der VdK-Bezirkschef. Kein Wunder: Laut Eisenried gab es von 1992 bis 2014 ausschließlich Einschnitte in den Leistungen der Rentenkasse.

Erst 2014 gab es erstmals wieder Verbesserungen: Wer zum damaligen Stichtag bereits 45 Beitragsjahre aufwies, konnte mit 63 in Rente gehen. Seither allerdings steigt das Renteneintrittsalter für ältere Jahrgänge wieder an.

Deutschland, so heißt es allenthalben, ist ja angeblich der Wirtschaftsmotor Europas. Doch wie gut geht es uns eigentlich? Allein, wer das Vermögen der Deutschen vergleicht mit anderen europäischen Ländern, der fasst sich an den Kopf: Offenbar ist der Einzelne im angeblich so reichen Deutschland gar nicht so reich. Und bei den Renten sieht es ähnlich aus. Im EU-Schnitt haben Rentner 70 Prozent des Netto-Durchschnittsverdienstes bekommen. In Deutschland sind es – 48 Prozent! Das heißt, dass ein Durchschnittsrentner über 70 Prozent des letzten Nettoverdienstes. verfügen kann. Das angeblich so reiche Deutschland liegt damit weit hinter Ländern wie Spanien (81,8), Ungarn (knapp 90 Prozent) oder Österreich mit 91,8 Prozent. Es gibt sogar ein EU-Land, in dem die Renten genauso hoch sind wie das letzte Einkommen: In den Niederlanden. Und der Hammer wartet auf Rentner im EU-Neuling Kroatien: Da sind es Sage und Schreibe knapp 130 Prozent.

Ein Österreicher hat etwa doppelt so viel Rente

Aber kann man all dies überhaupt vergleichen? Ist eine Rente in Bulgarien nicht viel weniger als in Deutschland? Eisenried vom VdK: „Das sagt sehr wohl etwas darüber aus, wie mein Lebensstandard sein wird. In Bulgarien kann ich mir mit 400 Euro eben viel mehr leisten als in Deutschland mit 1.000 Euro.“

Die Ungerechtigkeit im Rentensystem, sie wird vor allem immer heftiger. Eisenried ist 42 Jahre. Er wird seine Rente einmal zu 100 Prozent besteuern müssen. Wenig Probleme gibt es bislang bei Staatsdienern. Der Staat macht es sich einfach: Sowohl bei der Krankenversicherung, als auch bei der Rente lässt er seine eigenen Bediensteten nicht in das System einzahlen. Im Schnitt, sagt Eisenried, hat ein Pensionär 1.000 Euro mehr Pension als ein Rentner Rente bekommt. Klar, davon muss die ja faktisch private Krankenversicherung bezahlt werden. Dennoch: „Das ist ein Zwei-Klassen-System“, so Eisenried.

Die Politik ließ das Thema links liegen

Maßnahmen gäbe es jede Menge. Doch die Politik, so Eisenrieds Wahrnehmung, habe sich im Wahlkampf einfach nicht mit diesem Thema – und auch nicht mit dem Thema Pflege – beschäftigt. Problemfälle sind vor allem diejenigen, die mit 50, 55 Jahren krank werden. Die nach eineinhalb Jahren aus dem Krankengeld und Arbeitslosengeld I rausfallen. Und die nun die Wahl haben: Wieder arbeiten zu gehen oder Hartz IV zu bekommen.

Übrigens hört Eisenried durchaus auch den Satz, „die bekommen alles und wir nichts“, wenn es um die Flüchtlinge geht. Er findet die Debatte aber scheinheilig. „Dem deutschen Sozialhilfeempfänger ist nichts weggenommen worden“, so Eisenried. „Da wird viel behauptet, was gar nicht wahr ist.“ Den Wahlerfolg der AfD verortet Eisenried vielmehr in der Sprachlosigkeit der etablierten Parteien bei den Problemen der Menschen. „Ein Rentenkonzept hatte die AfD ja nicht“, sagt der VdK-Mann.

Und dennoch: Wenn die Politik nichts tut, die Armut zunimmt, wird sich das sicher auch in den Wahlergebnissen niederschlagen.


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