28.02.2018, 18:00 Uhr

„Frauen wollen angesprochen werden!“ Kunde und Kundin: Sprachliche Gleichberechtigung auch in Passau!


Einstimmiges „Ja“ in Passau: weg vom patriarchalischen Prozedere

PASSAU Die Debatte um die sprachliche Gleichberechtigung sorgt derzeit mächtig für Gesprächsstoff. Angestoßen von Marlies Krämer, einer 80 Jahre alten Vorkämpferin für Frauenrechte, die z. B. nicht als Kunde oder Sparer, sondern als Kundin und Sparerin angeredet werden möchte. Einige halten das für überzogen, andere für lange überfällig.

Wie etwa Grünen-Kreisrätin Halo Saibold, die sich mit einem offenen Brief an Uni-Präsidentin und ehemals Universitäts-Frauenbeauftragte Dr. Carola Jungwirth wandte. Saibold meint zu der Debatte: „Ich würde es sehr begrüßen, wenn am Lehrstuhl für Sprachwissenschaften z. B. durch eine spezielle Arbeit eine ganze Liste von positiven Sprach-Beispielen erstellt werden könnte.“

Viele halten die derzeitige Debatte für lächerlich. Halo Saibold erklärt, warum sie das nicht ist: „Frauen sind mehr als die Hälfte der Bevölkerung, sie wollen und sollen angesprochen werden!“

Und dann erklärt Halo Saibold gleich noch, woher dieses patriarchalische Prozedere stammt. Früher war es einfach Ausdruck der Macht, denn Frauen spielten eben keine Rolle in der Öffentlichkeit. „Herr im Haus“ war der Mann! Die Frauen waren mehr oder minder unsichtbar. Das drückte sich auch in der Sprache aus. Jetzt ist es oft Bequemlichkeit und Gedankenlosigkeit. Schließlich ist es noch gar nicht so lang her, dass Frauen selbst eigene Verträge unterzeichnen dürfen – ohne den Mann um Genehmigung fragen zu müssen. Erst 1971 erfolgte auch die Empfehlung des Bundeskanzlers zur Beschäftigung von Frauen im Öffentlichen Dienst, vor allem zur vermehrten Einstellung von Beamtinnen und Angestelltinnen im höheren und gehobenen Dienst.

„Frauen sind einfach ein ganz wichtiger Teil der Gesellschaft und müssen angesprochen werden bzw. durch die Sprache auch sichtbar werden. Es sollte ganz selbstverständlich sein. Noch ein Hinweis: Aufgrund der gesellschaftlichen Veränderungen, die durch die Frauenbewegung (und die Grünen!) erreicht wurden, war es dann auch möglich, (in äußerster Not) auch eine Frau zur Bundeskanzlerin zu wählen oder wie jetzt auch in der SPD zur Parteivorsitzenden! Die sprachliche Gleichberechtigung ist nur ein kleiner, aber wichtiger Bruchstein in den ganzen Veränderungen.“

Geschlechtergerechte Sprache seit 2013

Dass die Universität Passau tatsächlich größten Wert auf die tatsächliche Gleichstellung von Frauen und Männern legt, dies sogar zu ihren Leitprinzipien gehört, bestätigt auch Uni-Pressesprecherin Katrina Jordan: „Wir wollen allen Studierenden und Beschäftigten unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Alter, ethnischer Zugehörigkeit, weltanschaulicher bzw. religiöser Ausrichtung, sexueller Orientierung, Behinderung oder Krankheit die gleichen Chancen bieten, an den hervorragenden Angeboten unserer Universität teilzuhaben.“ Schließlich sei die Verwendung einer geschlechtergerechten Sprache für die internationale Attraktivität und Wettbewerbsfähigkeit der Universität Passau unabdingbar. „Wenn wir die besten Köpfe für uns gewinnen wollen, müssen und wollen wir sie auch direkt ansprechen – Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Forscherinnen und Forscher, Studentinnen und Studenten.“

Auch sie ist überzeugt, dass die Gleichstellung von Frauen und Männern im Sprachgebrauch ihren Ausdruck findet. Deshalb sind die Beschäftigten und die Gremien der Universität Passau verpflichtet, in der externen und internen Kommunikation eine geschlechtergerechte Sprache zu verwenden, die die sprachliche Gleichbehandlung von Frauen und Männern sicherstellt. „2013 hat die Universität Passau Richtlinien zur geschlechtergerechten Sprache verabschiedet, mit denen wir unseren Beitrag zur Umsetzung der Organisationsrichtlinien zur sprachlichen Gleichbehandlung der Bayerischen Staatsregierung leisten. Dies betrifft alle Wege der Kommunikation, also gesprochene Sprache, Schriftverkehr und beispielsweise auch unseren Internetauftritt.“

Übrigens: Die Verwendung einer geschlechtergerechten Sprache ist an Universitäten und Hochschulen weltweit eine Selbstverständlichkeit – für Frauen und Männer. Das gilt auch für die Universität Passau, die sich auf allen Ebenen sehr ernsthaft mit den Themen Gleichstellung, Frauenförderung und Diversität auseinandersetzt: „Zum 1. Oktober 2017 haben wir das Amt eines Vizepräsidenten für Qualitätsmanagement und Diversity neu geschaffen, das Prof. Dr. Jörg Fedtke besetzt. Das Amt des stellvertretenden Universitätsfrauenbeauftragten der Universität Passau hat mit Professor Dr. Hans Krah ein Mann inne. Und auch in unserem Gleichstellungsreferat arbeiten Frauen und Männer“, schildert Katrina Jordan.

Deutsche Sprache wurde von Männern geprägt

Auch für Kathrin Plechinger vom Katholischen Deutschen Frauenbund (KDFB) ist das Thema alles andere als lächerlich. „Es ist nicht automatisch, dass Frauen sich durch die männliche Form der Sprache mit angesprochen fühlen. Wir beim KDFB achten bewusst auf eine geschlechtergerechte Sprache. Dadurch verändert sich die eigene Wahrnehmung. Es heißt nicht umsonst: Sprache erzeugt Wirklichkeit. Sprache spiegelt Norm- und Wertvorstellungen einer Gesellschaft wider. Wenn Frauen in der Sprache wahrgenommen werden, werden sie auch in der Gesellschaft wahrgenommen.“ Sie weiß darum, dass es Männer gibt, die eine geschlechtergerechte Sprache verwenden, aber auch solche, die kein Verständnis haben. Und auch sie erklärt, warum: „Die deutsche Sprache ist historisch von Männern geprägt, deshalb kam die weibliche Form nicht vor.“ Und deshalb verwenden auch heute noch sehr viele Frauen die männliche Sprache für sich. „Wenn sie etwa sagen ‚ich bin Schatzmeister‘. Wenn ich dann sage, dass sie eine Schatzmeisterin sind, wird ihnen bewusst, ach ja, stimmt! Ich bin eine Frau und kein Mann.“


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