24.06.2020, 11:47 Uhr

Interview Sibylle Entwistle „Was in der Stadt passierte, war dem Zufall überlassen“


Sibylle Entwistle, neue Bürgermeisterin von Vilsbiburg, zum Einzelhandelsentwicklungskonzept der Stadt

Vilsbiburg. Ein neuer Bebauungsplan für die Vilsbiburger Innenstadt soll entstehen. In diesem sollen die Ziele des Einzelhandelsentwicklungskonzepts der Stadt eingearbeitet werden. Laut Auskunft der Stadt wird die Bauplanentwicklung etwa ein bis zwei Jahre dauern. Um diesen ungestört planen zu können, ist aktuell auch eine Veränderungssperre für das Innenstadtgebiet, unabhängig von Denkmalschutz, erlassen worden. Das Wochenblatt sprach mit Sibylle Entwistle, seit wenigen Wochen erste Bürgermeisterin von Vilsbiburg, über dieses Einzelhandelsentwicklungskonzept, das einen neuen Bebauungsplan nötig macht.

Wochenblatt: Wie sehen die Vorstellungen der Entwicklung der Vilsbiburger Innenstadt aus?

Entwistle: Wir haben einen langen, begleiteten Beratungsprozess hinter uns. Stand bis heute ist, dass das Bewusstsein der Stadt geschärft wurde, bei der Entwicklung der Innenstadt ein großer Teilnehmer zu sein, der Einfluss ausüben kann und soll. An verschiedenen Plätzen bedarf es Maßnahmen. Es soll nicht immer nur reagiert werden, sondern auch schon Ziele für die nächsten fünf, zehn oder 15 Jahre gesetzt werden. Die Stadt macht sich ein Bild von ihrer Innenstadt, wie sie sie haben möchte: als einen guten Mix aus Einzelhandel, Gastronomie, Kultur, sozialen Punkten.

Wochenblatt: Das klingt sehr allgemein, was darf man sich konkret darunter vorstellen?

Entwistle: In den vergangenen Jahren war es eigentlich immer so, dass man das, was in der Stadt passiert ist, dem Zufall überlassen hat. Die Stadt war nur Zuschauer von Angebot und Nachfrage. Sie hat nie mitgestaltet, sich nie überlegt: Was tut meiner Innenstadt gut? Man hat festgestellt, dass die Innenstädte weniger frequentiert sind bzw. eine neue Funktion bekommen haben. Es geht weniger um den täglichen Bedarf, mehr ums Erleben. Wenn ich heute in die Innenstadt gehe, dann möchte ich meine Lebensqualität erhöht wissen. Eine gute Innenstadt muss einen guten Mix aus Angeboten haben. Die Stadt ist Mischung aus Arbeits-, Lebens und Begegnungsort, Marktplatz und Bühne. Diesen Aufgaben muss sie auch gerecht werden: Einen Mix herstellen, um die Bürger in die Innenstadt zu bekommen.

Wochenblatt: Welche Geschäfte möchte die Stadt haben?

Entwistle: Man möchte was erleben, einen Mix aus Gastronomie und lebendigem Einzelhandel, der sich vom Internet abgenabelt hat und seinen Kunden einen Mehrwert bietet. Zum Beispiel Läden, die zu ihrem Angebot auch noch ein kleines Bistro bieten.

Wochenblatt: Möchte die Stadt Konzepte prüfen?

Entwistle: Nein, Einzelhändler dürfen alle rein. Wir sind leider nicht in der komfortablen Lage, dass wir uns das aussuchen könnten, wir teilen das Schicksal vieler Städte: Wir haben Leerstände.

Wochenblatt: Wie sieht es mit Verkehrsanbindung aus, etwas geplant?

Entwistle: Es gibt ein Anruf-Sammeltaxi und bereits Überlegungen, es günstiger zu gestalten sowie den Bekanntheitsgrad zu steigern. Busse fahren regelmäßig, auch hier soll der Bekanntheitsgrad erhöht werden. Ich persönlich habe schon die Idee eines Bürger-Busses favorisiert, aber wir sind noch dabei, herauszufinden, warum die Busse, die da sind, nicht genutzt werden.

Wochenblatt: Sperre und Bauplanentwicklung – kann sich das aktuell negativ auf den Einzelhandel auswirken?

Entwistle : Wenn ein Immobilienbesitzer sanieren möchte, kann er zu uns kommen, man kann über alles sprechen. In Ordnung wäre etwa, wenn er investiert. Es muss sich mit den Komponenten unseres Einzelhandelsentwicklungskonzepts vertragen. Wettbüros in der Innenstadt wären beispielsweise nicht in Ordnung. Uns wäre ein Angebot am liebsten, das eine große Zielgruppe anspricht. Wir möchten ein Angebot für junge und ältere Menschen, für Familien, für alle. Uns geht es wirklich darum, die Bevölkerung in ihrer Vielschichtigkeit für die Stadt zu gewinnen.

Wochenblatt: Inwiefern kann man das bewerten? Wie stark kann, darf, soll eine Stadt sich über Baurecht in Selbstgestaltung der Bürger einbringen?

Entwistle: Aus der Erfahrung der letzten Wochen kann ich sagen, dass es sehr dankbar angenommen wird. Ich hatte die Chance, mit Hauseigentümern, Vereinen, Einzelhändlern und Investoren zu sprechen, welche investieren wollen würden, wenn sich jemand kümmert. Darum geht es: Ums Kümmern, nicht ums Einmischen. Wenn sich niemand kümmert, dann entsteht der latente Vorwurf, weshalb das nicht geschah. Wir möchten Partner, Networker sein und sehen uns als Vermittler, die bündeln. Bebauungsplan und Sperre kamen tatsächlich, um aktiv gestalten zu können. Weil, wenn wir das nicht hätten, dann hätten wir keine Gestaltungsmöglichkeit.

Und wenn man ganz ehrlich ist, war der Anlass eigentlich das Wettbüro. Man hat festgestellt: Was macht man denn als Stadt, wenn ich mich aktiv an der Innenstadt beteilige und dann kommt da etwas rein, das überhaupt nicht gewollt ist? Da gab es, auch bei Bürgern, einen großen Aufschrei, als das Wettbüro hier rein wollte. Es gibt einfach Dinge, die haben in einer Innenstadt nichts zu suchen, die da nicht rein passen und auch keine Frequenz bringen.

Unser Ziel ist, die Innenstadt attraktiv zu gestalten und Frequenz rein zu bringen. Wir wollen den Bürgern ein „Wohnzimmer“ schaffen. Ein Wohnzimmer muss man dann auch dementsprechend einrichten können. Für uns ist die Innenstadt einzurichten auch ein Stück Heimat zu bieten und ein Gradmesser für die Freizeitqualität.

Die Stadt hat sich nicht aufgedrängt, weil sie das unbedingt machen möchte. Sondern aus der Not heraus, weil man gemerkt hat, dass es allein nicht funktioniert. Die Stadt wurde ermuntert, dazu aufgefordert, mitzuhelfen. Das ist auch das Verständnis unserer Kommune und Verwaltung.

Wochenblatt: Warum darf die Apotheke (Bebauungsplan „Gewerbegebiet West“) nicht ins Gewerbegebiet?

Entwistle: Es befinden sich bereits vier Apotheken im Innenstadtbereich. Wir möchten somit vermeiden, dass sich konkurrierende Einrichtungen im Gewerbegebiet ansiedeln. Als das Gewerbegebiet entstanden ist, gab es wirklich schlimme Stimmung in der Stadt, weil die Angst groß war, dass die Menschen nicht mehr in die Stadt kommen. Das wäre natürlich der Tod einer Innenstadt. So schlimm ist es Gott sei Dank nicht geworden, aber seit dem Gewerbegebiete so stark sind, hat man festgestellt, dass die Innenstadt eine ganz andere Funktion hat. Die Stadt muss mehr bieten als nur Nahversorgung, eine gewisse Lebensqualität. Da wären wir dann wieder am Anfang. Wir haben ganz, ganz viel Potenzial, wir haben eine tolle Innenstadt. Aber es gibt noch einiges zu tun.


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