14.05.2018, 09:18 Uhr

Aufbruchstimmung Ein Gründerzentrum für die Glasregion


Bezirkstagspräsident will bei der neuen Glas-Generation eine Aufbruchstimmung entfachen.

ZWIESEL Ein Wandel der Tischkultur, die Industrialisierung und die Globalisierung haben dafür gesorgt, dass die Glasbranche im Bayerischen Wald viel von ihrem Glanz verloren hat. Der Niedergang war schleichend. Nach und nach mussten immer mehr Hütten schließen. Am 7. Juni wird im Waldmuseum in Zwiesel das Buch „Verschwundene Glashütten“ vorgestellt. Die Mit-Autorin und Heimatforscherin Marita Haller schreibt in ihrem Vorwort: „Trotz der Glasfachschule und den bestens ausgebildeten Glasschaffenden leben heute vergleichsweise zu früher nur noch wenige Glasmacher und heute auch Glasmacherinnen von ihrem Beruf. Glashütten und Glasveredeler können nur überleben, wenn sie flexibel auf den Markt reagieren, sich spezialisieren und Marktlücken entdecken. Niemand kann sagen, wie lange die traditionsreichen Glashütten in der Grenzregion noch überleben können.“

Auch Bezirkstagspräsident Dr. Olaf Heinrich sorgt sich um die Zukunft der Glasregion Bayerischer Wald. Bei Gesprächen und Besuchen vor Ort berichten ihm Branchenvertreter und Glaskünstler immer wieder von ihren Problemen und den schwierigen Perspektiven. Die Absolventen der Glasfachschule kehren nach ihrer Ausbildung meist in ihre Heimat zurück, anstatt sich im Bayerischen Wald selbstständig zu machen. Deshalb entstand die Idee, ein Glas-Existenzgründerzentrum in Zwiesel anzusiedeln.

Um die Grundbedingungen für einen erfolgreichen Betrieb eines solchen Gründerzentrums zu sondieren, besuchte Heinrich kürzlich mit Bürgermeister Franz Xaver Steininger das Künstlerehepaar Alexandra Geyermann und Hermann Ritterswürden, das im ehemaligen Forstamt in Zwiesel eine Galerie betreibt. Die beiden kamen aus dem Rheinland und Schleswig-Holstein, blieben aber nach ihrer Ausbildung an der Glasfachschule im Bayerischen Wald. „Unser Beweggrund vor 30 Jahren, uns hier selbstständig zu machen, waren die vielen Sammler, die kamen. Ein paar kommen zwar immer noch, aber es sind viel weniger geworden“, so Ritterswürden. Die letzte Gründerwelle liege gut 25 Jahre zurück.

Was Jung-Unternehmer lernen sollen

Heinrich ist überzeugt: „Wir müssen jetzt über Möglichkeiten der Unterstützung nachdenken, bevor es zu spät sein wird.“ Doch was müsste ein solches Gründerzentrum bieten? Nur eine Örtlichkeit mit günstigen Mietpreisen reicht bei den niedrigen Immobilienpreisen vor Ort wohl kaum aus. In diesem Punkt waren sich alle einig. Auch Gerätschaften müsse man den jungen Glaskünstlern nicht stellen. Ritterswürden erläuterte das am eigenen Beispiel: „Es nützt wenig, wenn man alles umsonst bekommt und dann im Falle einer Selbstständigkeit und dem Auszug aus dem Gründerzentrum wieder keine eigenen Werkzeuge besitzt.“ Er und seine Frau hatten sich alle Werkzeuge und Geräte neu gekauft. Heute gebe es unzählige gebrauchte Werkzeuge aus Nachlässen, die man günstig erwerben könne. Außerdem sollten die jungen Unternehmer ja auch lernen, vernünftig zu planen und zu investieren, um langfristig erfolgreich arbeiten zu können.

Nach Ansicht der Profis müsste sich ein Gründerzentrum vor allem um Austausch und Vertrieb kümmern. Ihre Vorstellung: Ein Gebäude mit mehreren Werkstätten, in dem sich junge Glaskünstler einmieten können, um sich so auch untereinander auszutauschen, die Geräte und das Wissen der jeweils anderen zu nutzen – gepaart mit einer Produzentengalerie, in dem die Werke ausgestellt und verkauft werden können. Heinrich regte eine Art „Fonds“ an, der den jungen Unternehmern günstige Darlehen zur Anschaffung ihrer eigenen Ausrüstung ermögliche.

Das Künstlerpaar betonte, dass die Vernetzung der älteren, erfahrenen Glaskünstler in der Region gut sei. Und die ältere Glas-Generation sei bereit, ihr Wissen an die junge weiterzugeben. Auch darum könne es in einem Gründerzentrum gehen. Laut Heinrich könnte es dadurch gelingen, eine insgesamt positive Aufbruchstimmung einer neuen Glas-Generation zu entfachen. Der Bezirkstagspräsident will sich zu dem Thema in den nächsten Monaten eng mit dem Zwieseler Bürgermeister austauschen. Auch ein potenzieller Standort – das leerstehende Gebäude der ehemaligen Janka-Brauerei – ist bereits im Gespräch.

Kompetenz in der Region halten

Benedikt Freiherr Poschinger betreibt in Frauenau (Kreis Regen) in der 15. Generation eine Glasmanufaktur mit der längsten Familientradition der Welt. Mit ihrer über 450-jährigen Geschichte ist sie die älteste Glashütte Deutschlands. 2016 wurde die Freiherr von Poschinger Glasmanufaktur vom Verband Deutsche Manufakturen als „Manufaktur des Jahres“ ausgezeichnet. Das Unternehmen mit aktuell rund 30 Mitarbeitern hat sich zuletzt neu ausgerichtet – von der Sortimentsproduktion auf Sonder- und Spezialanfertigungen. Eigentümer Benedikt Freiherr Poschinger von Frauenau würde die Einrichtung eines Glas-Gründerzentrums begrüßen. Er wünscht sich, dass in der Region möglichst viel Kompetenz rund um die Glasverarbeitung und –bearbeitung erhalten bleibt. In der Branche sei man auf ein gutes, möglichst breit gefächertes Netzwerk an Wissen und Können angewiesen – auch und gerade bei professionellen Handwerkstätigkeiten.

Nach Auskunft von Dr. Jürgen Weber, Leiter des Bereichs Wirtschaft, Landesentwicklung und Verkehr bei der Regierung von Niederbayern, ging die Zahl der Beschäftigten in der Glasindustrie in den 1970-er und 1980-er Jahren von rund 8000 auf 2000 Beschäftigte zurück. Dies lag vor allem an der Schließung namhafter Hütten im Bereich der im Bayerischen Wald beheimateten (Hohl-)Glasproduktion für Haushalt und Gastronomie. Auch wenn der Stellenabbau in diesem Zweig der Glasindustrie bis heute anhält (Schließung der Nachtmann-Hütte in Frauenaus, Jobabbau bei Eisch), liegt die Beschäftigtenzahl insgesamt stabil bei rund 2000 Beschäftigten. Dies liegt zum einen daran, dass der Rückgang in der (Hohl-)Glasproduktion durch die Herstellung technischer Gläser (zum Beispiel Schott in Landshut oder Electrovac in Salzweg bei Passau, beide Unternehmen beliefern die Automobilindustrie weltweit zu 100 Prozent mit aus Glasgehäusen gefertigten Zündern für Airbags) kompensiert wird. Ein noch kleiner, aber wachsender Zweig ist die Herstellung von Glaskörpern (aus Quarzglas) für chemische Labors (etwa Vogelsberger in Hauzenberg/Kreis Passau). Laut Weber halten sich die vielen kleinen, handwerklich orientierten Schau- und Kunstglashütten im Bayerischen Wald immer noch erstaunlich gut.

Die Glasfachschule in Zwiesel qualifiziert Jugendliche sowohl für die Glas- als auch für die optische Industrie. In ihrem breiten Studien- und Ausbildungsangebot ist sie bundesweit etwas Besonderes. Bundesweit gibt es noch sieben „Glasfachschulen“, vier davon bieten nur glastechnische Ausbildungsgänge an. Die Glasfachschule Zwiesel konkurriert somit eigentlich nur noch mit der Berufsfachschule für Glastechnik und Glasgestaltung in Rheinbach (NRW) und der Staatlichen Glasfachschule Weilburg-Hadamar (Hessen).

Weber: „Die Fachkräfte-Problematik stellt die Glasindustrie, aber auch das Glashandwerk und die Optische Industrie vor große Probleme. Obwohl Glas ein faszinierender Werkstoff ist, entscheiden sich zu wenig Jugendliche für eine Ausbildung im Glasbereich. Hinzu kommt, dass viele Jugendliche, die die Glasfachschule in Zwiesel durchlaufen haben, sich für eine Tätigkeit außerhalb der Glasbranche entscheiden. Dadurch drohen viel Wissen, technisches Know-how und Fertigkeiten in der Glasherstellung, -verarbeitung und Oberflächenveredelung (künstlerisch und technisch) unwiederbringlich verloren zu gehen. Wenn wir es durch das angedachte Existenzgründerzentrum schaffen, dass mehr junge Menschen sich für eine Tätigkeit in der der Glasbranche entscheiden, wäre dies eine tolle Sache. Glastechnik, Optik und Design bieten faszinierende Perspektiven für Existenzgründer. Wenn die Glasfachschule, die Wirtschaft und das Netzwerk Glas sowie die öffentliche Hand an einem Strang ziehen, kann ein ,Existenzgründerzentrum Glas` am Standort Zwiesel zum Erfolgsmodell werden.“


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