19.04.2018, 11:17 Uhr

Sommersberg Ein außergewöhnliches Dorf im Bayerischen Wald

Bei der Führung durch das Dorf erfuhr Bezirkstagspräsident Dr. Olaf Heinrich (3. v. r.) Einzelheiten über das enorme Engagement der Sommersberger. Links im Bild: Bürgermeister Alois Wenig. (Foto: Bezirk Niederbayern)Bei der Führung durch das Dorf erfuhr Bezirkstagspräsident Dr. Olaf Heinrich (3. v. r.) Einzelheiten über das enorme Engagement der Sommersberger. Links im Bild: Bürgermeister Alois Wenig. (Foto: Bezirk Niederbayern)

Der Ort Sommersberg in der Gemeinde Kirchberg im Wald liegt auf 680 Meter und bietet einen grandiosen Ausblick über die Bayerwaldberge vom Kleinen über den Großen Arber bis zum Rachel. Hier könnte man es gut auf der eigenen Terrasse aushalten und „an Herrgott an guadn Ma sa lossen“ – wie man das neudeutsche „Chillen“ hier nennt.

KIRCHBERG IM WALD Das tun die Sommersberger natürlich. Aber sie machen noch viel mehr. Sie gestalten ihr eigenes Dorf mit einem außergewöhnlichen Privatengagement, dass es den niederbayerischen Bezirkstagspräsidenten Dr. Olaf Heinrich bei seinem Besuch zu der Aussage verleitete: „Ich kenne bisher keinen anderen Ort in Niederbayern, wo so etwas nur annähernd funktioniert.“

Es begann alles in den 80er Jahren, als sich die jungen Dorfburschen zu einem Fußballstammtisch zusammentaten. Ihr Treffpunkt wurde im Laufe der Jahre zu einer gemütlichen Hütte ausgebaut, in der immer öfter auch andere Veranstaltungen stattfanden. „Im Grunde gingen die Ideen vom Stammtisch aus, wir machten einen Dorfausschuss, bewarben uns für einen Dorfwettbewerb und gewannen. Es wurde einfach immer mehr“, erinnert sich Jürgen Kufner, der Dorfsprecher. Zusammen mit vier weiteren Dorfausschussmitgliedern führt er den Bezirkstagspräsidenten stolz in der 226-Einwohner-Ortschaft herum. 56 schulpflichtige Kinder sind hier zuhause, die älteren von ihnen treffen sich in einer eigenen Partyhütte am anderen Dorfende. Probleme mit Alkoholexzessen oder Vandalismus gibt es nicht. „Da sind viele Vernünftige dabei, die wissen, wo die Grenzen liegen.“

Ein Dorf brauche Treffpunkte. „Wenn diese fehlen, etwa das Wirtshaus schließt, dann kommt man nicht mehr zusammen, um zu reden. Und wenn nicht mehr miteinander geredet wird, dann geht alles zugrunde“, sind sie hier überzeugt. Damit der Gemeinschaftsgeist in Sommersberg auch in die nächste Generation weitergetragen wird, binden die Älteren die Jungen aktiv mit ein. Jedes Jahr wird eine Rasenpflege-Truppe aus Alt und Jung bestimmt, die den Dorfplatz rund um Kapelle, Brunnen und Spielplatz mäht, im Herbst die Ruhebänke einsammelt und sie im Frühjahr wieder aufstellt.

Eigentlich Aufgaben, die anderswo von der Gemeinde übernommen werden. Warum also tun sich die Sommersberger freiwillig all die Arbeit an? Die Fünf denken nach, als ob sie sich diese Frage selbst noch nie gestellt hätten. „Mei, wir können‘s halt“, sagt einer. Der andere meint, es läge am Geheimrezept des Dorfes: „Zusammen was arbeiten und danach gemütlich essen und trinken. So macht’s einfach Spaß und man hat hinterher ein gutes Gefühl.“

Steht ein größerer Arbeitseinsatz an, wird er vorher auf einem Zettel in der Hütte angekündigt. „Wenn es losgeht, kommen erst die drei, vier üblichen Verdächtigen, aber zehn Minuten später ist der ganze Platz voller Leute, die auch helfen wollen“, sagt Jürgen Kufner. Dann ist die Arbeit schnell getan und man kann zum gemütlichen Teil übergehen. So war’s auch, als die Sommersberger ihre Kapelle zum 50-jährigen Bestehen in Eigenregie renoviert haben. Der Dorf-Schreiner spendete die kunstvoll gestaltete Eingangstür, die Schüler der Glasfachschule Zwiesel fertigten Glasfenster, einen Kreuzweg und Lampenschirme an, das Dach wurde von den handwerklich begabten Männern des Dorfes selbst neu eingedeckt und zwei weitere Freiwillige brauten zum Jubiläumsfest sogar ein eigenes Bier.

All das ist schon außergewöhnlich genug, aber dass die Sommersberger auch noch ihre eigenen Straßen bauen, machte Bezirkstagspräsident Heinrich dann doch sprachlos. „Die rufen bei uns an und bitten um die Walze des Bauhofs – den Rest, also das Besorgen des Materials und die Arbeit an sich, machen sie alles selbst“, bestätigt der Bürgermeister Alois Wenig. Kein Wunder, dass bei solch einer Dorfgemeinschaft auf den sieben Bauplätzen, die vor zwei Jahren hier ausgewiesen wurden, schon sechs neue Häuser stehen. „Die Jungen wollen hier bleiben oder nach dem Studium wieder zurückkommen“, sagt der Bürgermeister stolz. Bemerkenswert ist dabei aber, dass im alten Ortskern hingegen kein einziges Haus leer steht. Ganz im Gegenteil. Die Anwesen sind so herausgeputzt, als ob jeden Augenblick eine Bewertungskommission vorbeikommen würde.

Sich auf dem Erreichten ausruhen, ist nicht ihr Ding. Ist die Dorfkasse nach der Faschingshochzeit oder dem Adventsmarkt wieder gefüllt, wird konzentriert nach einem neuen Projekt gesucht. Bis vor einigen Jahren wollten die Sommersberger energieautark werden, gemeinsam ein Windrad bauen und das Stromnetz kaufen – doch die 10H-Regelung der Bayerischen Landesbauordnung (wonach der Abstand des Windrads zur nächsten Wohnbebauung das Zehnfache seiner Höhe betragen muss) setzte ihrem Vorhaben ein Ende. „Ein paar Pläne hätten wir schon noch im Kopf, aber ganz ohne Förderung schaffen wir es dann doch nicht“, erklärt Jürgen Kufner. In ein Dorferneuerungsprogramm inklusive hoher Fördersätze zu kommen, ist aussichtslos – Sommersberg steht dafür einfach zu gut da. „Aber vielleicht gibt es ja eine Bezuschussung von Sondermaßnahmen“, überlegen sie laut, als sie mit dem Bezirkstagspräsidenten in der Dorfhütte einkehren. „Es sollten ja nicht diejenigen bestraft werden, die sich selbst engagieren.“

Olaf Heinrich sieht das genauso. Während in den allermeisten anderen Fällen der Ruf nach dem Staat immer lauter werde, packe man hier selbst an und spare den öffentlichen Kassen eine Menge Geld. Die letzte Straße in Sommersberg kostete zum Schluss 4.000 statt 17.000 Euro. „Ich finde es sehr beeindruckend, was ihr hier auf die Beine stellt. So einen Zusammenhalt habe ich bisher noch nirgends gesehen“, meinte der Bezirkstagspräsident zum Abschied und versprach, sich beim Amt für Ländliche Entwicklung zu erkundigen. Schließlich hätten alle was davon, wenn ein Musterbeispiel bürgerschaftlichen Engagements wie in Sommersberg viele Nachahmer finden würde.


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