09.04.2018, 10:41 Uhr

Verwaisende Ortskerne Kirchberg hat großes Potenzial

(Foto: Bezirk Niederbayern)(Foto: Bezirk Niederbayern)

Frauen Union organisierte Vortragsabend zum Thema „verwaisende Ortskerne“.

KIRCHBERG IM WALD „Verwaisen unsere Ortskerne?“, fragte sich der Ortsverband der Frauen Union Kirchberg und veranstaltete deshalb zum Thema einen Vortragsabend in Kirchberg im Wald. Die Referenten, Bezirkstagspräsident Dr. Olaf Heinrich und Architekt Georg Oswald, zeigten den Zuhörern einige Lösungsvorschläge auf. Am Ende des Abends, an dem auch angeregt diskutiert wurde, stand die Erkenntnis, dass man einen Prozess beginnen müsse, um dem Bürger seine Mitverantwortung für die Entwicklung seiner Gemeinde zu verdeutlichen.

„Denn letztlich geht es nur, wenn Privatinvestitionen in unseren Ortskernen getätigt werden“, machte der Bezirkstagspräsident klar. Schon mehrmals hat er in letzter Zeit im Landkreis über Innenstadtentwicklung referiert. Dabei dienen dem Freyunger Bürgermeister unter anderem die Erfolge in der Kreisstadt im Landkreis Freyung-Grafenau als Beispiele. Diese könnten, so Heinrich, natürlich nicht eins zu eins auf andere Kommunen angewendet werden, wohl aber der Gedanke, der dahintersteht. Und dies sei das Bewusstsein der Bürger, dass sie Verantwortung dafür tragen, wie sich ihre Ortschaft in Zukunft entwickle. „Jeder entscheidet täglich mit seinem Geld, ob er die Geschäfte vor Ort unterstützt oder große Internetkonzerne.“ Im Postzustellbezirk Freyung etwa, der 9.000 Einwohner zählt, würden alleine von der Deutschen Post (ohne private Anbieter) täglich weit über 1.000 Pakete ausgeliefert. „Mein Geld macht den Unterschied, ob in der Apotheke nebenan, die Nacht- und Notdienste bereithält, auch in Zukunft noch Auszubildende und Mitarbeiter arbeiten und mit der Gewerbesteuer Straßen saniert werden, oder ob ich bei Doc Morris bestelle und mein Geld aus dem Ort abfließt.“

Das Thema Belebung der Ortskerne umfasst aber auch die Baukultur. Nach Jahrzehnten, in denen immer mehr Baugebiete außerhalb geschaffen wurden, seien die Zentren heute schon von Leerstand und zum Teil von verfallenden alten Häusern geprägt. „Wenn man sich dann noch überlegt, welche Häuser zusätzlich in zehn Jahren leer stehen werden, weil etwa aktuell nur mehr eine ältere Person darin wohnt, ergibt sich mancherorts eine alarmierende Situation“, betonte Heinrich.

Architekt Georg Oswald legte in seinem Vortrag ebenfalls den Fokus auf diese Problematik. Er präsentierte Beispiele aus Winzer oder Arnstorf, wo es durch die Sanierung historischer Gebäude innerorts gelungen ist, die Ortskerne wiederzubeleben. Junge Menschen für eine alte Immobilie zu begeistern und sie – auch mit Zuschüssen – dazu zu motivieren, diese zu sanieren, sei eine gute Möglichkeit, verwaisenden Zentren entgegenzuwirken. Heinrich nannte dabei als Beispiel Zahlen aus dem Landkreis Freyung-Grafenau, die vermutlich in Regen ähnlich seien. Alleine bei den Sparkassen und Volksbanken haben die knapp 80.000 Einwohner ein Gesamtanlagevermögen von 1,1 Milliarden Euro. „Die Frage ist, macht es mich wirklich glücklich, mein Geld in einen Immobilienfonds in China zu stecken, von dem ich nicht weiß, was damit geschieht? Oder investiere ich mein Vermögen nicht lieber in die Sanierung eines Hauses vor Ort, wo ich täglich sehe, was mein Geld bewirkt?“

Prinzipiell stimmten die Zuhörer mit den Referenten überein, doch am Beispiel Kirchberg sah man deutlich auch die Problematik dahinter. Gemeinderat Konrad Mühlbauer verwies darauf, dass es derzeit viele Anfragen junger Familien für Bauplätze gebe. „Wir haben jetzt noch einen Bauboom, der nicht mehr lange anhalten wird, den sollten wir noch nutzen und schnell ein neues Baugebiet ausweisen.“ Heinrich betonte, dass diese Entscheidung jede Gemeinde selbst treffen müsse und es wegen der Konkurrenz der Gemeinden untereinander natürlich schwierig sei, Gefahr zu laufen, potenzielle Neubürger zu verlieren, weil sie in dem einen Ort keinen Bauplatz auf der grünen Wiese bekommen. Für ein effektives Leerstandsmanagement wäre daher eine Zusammenarbeit mehrerer Kommunen sinnvoll – ähnlich der Hofheimer Allianz in Unterfranken. Durch das gemeinsame Vorgehen der sieben Gemeinden inklusive einem Förder- und Beratungsprogramm konnten dort in zehn Jahren rund 200 alte Gebäude wiederbelebt werden.

Bei der Kirchberger Versammlung wurde aber auch der Sinn des Denkmalschutzes infrage gestellt. „Wer soll sich das denn leisten können?“, meinte ein Zuhörer. Georg Oswald entgegnete, dass es nach guter Beratung und gezieltem Vorgehen viele Fördermittel gebe, die eine Sanierung für den Investor nicht unbedingt teurer machten als ein Neubau. Außerdem komme man in den Genuss lukrativer Sonderabschreibungen sowie natürlich einer ganz anderen Lebensqualität in einem historischen Gebäude.

Zuletzt erhitzte der Amthof in Kirchberg die Diskussion. „Leider ist ein Großteil der ehemaligen Vierseitanlage bereits abgerissen, aber ein Teil steht noch“, so der Architekt. Da es sich im Privatbesitz befindet und der gewünschte Verkaufspreis der Eigentümerin laut Bürgermeister Alois Wenig „viel zu hoch“ sei, könne die Gemeinde derzeit nicht viel tun. Auch die Frage, ob sich eine Gastwirtschaft – die von den Kirchbergern dringend gewünscht werde, wie mehrere Wägen beim Faschingszug heuer belegten – dort rechnen würde, wurde kritisch diskutiert. „Es gab schon Wirte dort und es gingen zu wenige hin, so dass sie wieder zusperren mussten“, erinnerte Gemeinderat Mühlbauer. Auch bei Veranstaltungen habe er die Erfahrung gemacht, dass die Angebote von den eigenen Bürgern nicht angenommen werden. „Bei uns wird gleich immer alles schlechtgeredet“, warf eine Zuhörerin ein.

Olaf Heinrich kennt diese Negativspirale gut, hatte man sich doch auch in der Stadt Freyung bis vor zehn Jahren mehr mit den Streitigkeiten untereinander und dem maroden Ist-Zustand beschäftigt, anstatt Lösungen anzupacken. „Ihr habt in Kirchberg schon viel erreicht. Es gibt eine zentrumsnahe Lebensmittelversorgung, Kindergarten und Schule, eine tolle Sportanlage, eine gute ärztliche Versorgung – das alles sind Potenziale, auf denen man aufbauen kann“, machte er den Anwesenden Mut.

Zuletzt waren sich die Referenten sowie die FU-Ortsvorsitzende Regina Oswald und Bürgermeister Alois Wenig einig, dass man gemeinsam diesen Prozess anstoßen müsse – hin zu mehr Sensibilisierung für wertvolle Baukultur, Bürgermitverantwortung und einem neuen Gemeinschaftsgeist. Nur so könne eine Positivspirale in Gang gesetzt werden, die nachhaltig das Bild unserer Ortschaften beeinflusst.


0 Kommentare