24.07.2020, 19:16 Uhr

Perspektiven und Gegenwart „Die Grenze des Machbaren ist erreicht“


Von 90 Euro für Desinfektionsmittel, über Jobverlust bis hin zu Stammkundentreue: So erging und geht es den Landshutern.

Landshut Landkreis. Viele Wirtschaftsprognosen, warnende Appelle und Befürchtungen gab es, als die Corona-Krise begann. Was davon stimmt? Das Wochenblatt fragte die Landshuter während einer Umfrage wie es ihnen wirtschaftlich während des Lockdowns ergangen ist, aktuell geht und nach ihren Zukunftsperspektiven.

Daniel Lang (Landshut): „Ich bin Technischer Produktdesigner und habe meinen Job verloren wegen Corona. Der Arbeitsmarkt ist schwierig geworden. Geringfügige Abweichungen von den Wunschvorstellungen sind nicht mehr tolerabel: Eigentlich kann man sich auf ähnliche Jobs gar nicht mehr bewerben, muss speziell bleiben. Es gibt viel zu wenig Stellen für viel zu viele Leute, die suchen. Die offenen Dienstleister vermitteln auf Bedarf, was meint, man hängt in der Warteschleife. Vielleicht wird es Ende dieses Jahres besser. Generell finde ich die ganzen Hilfspakete sind gut gemacht. Die Arbeiter haben es schwer. Manchen Wirtschaftsbereichen wird sehr gut geholfen und andere, die kleineren, gehen unter. Die, die es mehr bräuchten, bekommen zu wenig.“

Alfred Graf (Landshut): „Ich bin Leiter einer IT-Abteilung. Persönlich habe ich keine Einschränkungen. Im privaten Umfeld aber haben zwei Piloten Probleme. Auch Bekannte aus der Gastronomie müssen rechnen. In der Industrie stelle ich – bis auf zum Teil noch sehr verzögerte Lieferketten – fest, dass es wieder anläuft. Ob die Maßnahmen im Einzelhandel ausreichen, ist schwierig zu beurteilen. Aber die Grenze des Machbaren ist erreicht. Wir können nicht jetzt alles verpulvern, wir brauchen Reserven für eine mögliche zweite Welle. Mitte nächsten Jahres könnten wir wieder dort hinkommen, wo wir vor Corona waren, aber nur wenn es einen Impfstoff gibt.“

Eva Oberpriller (Landshut): „Ich bin Geschäftsführerin. Wir sind ein alteingesessenen Familienunternehmen, seit über 60 Jahren. Natürlich hat Corona überrascht. Wir haben eine Rundum-Betreuung gemacht, als geschlossen war: Telefonberatung, Versand und Lieferung. Das ging wegen guter Kundenkontakte. Die Umstellung war gar nicht schwer, das hängt ja viel vom Zwischenmenschlichen ab. Unsere Kunden sind zu 90 Prozent Stammkunden, die wussten, dass sie sich auf uns verlassen können. Die wirtschaftliche Situation jetzt ist so, dass man sich langsam erholt. Der größte Einschnitt war schon, als es hieß: Geschäfte zusperren. Dass es wirklich so gravierend kommt, hätte man nicht gedacht. Die Hilfe von Seiten offizieller Stellen ist gut, aber letztendlich muss jeder selbst entscheiden, was davon für ihn in Frage kommt. Falls es überhaupt wieder so wird, wie es war, dann frühestens 2022/23. Aber mal ehrlich: Muss alles wieder so werden, wie es war?“

Helmut und Lenke-Maria Schmid (Landshut): „Meine Frau und ich haben unser Geschäft hier seit zehn Jahren und haben viele Stammkunden. Wir zählten mit der Post zur Grundversorgung, als geschlossen wurde. Die Einlassregeln waren so streng, dass die Kunden teils bis weit hinaus zur Straße warten mussten – obwohl deutlich weniger kamen. Im Laufe der Krise haben wir von immer mehr Kunden gehört, ihr Erspartes sei aufgebraucht. Inzwischen sind es die meisten.

Für die Arbeit im Geschäft ist es eine enorme Umstellung. Wir haben durch Umbesetzung im Betrieb ermöglicht, dass keine Mitarbeiterin ausgestellt werden musste, auch nicht die, die für 450 Euro arbeiten. Acht Wochen, bevor wir von der Post versorgt wurden, haben wir für mehrere hundert Euro eine Plexiglasscheibe zum Schutz anfertigen lassen. Statt 40 Euro haben wir 90 Euro für einen Kanister Desinfektionsmittel gezahlt.

Die ganzen Hilfen, die zahlen wir doch selbst zurück. Ich bin froh, dass ich so alt bin. Die Jugend hat da schon eine Aufgabe, das alles wirtschaftlich zu bewältigen. Trotzdem war gut, was gemacht wurde, auch, wenn es einigen verheerend geht, Schaustellern und Festwirten zum Beispiel. Dass die erst vor kurzem wieder öffnen durften, ist schon brutal. Wenn man sich mit anderen alten Leuten unterhält, dann heißt es einstimmig: Seit dem Krieg war sowas nicht da.“

Max Thull (Ergolding): „Ich bin Automobilkaufmann und DJ. Seit Corona habe ich zweimal gespielt, innerhalb von sechs Monaten. Du merkst das fehlende Geld sehr. Es ist eine heftige Umstellung, wenn pro Monat etwa 800 Euro fehlen. Ich bin 21, eigentlich war der Auszug geplant, der muss jetzt verschoben werden. Wenn ich alleine von der Musik gelebt hätte, wäre es ganz vorbei gewesen.

Viele befreundete Künstler sind sehr angekotzt – die Hauptberuflichen verzweifeln, haben Ängste. Die staatlichen Hilfen sind bei Künstlern noch ausbaufähig. Die bringen eigentlich nicht viel. Kleinunternehmer, wie auch ich einer bin, kriegen diese Hilfe nicht. Aber: Das Finanzamt sagt jetzt, dass ich in der Corona-Zeit über 1.400 Euro Vorsteuern zahlen soll. Einfach davon auszugehen, dass man jetzt in der Branche das gleiche verdient, ist schon heftig.

Die Aussage eines Politikers, man soll mit der Freundin daheim tanzen, ist nicht vielversprechend. So langsam verzweifelt man, weil überhaupt kein Feedback kommt. Wie lange die Krise noch dauert, kann ich daher überhaupt nicht einschätzen.“

Manfred Matheis (Landshut): „Meine Frau und ich sind die Inhaber des Geschäfts. Corona traf uns total überraschend und die Planungsunsicherheit, die gravierend war, besteht zum Teil bis heute fort. Man wusste ja nichts: Wir konnten zum Beispiel nichts einkaufen. Dass die Unsicherheit nach wie vor besteht, liegt daran, weil das, was vorher machbar war, im Laden jetzt nicht mehr geht. Der Kaffeebereich ist eingestellt, weil die Abstandsregeln ihn nicht zulassen. Das heißt, uns ist ein Standbein weggebrochen. Ich hoffe für Landshut, dass nach dem ausgefallenen Ostergeschäft wenigstens das Weihnachtsgeschäft nicht negativ beeinflusst wird.

Die Maßnahmen werden uns begleiten, bis es einen Impfstoff gibt. Ein Jahr würde ich sagen. Was die Auswirkungen allgemein betrifft, die sehe ich sehr negativ: Es wird massive Auswirkungen haben. Nicht unbedingt Panik, aber doch Folgen und es wird Jahre dauern, bis wieder etwas wie Normalität herrscht. Die staatlichen Hilfen waren gut, das kann man nicht kritisieren. Eher im Gegenteil: Wer soll das alles bezahlen? Woher kommt das Geld eigentlich? Es werden Generationen ausbaden müssen.“

Isa Akkca (Landshut): „Wir haben niemals mit einer Schließung gerechnet! Ich bin Inhaber eines Friseur- und Kosmetiksalons. Vieles dürfen wir nicht mehr. Anfangs hatten wir Müllberge von dem ganzen Einmal-Zeug. Die Ausgaben sind enorm gestiegen, alleine 700 Euro für Masken etwa und Einmalhandschuhe – früher haben die fünf Euro gekostet, heute das Vierfache. Es liegen bisweilen irre Preissteigerungen vor, die wir aber nicht so an unsere Kunden weitergeben können und wollen: Wir hören die ganze Zeit von Kurzarbeit, dass sie nicht wissen, wie sie die Miete bezahlen sollen. Ich schätze aus den Kundengesprächen: Ungefähr die Hälfte aller Arbeitsplätze könnte weggebrochen sein, entweder durch Kurzarbeit oder Kündigung. Manche Kunden können sich nicht einmal mehr den sonst regelmäßigen Gang zum Friseur leisten. Vor allem Alleinerziehende tragen schwer. Wenn die Situation so weiter geht, hat bald jeder einen Nervenzusammenbruch.

Aber wir haben auch viel gelernt. Die Leute sind durch die schlimmen Umstände näher zusammengerückt und positiver geworden, man behandelt sich gegenseitig mit Respekt. Wir sind, egal woher wir kommen oder welchen Glauben wir haben, alle Menschen und wir schaffen viel zusammen. Die ganzen Freundlichkeiten erlebe ich als etwas sehr Schönes. Es kommt auf Äußerliches nicht mehr an, es heißt nur noch: „Hallo, wie geht’s dir? Du bist gesund!“ Das sind gute Wörter.

Klar, wir brauchen das Geld, ohne Geld geht es nicht. Aber noch wichtiger ist der Zusammenhalt. Darum: Bleibt gesund!“


0 Kommentare