17.06.2020, 12:24 Uhr

Zirkus Carlos Leere Manegen und leere Kassen


Die Corona-Krise hat mit den damit einhergehenden Gastspiel-Absagen einen kleinen Zirkus aus Frontenhausen in finanzielle Schwierigkeiten gebracht. Er hofft nun auf Futterspenden, um es durch die Corona-Zwangspause zu schaffen.

Frontenhausen. Eigentlich hätte es nach der Winterpause im April wieder losgehen sollen. „35 Gastspiele hatten wir für die Saison gehabt, wir waren startklar“, sagt Karl Kollmann, Direktor und Tiertrainer vom Zirkus Carlos: „34 davon haben uns inzwischen abgesagt. Die letzte, der Weihnachtsmarkt, ist noch unsicher. Wenn wir nicht auftreten dürfen, fehlen die Zuschauer, damit unser Lohn und Brot. Wir sehen uns im größten Notfall mit 15 Monaten ohne Einkünfte konfrontiert.“

Bereits in der achten Generation ist der Zirkus in Familienhand und die Lebensgrundlage der Kollmanns: Vater, Mutter, drei Kinder, Bruder und Schwägerin mit Sohn sowie angestellte Tierpfleger sind auf die Einnahmen aus den Gastspielauftritten dringend angewiesen. Doch die sind nun abgesagt. Alle Personen leben derzeit im Winterquartier in Frontenhausen und warten: „Bis es heißt, wir dürfen wieder losfahren. Sowas wie jetzt gab’s noch nie“, sagt Karl Kollmann kopfschüttelnd. „Das haben wir noch nie erlebt. Selbst im Krieg durften Zirkusse reisen.“

Neben dem herkömmlichen Zirkus-Betrieb lebt die Familie Kollmann normalerweise auch von Nostalgie-Veranstaltungen, Water Walking Balls, Crêpes-Stand und Glühwein am Weihnachtsmarkt – nur nicht dieses Jahr, Corona wirft die Tour über den Haufen. Der Deutsche Schaustellerbund e.V. warnt in einer Meldung vor der Situation: „Für alle diese Familienbetriebe gilt, dass sie ausschließlich auf Volksfesten und Weihnachtsmärkten ihr Geld verdienen können, Volksfeste aber auch nur durch sie beschickt werden können. Wenn es diese Betriebe nicht mehr gibt, wird es keine Volksfeste mehr geben. Eine 1200-jährige Kultur steht auf dem Spiel!“

Quer durch Bayern und Baden-Württemberg geht die Reise des Zirkus Carlos eigentlich. In früheren Generationen sei man sogar bis nach Nordrhein-Westfalen gelangt. „Früher hat man leichter Gastspiele machen können“, erklärt Kollmann, „Die Sicherheits- und Hygienevorschriften sind heute viel strenger.“ Er befürchtet auch, dass sich die Vorschriften nach Corona noch einmal verschärfen werde.

Die große Unsicherheit macht der Familie zu schaffen. „Eigentlich hieß es: Bis 31. August dürfen wir keine Gastspiele geben. Aber die Absagen reichen bis in den September – und wie es nächsten April aussieht, das weiß keiner.“ Karl Kollmann kann es auch nicht recht verstehen: „450 Menschen passen ins Zelt. Wir haben auch schon ein Hygiene-Konzept mit nur 100 Plätzen und ausreichend Abstand vorgelegt.“ Selbst einen Auto-Zirkus habe man schon angedacht. Allein, die dafür nötigen Investitionen übersteigen die inzwischen leeren Kassen. Man kenne es im Zirkus, sich auf die Wintermonate vorzubereiten. Aber es scheint ein sehr langer Winter zu werden.

Auch für die Kinder ist es schwer: Salima (13) kann ihre Luftartistik aus Platzgründen momentan nicht trainieren. „Es ist unser Leben. Wir wollen und dürfen nicht.“ Was Anita (7) und Salima am meisten am Zirkusleben gefällt? „Alles!“ „Die Pferde und die Alpakas!“ „In der Manege stehen!“ Ob sie vor den Auftritten nie aufgeregt sind? „Manchmal. Aber es ist viel langweiliger, hier zu sein.“ Dominik (10) kann Messerwerfen, Lasso-Drehen, die Bullenpeitsche knallen lassen. Er will Handstandartist werden, seine Schwestern Hochseilartistinnen.

Hoher logistischer Aufwand und Materialeinsatz

Um den kleinen Zirkus nur etwa 50 Kilometer weit zu transportieren wären an rund zwei Tagen alle Hände beschäftigt, drei Fahrer laufend im Einsatz. Der dafür zu unterhaltende Fuhrpark umfasse, so die Familie, unter anderem 16 Wohnwägen, Tiertransporter, Mannschaftswägen und das Zelt.

Nicht alles kann stillgelegt oder abgemeldet werden. Für die Tiere muss Futter transportiert werden, die Tierpfleger sind unersetzlich. Auch im Ruhezustand fällt viel Arbeit an, von Pflege über Wartung bis hin zum Auslauf und Üben. Mit etwa drei Jahren erst, weiß der Trainer, ist ein Tier soweit, dass mit dem speziellen Manege-Training (etwa Lichteffekte, Akustik, Klatschen) begonnen werden kann. Rund ein Jahr dauert die zeitintensive Ausbildung und: Nicht jedes Tier kann alles. „Wir können die Tiere nicht einfach verkaufen. Sie sind unser Leben, gehören zur Familie. Der erste Gang morgens geht in den Stall. Viele von ihnen sind sogar bei uns geboren.“ Der jüngste Nachwuchs, ein Hengstfohlen, steht noch etwas verträumt schauend neben seiner Mutter in der Box. Daneben gibt es noch weitere Pferde, Esel, Alpakas, Kamele und Hunde. Rund 20 Tiere brauchen jeden Tag Futter.

Ein Rundballen Heu koste etwa 70 Euro und etwa 150 Kilo Heu brauchen die Tiere insgesamt am Tag. Dazu kommen noch Stroh, Hafer, Pferdemüsli und Hundefutter. Um die Versorgung der Tiere zu gewährleisten bittet die Familie Kollmann nun um Mithilfe der Bevölkerung. „Geldspenden werden nur für Artisten und Tiere verwendet! Als Dankeschön werden wir auf unserem ersten Platz eine kostenlose Vorstellung für alle geben, die uns geholfen haben!“ Gespendetes Tierfutter könne auch abgeholt werden.

Wer spenden möchte, kann Familie Kollmann unter Telefon 0174 9513629 erreichen. Spendenkonto: Postbank, Jessica Kollmann, IBAN: DE69 7001 0080 0874 015801, BIC: PBNKDEFF.


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