03.04.2014, 13:28 Uhr

Sport Ein Türke aus Regensburg sagt Erdogan öffentlich den Kampf an

Ünsal Arik mit dem T-Shirt, das in der Türkei im Moment heiß diskutiert wird. Foto: privatÜnsal Arik mit dem T-Shirt, das in der Türkei im Moment heiß diskutiert wird. Foto: privat

In seiner Heimat hat Ünsal Arik einen Skandal ausgelöst – er protestierte gegen den übermächtigen Erdogan. Morddrohungen gibt es jetzt angeblich auch aus Regensburg.

Ganz Europa schaut auf die Entwicklung in der Türkei, denn am Bosporus verläuft die ganz große tektonische Platte der Kulturen – die Türkei ist europäisch-islamisch oder islamisch-europäisch, je nachdem, wie man es sehen will. Gerade weil die Türkei eine starke Verbindung durch fast vier Millionen Menschen hat, die in Deutschland leben und türkischstämmig sind, stand die Frage nach einer Integration nach Europa über Jahre hinweg im Raum.

Doch durch den konservativen Regierungschef Recep Tayyip Erdogan und seine konservative Partei ist die Türkei eher von Europa abgerückt: Das Twitter- und Youtube-Verbot, weil im Internet ein angebliches Telefonat des Regierungschefs aufgetaucht ist, in dem Erdogan von Millionen Euro spricht, die sein Sohn wegschaffen solle, hat die Türkei ganz klar vom Westen entfernt.

Doch was bewegt die Türken, die hier in Regensburg eine Heimat gefunden haben? Der Boxer Ünsal Arik ist in Regensburg geboren. Er ist einer der vielen türkischstämmigen Bürger Regensburgs, die starke Wurzeln in das Land voller Widersprüche am Bosporus haben. Jetzt hat Arik in der Türkei für einen handfesten Skandal gesorgt.

Anlässlich eines Boxkampfes trug Arik ein T-Shirt, das ihn schlagartig in der Türkei berühmt machte. Viele TV-Stationen berichteten über Arik, auch die große türkische Tageszeitung Hürriet widmete dem Regensburger Berichte. Vor einem Kampf in Tekirdag kam Arik mit dem Shirt, auf dem folgender Satz stand „Dieses Land gehört Atatürk, nicht Tayyib“ – das ist der Vorname des mächtigen Erdogan. Um zu verstehen, was dann passierte, muss man die türkische Geschichte und die politischen Umstände in der Türkei kennen. Atatürk gilt als der politische Übervater in der Türkei. Ihn zu schmähen oder verächtlich zu machen, ist in der Türkei strafbewährt. Dabei steht Atatürk für einen laizistischen Staat, in dem Glauben und Politik strikt getrennt sind. Erdogan aber steht mit seiner konservativen Partei für eine zum Islam hingewandte, konservative Gesellschaft. In der Türkei den Ministerpräsidenten anzugreifen, und das auch noch öffentlich, ist nicht ungefährlich – Arik wurde nach seinem Auftritt mit Boxverbot in der Türkei belegt.

Doch was hat ihn überhaupt dazu bewogen, das T-Shirt zu tragen? „Dass Erdogan ein Diktator ist, brauche ich nicht zu erwähnen“, so Arik. „Die Mehrheit der Bürger in der Türkei ist gegen ihn. Wie er Stimmen bekommt? Mit eigenen Augen habe ich gestern gesehen, wie sie armen Familien bis zu 350 Lira anbieten, wenn die ihre Stimme für AKP abgeben.“

Was Arik seit seiner Aktion erfahren hat, zeugt nicht von Demokratie: „Nach der T-Shirt-Aktion ist Herr Erdogan und seine sogenannte demokratische Partei so weit gegangen, dass sie den Fernsehsender ‚Kanaltürk‘ für das Ausland gesperrt haben und mich zu einer Entschuldigung zwingen wollten. Jetzt darf ich in der Türkei nicht mehr boxen!“ Das, was der Boxer jetzt erlebt, ist unvorstellbar: „Da ich weiß, dass die AKP rechtsislamische Gruppen und Kurden, die zur PKK gehören, finanziell unterstützt, um Stimmen zu bekommen, habe ich von solchen Gruppen aus Regensburg und verschiedenen Städten bereits Morddrohungen erhalten.“

Der Regensburger war sogar bei einem der bekanntesten Nachrichtensprecher in Istanbul, Can Dündar, zu Gast. „Es gibt, glaube ich, auch keine türkische Zeitung, die nicht darüber geschrieben hat“, so der Regensburger weiter. „Menschen, die Angst hatten bzw. haben, haben dadurch wieder Mut gewonnen und schreiben wieder öffentlich über Atatürk und ihren Nationalstolz und posten jedesmal dabei mein Foto mit dem Shirt.“

Ob sich in der Türkei etwas ändern wird? In absehbarer Zeit wohl kaum. Das weiß auch Ünsal Arik – boxen darf er in seiner Heimat nun wohl nicht mehr.


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