04.09.2013, 14:07 Uhr

Nazis Drei ehemalige Auschwitz-Aufseher aus Ostbayern sollen angeklagt werden – auch eine Frau!

Drei der insgesamt etwa 30 früheren Aufseher im Konzentrationslager Auschwitz sind aus Ostbayern. Das bestätigte der Leiter der Zentralen Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen gegenüber dem Wochenblatt.

REGENSBURG _25 LUDWIGSBURG Drei der insgesamt 30 früheren Aufseher im Konzentrationslager Auschwitz stammen aus Ostbayern. Das bestätigte unserer Zeitung auf Nachfrage der Leiter der Zentralen Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg, Kurt Schrimm. "Wir haben einen Mann mit Jahrgang 1923 aus Landshut", sagte Schrimm am Mittwoch, 4. September, dieser Zeitung. "Außerdem haben wir einen Mann aus Traunstein, ebenfalls Jahrgang 1923." Zudem, so Schrimm weiter, befänden sich unter den Verdächtigen auch "eine Frau, Jahrgang 1920, aus Passau." Alle drei sollen, wie 27 weitere Personen, während des Dritten Reichs in Auschwitz als Aufseher in einem der schlimmsten Vernichtungslager der NS-Zeit gearbeitet haben.

Schrimm sagte zu unserer Zeitung, bislang habe man keine Ermittlungen gegen diese Personen eingeleitet, weil man wegen der Einstufung des Bundesgerichtshofes aus dem Jahre 1969, wer ein Helfer im NS-vernichtungssystem war, gefolgt war. Doch diese Einschätzung habe sich durch den Fall Demjanjuk geändert, so Schrimm weiter.

Ob und in wie vielen Fällen letztlich Anklage erhoben werden kann, ist Schrimm zufolge allerdings offen. "Ich möchte vor übertriebenen Erwartungen warnen", sagte der Jurist. "Wir wissen nichts über den Gesundheitszustand der Betroffenen. Vielleicht können nur einige wenige angeklagt werden."

Die Zentralstelle ist keine Anklagebehörde. Sie führt sogenannte Vorermittlungsverfahren, sucht Beweise und gibt die Fälle dann je nach Prüfergebnis an die zuständigen Staatsanwaltschaften ab. Diese entscheiden dann über die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens und eine mögliche spätere Anklage.

Schrimm zufolge hatten zwar zunächst 49 noch lebende Aufseher des Lagers Auschwitz-Birkenau identifiziert werden können. Davon starben jedoch mittlerweile neun, sieben leben im Ausland. Zwei weitere konnten nicht ermittelt werden, ein Verfahren ist bereits bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart anhängig. "Es bleiben somit 30 Beschuldigte", sagte Schrimm.

In Bayern liegen demnach sieben Fälle vor, in Baden-Württemberg sechs. In Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen leben jeweils vier Verdächtige, in Sachsen-Anhalt und Hessen je zwei. Jeweils einen Fall gibt es in Rheinland-Pfalz, Hamburg, Schleswig-Holstein, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern.

Das Simon-Wiesenthal-Zentrum begrüßte den Schritt der Ludwigsburger Behörde. Der Nazi-Jäger und Direktor des Wiesenthal-Büros in Jerusalem, Efraim Zuroff, bedauerte zugleich, dass es die Bemühungen um eine Strafverfolgung nicht viel früher gegeben habe. "Diese Untätigkeit erlaubte es Tausenden der schlimmsten Direkttäter, der Gerechtigkeit zu entkommen", erklärte Zuroff.

Nach dem Urteil gegen den früheren KZ-Aufseher John Demjanjuk aus dem Jahr 2011 hatte die Zentralstelle ihre Suche nach mutmaßlichen NS-Tätern deutlich ausdehnen können. Denn nach dem damaligen Richterspruch des Münchner Landgerichts gegen Demjanjuk reicht die Tätigkeit in einem Vernichtungslager für eine Verurteilung wegen Beihilfe zum Mord aus. Demjanjuk war wegen dieses Delikts in 20.000 Fällen zu fünf Jahren Haft verurteilt worden.

Schrimm verwies zugleich darauf, dass die Zentrale Stelle derzeit die Tätigkeit aller ehemaliger Angehöriger der Vernichtungslager und der sogenannten Einsatzgruppen erneut rechtlich prüfe. Die Behörde plant demnach, die entsprechenden Überprüfungen des Konzentrationslagers Majdanek innerhalb des nächsten halben Jahres abzuschließen. Für die übrigen Verfahren könne kein voraussichtlicher Termin genannt werden.

Neben ehemaligen KZ-Aufsehern sehen sich derzeit auch andere mutmaßliche NS-Kriegsverbrecher weiterhin mit strafrechtlichen Nachforschungen konfrontiert. So führt die Staatsanwaltschaft Dortmund weiter ein Ermittlungsverfahren gegen insgesamt sechs Beschuldigte wegen des SS-Massakers im französischen Oradour-sur-Glane. Bei der Tat vom Juni 1944 waren 642 Einwohner grausam ermordet worden, unter ihnen 247 Kinder. Bundespräsident Joachim Gauck will den Ort des Verbrechens am Mittwoch im Zuge seiner derzeitigen Staatsvisite in Frankreich besuchen.


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