09.12.2012, 09:25 Uhr

Focus-Interview Erzbischof Gerhard Ludwig Müller: "kreuz.net hat nichts mit der Kirche zu tun"

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Der neue Glaubenspräfekt im Vatikan, Erzbischof Gerhard Ludwig Müller, hat extremistische Strömungen in der katholischen Kirche in Deutschland verurteilt.

REGENSBURG/ROM Er beobachte ein Auseinanderdriften fortschrittlicher und traditionalistischer Gruppie­rungen, sagte der oberste katholische Glaubenshüter im Interview des Nachrichtenmagazins Focus: "Diese Lager, die sich wechselseitig bekämpfen, meinen, man fördere die Kirche am besten, indem man die anderen rausekelt." Dieses Fraktionsdenken sei ein Krankheits­symptom. "Als Kongregation muss ich den Kampfhähnen auch mal sagen: So geht es nicht, das ist schädlich." Plattformen wie Kreuz.net wollen laut Müller der katholischen Kirche schaden und haben nichts mit ihr zu tun. Das Verhalten der Autoren, die dort hetzten, sei "das Gegenteil von christlich, was bedeutet, dass man anständig mit Menschen umgeht".

Auf die Piusbruderschaft geht die Kirchenleitung nach den Worten Müllers nicht in dem Sinn zu, "dass es irgendwelche Zugeständnisse im Glauben geben könnte". Diese falsche Einschätzung habe leider zu einem Prestigeverlust in der Öffentlichkeit geführt. Jeder, der katholisch sein wolle, müsse sich fragen, ob die Loyalität zu seiner Gruppe größer als das Verlangen nach Einheit der Kirche sei. Die Piusbruderschaft sei "ein lockerer Zusammenschluss von Priestern, der nicht behaupten kann, er stehe für die katholische Kirche".

Zur Christenverfolgung sagte Müller, auch in Staaten mit islamischer Mehrheit dürften Christen nicht zu Bürgern zweiter Klasse erklärt werden: "Wir werden islamische Theologen bitten darzulegen, dass der Koran nicht erlaubt, andere Menschen zu entrechten oder gar an Leib und Leben zu bedrohen, und dass sich Terrorismus niemals auf Gott berufen kann." Auch im Westen sei die Religionsfreiheit in Gefahr. Einzelne politische Gruppen seien so von ihrer Meinung überzeugt, dass sie "ihre totalitäre Ideologie Andersdenkenden mit Gewalt aufdrücken" wollten, so Müller. "Dass in westlichen Ländern beispielsweise kirchliche Krankenhäuser gezwungen werden sollen, Abtreibungen vorzunehmen, ist eine Ungeheuerlichkeit." Auch in Deutschland gebe es Urteile, "die uns Sorgen machen und die man hinterfragen muss". So entspringe das Kölner Beschneidungsurteil "auch einem gewissen deutschen Wahn der Gleichmacherei".

Forderungen nach einer Kommunion für Wiederverheiratete erteilte Müller, der durch sein Amt der drittmächtigste Mann im Vatikan ist, eine klare Absage. Die Ehe sei keine Zweckgemeinschaft auf Zeit, sondern ein Sakrament. Allerdings verwies der Erzbischof auf die in Deutschland nur wenig genutzte Möglichkeit der Ehe-Annulierung: "Es gibt die Möglichkeit, zu prüfen, ob die kirchliche Eheschließung wirklich so getroffen wurde, dass sie sakramental unauflösbar ist."


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